Herr Schreiner, im vergangenen Jahr haben Sie als Landtagsabgeordneter das Terrain gewechselt und haben sich – für viele überraschend – für eine Kandidatur für den Deutschen Bundestag entschieden. Haben Sie die Entscheidung inzwischen schon einmal bereut?

Die Entscheidung für einen Wechsel von Stuttgart nach Berlin ist mir wirklich nicht leicht gefallen – sie war aber sehr genau überlegt und mit meiner Familie und vielen Freunden abgestimmt. Ich habe diese Entscheidung bislang nicht bereut und fühle mich darin bestätigt, weil ich in Berlin noch mehr für meine Heimat am Hochrhein erreichen kann. Eine besondere Bestätigung sehe ich darin, dass ich mit 42 Prozent der Erststimmen ein sehr gutes Ergebnis erreichen konnte. So haben die Bürgerinnen und Bürger über meinen Wechsel abgestimmt und entschieden. Mit Sabine Hartmann-Müller habe ich eine kompetente Nachfolgerin, mit der ich sehr gut zusammenarbeite.

In Ihrer jungen Zeit als Abgeordneter musste die Koalition eine große Krise bewältigen. Wie haben Sie als Abgeordneter diesen Donnerstag erlebt?

Ich habe die Sitzung des CDU-Teils der Fraktionsgemeinschaft am Donnerstag als sehr differenziert und sachlich wahrgenommen. In zahlreichen Wortmeldungen wurden die derzeitige Migrationssituation und die Inhalte des Masterplans des Bundesinnenministers analysiert. Mein Eindruck aus der Fraktion ist, dass der Masterplan des Innenministers auf große Zustimmung stößt, die Art und Weise des persönlichen Umgangs mit Bundeskanzlerin Angela Merkel aber eben nicht. Ich kann es also schon gut nachvollziehen, wenn ich aus dem Wahlkreis gefragt werde: "Was ist da eigentlich bei Euch in Berlin los?"

Wie schlimm steht es um die Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU?

Ich will da nichts beschönigen: Die Lage ist schon sehr ernst. In der Sache ringen CDU und CSU um eine Lösung. Ich bin mir sicher, oder zumindest hoffe ich es, dass wir dies in den nächsten Tagen erreichen.

Welche Meinung vertreten Sie – die von Innenminister Seehofer (CSU) oder von Kanzlerin Merkel (CDU)?

Ich unterstütze Bundesinnenminister Horst Seehofer in seinem Vorhaben, Asylsuchende, die bereits in einem anderen EU-Mitgliedstaat registriert sind, an der deutschen Grenze zurückzuweisen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in der Sondersitzung der Fraktion ihre Ziele für den EU-Gipfel in zwei Wochen formuliert und um Zeit bis dahin gebeten. Diese Zeit sollten wir ihr geben. Es braucht in Europa vergleichbare Asylstandards und eine faire Lastenteilung zwischen den einzelnen EU-Mitgliedstaaten. Einige wenige Länder schultern nach wie vor die Hauptlast, während andere weiter vom Spielfeld-rand zusehen. Sollte der EU-Gipfel Ende Juni allerdings erneut zu keinen grundsätzlichen Fortschritten auf europäischer Ebene führen, so müssen wir Zurückweisungen an der nationalen Grenze vornehmen. Es braucht ein klares Signal!

Wie geht es jetzt weiter?

Der Koalitionsvertrag besteht aus mehr als der Asylfrage. Wir haben viele wichtige Themen auf der Agenda. Dort finden sich die Digitalisierung, der Ausbau der Infrastruktur aber auch Verbesserungen in der Pflege- und Gesundheitspolitik. Alles Themen, die auch für unsere Region von sehr großer Relevanz sind. Jedem Beteiligten muss klar sein, dass er einen Auftrag der Wähler zu erfüllen hat und nicht aus Selbstzweck Mitglied des Bundestages ist.

Dem auch Sie angehören. Wie waren die ersten Monate in Berlin? Von außen betrachtet würde man sagen, alles ein wenig größer, komplexer und interessanter? Trifft es das?

Das trifft es schon ziemlich gut. Die ersten Wochen waren schon schwierig, nicht zuletzt wegen der schleppenden Regierungsbildung. Die Aufgabenfülle ist immens, auch weil ich von der CDU/CSU-Bundestagsfraktion rasch mit wichtigen und aktuellen Themen betraut wurde. Neben der Berichterstattung für die Umsetzung des Bundesverkehrswegeplans in Baden-Württemberg, worunter auch die A98 fällt, bin ich in der parlamentarischen Arbeit mit der aktuellen Dieselthematik und dem Vorsitz des Parlamentskreises Elektromobilität bestens ausgelastet. Dazu kommt natürlich eine Verdoppelung meines Wahlkreises, den ich als direktgewählter Abgeordneter zwischen dem Jestetter-Zipfel und den Toren der Stadt Freiburg mit einer hohen Präsenz betreuen möchte.

Ist es auch gefährlicher? Wo lauern die Fallstricke?

Gefährlich ist der falsche Begriff: Ich habe aber schon auch lernen müssen, dass jeder genau hinhört, was und wie ich etwas sage. Da ich an fast sieben Jahre aktive Abgeordnetenzeit im Landtag nahtlos anknüpfen kann, beginne ich nicht ganz bei Null und wusste, was mich erwartet. Die Bundespolitik ist mit Sicherheit ein Stück härter, direkter und schneller. Für mich gilt nach wie vor der Grundsatz, dass ich ein „Abgeordneter zum Anfassen“ und deshalb viel im Wahlkreis unterwegs sein möchte. In den sozialen Netzwerken folgen mir inzwischen über 6000 Menschen direkt bei meiner Arbeit – das ist schon eine andere Hausnummer.

Inzwischen haben Sie Ihre Jungfernrede im Reichstag gehalten. Wie war es, vor so einem großen Plenum zu sprechen? Waren Sie nervöser als vor Ihrer Jungfernrede im doch eher beschaulichen Stuttgarter Landtag?

Oh ja! Ich war schon richtig nervös, als ich zum ersten Mal im Deutschen Bundestag reden durfte. Alles andere wäre aber auch nicht normal. Ich habe eine sehr lebendige Debatte zum Dieselskandal erlebt, bei der es zum Schluss sehr kontrovers zur Sache ging. In diesen Momenten wird dir vor allem nochmal klar: „Du vertrittst hier die Menschen, die dir mit großer Mehrheit ihr Vertrauen geschenkt haben.“

Worin unterscheidet sich die Arbeit eines Landtags von dem des Deutschen Bundestages? Ist das eine maximal Bundesliga und die Arbeit in Berlin Champions-League?

Solche Vergleiche sind nicht angemessen, da die Themen einfach gänzlich andere sind. Mit Sicherheit ist ein großer Unterschied, dass eben die gesamte Bundesrepublik im Parlament vertreten ist: Bundeskanzlerin Angela Merkel nimmt jeden Dienstag an unserer Fraktionssitzung teil und ist dort für alle Anliegen ansprechbar. Als ich ihr nach ihrer Wahl zur Bundeskanzlerin gratuliert habe, haben wir beispielsweise über den Schwarzwald und die Zukunft des ländlichen Raums gesprochen.

Haben Sie sich die Arbeit als Bundestagsabgeordneter so vorgestellt? Ist es besser als erwartet oder wurden Sie in dem ein oder anderen Punkt auch schon enttäuscht?

Unsere Region hat gerade in der Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur großen Nachholbedarf – zum Teil auch durch mangelnde Geschlossenheit. Ein Beispiel: Es ist mir in vielen Gesprächen mit Innenminister Thomas Strobl gelungen, über 70 Millionen Euro für den Breitbandausbau in die Region zu holen. Dieses Geld zu verbauen wird Jahre dauern. Bis wirklich jeder Schwarzwaldhof schnelles Internet hat, wird es noch länger dauern. Das ist für einen selbst nicht immer befriedigend, da man nicht alles bis zuletzt in der Hand hat.

Als neugewählter Abgeordneter wurden Sie auf Anhieb Mitglied des einflussreichen Verkehrsausschusses und Co-Vorsitzender des Parlamentskreises Elektromobilität? Wie haben Sie das geschafft? Funktioniert Ihr Netzwerk in Berlin bereits so gut?

In der Tat freut es mich, dass mir meine Fraktion diese Funktion zutraut und ich nun in dem Bereich arbeiten kann, den ich zuvor als verkehrspolitischer Sprecher im Landtag vorangetrieben habe. Das ist nicht vom Himmel gefallen und ich habe gemeinsam mit meinem Landesgruppenvorsitzenden Andreas Jung aus Konstanz an die eine oder andere Tür klopfen müssen. Mit dem neuen Staatssekretär für Verkehr, Steffen Bilger aus Baden-Württemberg, arbeite ich seit Zeiten der Jungen Union eng zusammen. Ich denke, dass wir gemeinsam gerade bei den für den Hochrhein wichtigen Verkehrsthemen viel voranbringen können.

In Berlin regiert nach langen Geburtswehen erneut eine große Koalition aus CDU und SPD. Unser Wahlkreis stellt mit Ihnen und Rita Schwarzelühr-Sutter (SPD) zwei Mitglieder der Regierungsfraktionen. Hilft das, dass im Wahlkreis Dauerthemen endlich zu einem für die Wähler guten Ergebnis gebracht werden?

Schon im Landtag habe ich mit meinen SPD-Kollegen wie Alfred Winkler und Hidir Gürakar gut zusammengearbeitet. Die Herausforderungen, vor denen unsere Region angesichts des demografischen Wandels, der Gesundheitsversorgung und der Infrastrukturthemen steht, sind immens – da ist eine Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg wichtig. Zur Wahrheit gehört aber auch: Viele Aufgaben sind so komplex, dass sie sich nicht innerhalb weniger Wochen lösen lassen. Zur Politik gehört eben leider auch ein langer Atem.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag als Bundestagsabgeordneter eigentlich aus? Können Sie einen normalen Tag bitte einmal kurz skizzieren?

Der Tag beginnt frühmorgens mit den ersten Sitzungen. In meinem Fall sind das meistens Verkehrsthemen und Besprechungen mit der Arbeitsgruppe Verkehr, an denen oft auch Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer teilnimmt. Anschließend ist der Ausschuss oder die Gesamtfraktion dran, bei deren Sitzung auch die Kanzlerin stets anwesend ist. Abends treffe ich mich dann oft noch mit Verbänden, Unternehmen aus dem Wahlkreis und natürlich sehr vielen Besucherinnen und Besuchern aus dem Wahlkreis.

Haben Sie eigentlich noch Hoffnung auf normale Zustände auf der Hochrheinbahn? Was müssen beziehungsweise was können Sie dafür tun, dass sich die Zustände schnell ändern?

Zunächst bin ich über die aktuelle Situation echt verärgert. Die Deutsche Bahn hatte mir im Zuge der Inbetriebnahme der neueren Fahrzeuge Anfang Mai eine deutliche Qualitätsverbesserung zugesagt. Mit Enttäuschung stelle ich fest: Es hat sich wenig bis gar nichts verbessert! Unpünktlichkeit, überfüllte Züge, Fahrzeugstörungen sind nach wie vor an der Tagesordnung. Das sind Betriebsmängel, die die DB sehr wohl kurzfristig abstellen könnte – dafür braucht es keine Elektrifizierung. Als Abgeordneter werde ich daher nicht müde, Woche für Woche in Briefen, Telefonaten und Gesprächen auf diese Situation hinzuweisen. Langfristig brauchen wir die Elektrifizierung der Hochrheinstrecke. Hierfür konnten wir 2016 wichtige Planungsschritte unterzeichnen, für die ich mich eingesetzt habe.

Zur Person

Felix Schreiner (32) vertritt seit September 2017 den Wahlkreis Waldshut als Bundestagsabgeordneter der CDU. Er studierte nach seiner Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten Wirtschaftsrecht. 2003 trat er mit 17 Jahren in die CDU ein und wurde vier Jahre später zum Vorsitzenden des CDU-Ortsverbandes in Lauchringen gewählt. 2010 wählte ihn der Kreisverband zum damals jüngsten Kreisvorsitzenden der CDU in Deutschland. Bis zu seiner Wahl zum Bundestagsabgeordneten war er seit 2011 Mitglied des Landtages in Stuttgart. Felix Schreiner ist verheiratet und lebt mit der Familie in Lauchringen.