Volle Notaufnahmen, lange Wartezeiten und teilweise überfordertes Personal. Was die Familie Waschniewski im vergangenen Jahr im Kreiskrankenhaus Lörrach erlebte, ist kein Einzelfall. Fast jeder, der in seinem Bekannten- oder Familienkreis einen schweren Krankheitsfall oder einen Unfall erlebte, kann über ähnliche Erfahrungen berichten. Als sich die Familie an unsere Zeitung gewandt hat, tat sie dies ausdrücklich nicht, um ein Fehlverhalten von Ärzten oder des Pflegepersonals anzuprangern, sondern um einen Appell an die eigentlich Verantwortlichen für die Zustände zu richten: Die Gesundheitspolitiker. Was die Familie berichtet, ist nämlich ein Fallbeispiel dafür, dass einiges schief läuft im Krankenhauswesen.

Ärzte und Krankenpfleger können am wenigsten für die schwierigen Rahmenbedingungen, die ihnen die Politik setzt. Es sind die politisch Verantwortlichen in Bund, Land und Landkreisen, die mit Unterstützung der Krankenkassen das Gesundheitswesen seit Jahren auf "Effizienz" trimmen. Damit ist aber vorrangig nicht die möglichst optimale Wirksamkeit der medizinischen Behandlung der Patienten gemeint. Vielmehr wird jede Behandlung und jede Untersuchung einer Wirtschaftlichkeitsberechnung unterworfen. Rote oder schwarze Zahlen sind aber ein schlechter Maßstab für die Qualität medizinischer Versorgung.

Das gesamte Gesundheitswesen ist ein komplexes System: Kleine Veränderungen an der einen Stelle können dramatische Auswirkungen an einer ganz anderen Stelle haben. Beispiel: Der seit Jahren grassierende Haus- und Facharztmangel führt nun dazu, dass sich die Patienten gleich in die Notaufnahmen der Krankenhäuser setzen, statt lange auf einen Facharzttermin zu warten. Effizient ist das freilich nicht, weder wirtschaftlich noch medizinisch: Weil die Krankenkassen nicht alle Untersuchungen bezahlen, können die Notaufnahmen nicht kostendeckend arbeiten. Also muss an anderer Stelle gespart werden. Dass unter diesen Umständen die Arbeitsbedingungen für Ärzte und Pfleger leiden und das Personal in die nahe Schweiz abwandert, trifft den Hochrhein zusätzlich.

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Mit dem Argument "Kleine Krankenhäuser können nicht effizient arbeiten" werden nun Zentralkrankenhäuser in Lörrach und Albbruck gebaut. Unter großem Druck der Politik wurde das Bad Säckinger Spital quasi über Nacht geschlossen. War das effizient? Für die Bürger im westlichen Teil des Landkreises Waldshut wurde die Notfallversorgung deutlich ausgedünnt. Die Belastung der bestehenden Notaufnahmen steigt hingegen an – mit Konsequenzen, die immer deutlicher spürbar werden: Fälle, wie der der Familie Waschniewski, werden damit häufiger.

"Die akute Notfallversorgung muss möglichst wohnortnah sichergestellt werden", schrieb vor zwei Jahren selbst der Verband B-52, dem fast alle baden-württembergischen Krankenkassen angehören. Krankenhausschließungen fordern die Kassen nur in Ballungsräumen, wo eine hohe Versorgungsdichte bestehe. "Dadurch freiwerdende Mittel sollten eingesetzt werden, um Krankenhäuser im ländlichen Raum zu unterstützen", hieß es in einem Positionspapier des Kassenverbandes zur Krankenhausversorgung in Baden-Württemberg aus dem Jahr 2017.

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Dies klingt heute genauso unglaubwürdig wie das vollmundige Versprechen, das der baden-württembergische Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) bei seinem Besuch in Bad Säckingen im Juli 2017 machte: "Wir unterstützen Sie auf dem Weg zum Zentralklinikum mit allen zur Verfügung stehenden Maßnahmen, dass der Betrieb in beiden Kliniken aufrechterhalten und angeboten werden kann. Und wir unterstützen Sie darin, dass wir die deutliche Verbesserung der ambulanten Versorgung und notärztlichen Versorgung [erreichen]. (...) Uns können Sie beim Wort nehmen.“

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