Zusatzangebote werden abgesagt, Klassen zusammengelegt, Unterricht fällt aus – die Lehrerversorgung an vielen Schulen in Baden-Württemberg ist angespannt. Da sind auch die Schulen am Hochrhein keine Ausnahme.

Wegen personeller Engpässe gibt es an der Grundschule in Willaringen (Rickenbach) derzeit nur noch drei statt bislang vier Klassen. An der Wehrer Gemeinschaftsschule fällt der Zusatzunterricht am Nachmittag aus, da zwei Lehrer an anderen Schulen aushelfen müssen.

Auch an der Grundschule in Wutach kennt man diese Probleme. Vor dem Schuljahr 2016/17 ging eine Lehrerin dort in den Ruhestand – die Stelle, eine von fünf Lehrerstellen an der Schule, blieb unbesetzt. Auch hier mussten Kollegen aus benachbarten Schulen aushelfen. Mittlerweile hat sich die Situation beruhigt.

Unterstützung für die Grundschule Wutach

Rektorin Doris Baumann äußert sich zufrieden: „Die Grundschule Wutach ist mit Lehrerstunden versorgt und es findet in diesem Schuljahr der Pflichtunterricht in allen Klassen statt. Wir haben zu Schuljahresbeginn eine Lehrerin bekommen und eine abgeordnete Lehrkraft aus einer Nachbarschule“, berichtet sie. Durch die Teilnahme am Jugendbegleiterprogramm des Landes könne die Schule zudem Arbeitsgemeinschaften durch ehrenamtliche Jugendbegleiter anbieten.

Doch solch eine Erleichterung scheint in Baden-Württemberg selten zu sein. Bereits jetzt geht das Kultusministerium für das kommende Schuljahr davon aus, dass 500 Grundschullehrer fehlen werden. Den 1600 frei werdenden Stellen stehen dann nur 1100 Lehrer mit Lehrbefähigung für die Grundschule gegenüber.

Aus diesem Grund will das Ministerium Gymnasiallehrer für die Klassen 1 bis 4 begeistern. Eine spätere Einstellungszusage im gymnasialen Lehramt soll Anreiz schaffen, zunächst an einer Grundschule zu arbeiten.

Noch keine Prognosen für das kommende Schuljahr

Wie es im kommenden Jahr an den 51 Grundschulen mit rund 6400 Schülern im Landkreis Waldshut aussehen wird, darüber hält sich das zuständige Schulamt in Lörrach bedeckt. „Für das neue Schuljahr können derzeit keine Aussagen getroffen werden, da die planungsrelevanten Daten noch nicht vorliegen“, teilt das Amt auf Anfrage mit.

„Wie die Kultusministerin bereits zu Schuljahresbeginn geäußert hat, ist auch bei uns die Versorgung ‚auf Kante genäht’“, erklärt Schulamtsdirektorin Katharina Haag.

Dank des „hervorragenden Einsatzes von Schulleitungen und Lehrkräften“ könne der Pflichtunterricht in der Regel erteilt werden, sagt Haag. Pensionäre, Rückkehrerinnen aus der Elternzeit und Krankheitsvertreter seien überall im Einsatz. „Auch von Teilzeiterhöhungen und Abordnungen machen wir Gebrauch“, so die Schulamtsdirektorin.

Wie das Regierungspräsidium Freiburg mitteilt, liegt die die Unterrichtsversorgung an Grund-, Haupt-, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen sowie an sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren im Staatlichen Schulamt Lörrach (Landkreise Waldshut und Lörrach) bei knapp unter 100 Prozent, an den Gymnasien in der Region bei knapp über 100 Prozent.

Klassenzusammenlegung bringt Entspannung

An der Grundschule Rickenbach hat sich die Situation durch die Klassenzusammenlegungen fürs erste ein wenig entspannt. „Die Lehrerversorgung an der Grundschule Rickenbach ist weiterhin angespannt, dennoch gelingt es uns im jetzigen Modell, den Pflichtunterricht für alle Schülerinnen und Schüler abzudecken“, erklärt Schulleiter Bernd Mugrauer.

Die Zusammenlegung von Klassen und Neubildung von Klassen im laufenden Jahr sei natürlich eine für die Kinder belastende und nicht wünschenswerte Situation, ist sich der Rickenbacher Schulleiter bewusst.

Das sieht auch Peggy Mutter, Vorsitzende des Elternbeirats der Grundschule Rickenbach, so. „Die Eltern fühlen sich hilflos oder sind wütend und spüren eine Erklärungsnot gegenüber den Kindern“, beschreibt sie den Zustand, wie sie ihn als Elternbeiratsvorsitzende erlebt. Viele würden den Frust an den Lehrern und der Schule ablassen.

„Andererseits gibt es auch Eltern, die sich Sorgen machen, wie lange ‚unsere‘ Lehrer diesem Druck und der Belastung noch standhalten“, erklärt die Elternbeiratsvorsitzende.

Schulleiter Bernd Mugrauer kann die Unzufriedenheit der Eltern nachvollziehen, doch er sagt auch: „In besonderen Situationen steht aber die Sicherung des Pflichtunterrichts im Mittelpunkt. Bei allen Veränderungen haben wir, soweit dies möglich war, stets darauf geachtet, dass die Kinder ihnen bekannte Lehrkräfte als Bezugsperson behalten.“

Was Eltern von der Politik fordern

Für Peggy Mutter ist daher klar, dass gehandelt werden muss. „Die Versäumnisse der letzten Jahre müssen ausgebügelt werden und beispielsweise mehr Lehramtsanwärter zugelassen werden“, nennt sie eine der Eltern-Forderungen an die Politik.

„Kinder sind unsere Zukunft, da darf es keine engen Rechnungen nur nach Kosten geben“, ist sie überzeugt und zufrieden mit der Zusammenarbeit zwischen Eltern, Schule, Gemeinde und Schulamt. Diese lobt auch Schulleiter Mugrauer.

„In der guten Zusammenarbeit von Eltern, dem Elternbeirat, dem Schulträger und der Schulverwaltung zeigt sich, dass alle Beteiligten gemeinsam ein großes Interesse an der Entspannung der aktuellen Situation haben. Für einen Schulleiter steigt in einer solchen Situation die Arbeitsbelastung, verändert sich der Arbeitsschwerpunkt – im Stich gelassen wird er nicht“, betont Bernd Mugrauer.

Für Stellen im kommenden Schuljahr wird die Grundschule Rickenbach in allen Ausschreibungsverfahren berücksichtigt, zwei Kolleginnen hätten bereits zugesagt. Es scheint, als wäre auch hier Entspannung in Sicht.

Interview: "AGs und Förderstunden kennen viele Schulen nur noch vom Hörensagen"

Michael Gomolzig, stellvertretender Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung, kritisiert den Lehrermangel und fordert eine gerechtere Besoldung von Grundschullehrern.

Herr Gomolzig, welche Note geben Sie der aktuellen Lehrerversorgung in Baden-Württemberg und wie schätzen Sie die Situation ein?

Hier muss man – wie in der Schule auch – differenzieren. Dringender Bedarf herrscht sowohl in den Grundschulen als auch in den SBBZ, vormals Sonderschulen. Insgesamt ist die gesamte Versorgung der Schulen „auf Kante genäht”. Das heißt konkret: wenn alle Lehrer zur Schule kommen, ist der Pflichtbereich meist gesichert. Den Ergänzungsbereich, AGs und Förderstunden, kennen viele Schulen nur noch vom Hörensagen. Die meisten Schulen haben keine oder nur ganz wenige Krankheitsvertretungsstunden. Wenn Lehrer ausfallen, muss Unterricht ausfallen. Da das bei der verlässlichen Grundschule schlecht geht, müssen Klassen zusammengelegt oder von einer Lehrkraft gleichzeitig betreut werden. Statistisch fällt dann kein Unterricht aus, die Qualität leidet jedoch. Oder Lehrer in Teilzeit müssen Überstunden ableisten, obwohl sie bewusst ein niedrigeres Deputat gewählt haben.

Was sind aus Ihrer Sicht die Ursachen hierfür?

Politiker haben davor gewarnt, aufs Lehramt zu studieren. Obendrein hatte die vorige grün-rote Landesregierung angekündigt, 11 600 Lehrerstellen zu streichen, obwohl die Aufgaben in den Schulen zunahmen – Ganztagsschulen, Inklusion, Flüchtlinge, Individualisierung des Lernens. Wer fängt da ein Lehrerstudium an, wenn er damit rechnen muss, nach dem Referendariat bei Aldi Regale auffüllen zu müssen. Wer heute auf Lehramt studiert, kommt frühestens nach sieben Jahren „auf den Stellen-Markt”. Der VBE hat daher eine Verstetigung der Lehrereinstellung und eine langfristige Bedarfsprognose gefordert.

Wie sollte auf den Lehrermangel reagiert werden?

Es sollte keinesfalls dazu führen, dass die Qualität von Unterricht abnimmt, weil nur noch Hilfskräfte zur Verfügung stehen und kein Fachpersonal mehr eingestellt werden kann. Obwohl Grundschullehrer fehlen, haben Pädagogische Hochschulen weiterhin Zugangsbeschränkungen (Numerus clausus). Das darf nicht so bleiben.

Ein aktueller Vorschlag besagt, Gymnasiallehrer, die nach erfolgter Ausbildung an einer Grundschule unterrichten, mit einer Einstellungszusage zu locken – was halten Sie von der Idee?

Gymnasiallehrer empfinden das nach meinem Kenntnisstand als “Abschulung” oder Degradierung, sie verdienen auch deutlich weniger und haben an der Grundschule ein höheres Deputat. Sie haben bewusst Fächer studiert, um mit älteren Schülern fachlich auf hohem Niveau zu arbeiten, und wollen sich deshalb nicht auf den Anfangsunterricht, der ganz anders abläuft, einlassen. Mit Einstellung von Gymnasiallehrern, die fachlich hervorragend qualifiziert sind, kommen Pädagogen an die Grundschule, die mit den Problemen des Anfangsunterrichts nicht vertraut sind.

Die Löcher werden derzeit unter anderem durch Pensionäre und Überstunden geflickt. Was halten Sie von diesen Lösungen?

Pensionäre bringen einen reichen Erfahrungsschatz mit und sind fachlich und menschlich für die Schulen ein Gewinn. Gleichzeitig haben die ihren Ruhestand verdient und sollten nicht über Gebühr belastet werden, zumal das Unterrichten wegen schwieriger gewordenen Schülern immer anstrengender wird. Wichtiger wäre es, Grundschullehrkräfte nicht schlechter als andere Lehrer zu besolden, damit das Amt attraktiver gemacht wird. Ein Grundschullehrer hat auch noch ein höheres Deputat als ein Gymnasiallehrer und dabei eine viel heterogenere Klasse mit ganz anderen pädagogischen Herausforderungen als an einem Gymnasium.

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