Frau Weier, wie sieht Ihr Alltag in der Beratungsstelle für sexuelle Gesundheit in Waldshut und Bad Säckingen aus?

In der offenen Sprechstunde kann jeder ohne Termin vorbeikommen. Es ist möglich, sich zu sexuell übertragbaren Erkrankungen beraten oder testen zu lassen. Dies kann anonym erfolgen und ist kostenlos. Zuerst führe ich mit der Person ein Beratungsgespräch. Nach dem Gespräch geht es in die Untersuchungsecke. Dort wird Blut abgenommen und es werden die entsprechenden Abstriche durchgeführt. Die Proben werden dann zum Labor des Landesgesundheitsamts nach Stuttgart geschickt. Nach maximal einer Woche sind die Ergebnisse da. Diese werden dann mit den Klientinnen und Klienten besprochen und gegebenenfalls weitere Maßnahmen eingeleitet.

Wie viele Menschen nehmen Ihr Angebot wahr?

Von Jahresanfang bis heute hatten wir 353 Kontakte in der Beratungsstelle mit 155 HIV-Tests, 100 Syphilis-Tests und 326 Abstrichen. Wir bieten Abstriche und Urinuntersuchungen auf Chlamydien und Gonokokken (Tripper) an. Die Proben werden aus dem Rachen, der Harnröhre oder dem Vaginal- und Anal-Bereich entnommen. Von den Klienten sind drei Viertel Männer und ein Viertel Frauen. Der Unterschied hängt damit zusammen, dass Frauen oft in gynäkologischer Behandlung sind und dort Kontrolluntersuchungen und Beratungsgespräche durchgeführt werden. Das fällt bei den Männern nach dem Kinderarzt weg.

Hat sich die Zahl der Kontakte in den vergangenen Jahren geändert?

Die Zahl ist annähernd gleich geblieben, aber mit steigender Tendenz. Das hängt mit steigender Akzeptanz zusammen. Aber auch wir, die Beratungsstelle, werden durch die digitalen Medien bekannter.

Wie alt sind die Menschen, die zu Ihnen kommen?

Die Altersspanne liegt zwischen 17 und 70 Jahren. Der Großteil ist aber Mitte 20 bis Ende 40. Manche Personen kommen häufiger zur Beratung, weil sie häufig wechselnde Partnerinnen und Partner haben. Andere suchen die Beratungsstelle eventuell nur einmal in ihrem Leben auf, um einen Test vor dem Beginn einer festen Partnerschaft zu machen.

Können Sie auch sagen, wie viele Personen aus dem Landkreis das Angebot aufsuchen?

Das ist schwierig, zu sagen. Es gibt Personen, die hier wohnen, aber gar nicht zu uns kommen. Es gibt in jedem Landkreis Beratungsstellen der Gesundheitsämter. Viele wollen nicht vor der eigenen Haustüre gesehen werden, wie sie in die Beratungsstelle gehen und gehen deshalb woanders hin. Diesen Fall gibt es auch umgekehrt: Personen aus anderen Landkreisen kommen zu uns. Man kann keine genauen Zahlen nennen, weil die Beratung anonym erfolgen kann, das heißt: Keiner braucht seinen Namen oder Wohnort zu nennen.

Dass die Leute sich das vor der eigenen Haustüre nicht trauen, zeigt auch, dass das Thema HIV nach wie vor mit einigen Vorurteilen belastet ist. Warum sind HIV oder Aids eigentlich immer noch ein Stigma?

Das spiegelt sich darin, dass viele Infizierte versuchen, es zu verheimlichen. Für viele Menschen gibt es einen Unterschied zwischen „ich weiß darüber Bescheid“ und „das ist O. K.“, solange die Thematik weit weg von mir ist. Wenn mir dann aber plötzlich jemand mit einer Infektion gegenübersteht, kommen doch Ängste oder Zweifel hoch: „Kann ich dem jetzt noch die Hand geben?“ Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass bekannt ist, dass im normalen alltäglichen Umgang mit einer HIV-infizierten Person nichts zu befürchten ist. Aber selbst nach 30 Jahren Aufklärungsarbeit stellen HIV-Infektionen und andere sexuell übertragbare Erkrankungen immer noch ein Stigma dar.

Ist das Stigma im ländlichen Raum höher?

Im ländlichen Raum ist es schwerer. Da verbreitet sich natürlich so eine Nachricht über eine neue Infektion viel schneller. In der Stadt oder Großstadt ist man anonymer, es wissen nicht alle Bescheid. Da kann man auch in den Supermarkt gehen, ohne dass hinter einem getuschelt wird. Es gibt Klienten, die auch schon berichtet haben, dass sie Probleme am Arbeitsplatz wegen ihrer HIV-Infektion haben. Plötzlich wurde ihnen aus fadenscheinigen Gründen gekündigt. In solchen Fällen vermitteln wir weiter an die Aids-Hilfe, die auch eine Rechtsberatung vermitteln kann.

Aber hat das nicht auch damit zu tun, dass man so oder so wenig über sexuell übertragbare Krankheiten spricht?

Ja genau. Alles, was sexuell übertragbar ist, ist so oder so schon tabu.

Haben Sie Tipps für Betroffene und Angehörige?

Erst mal ist wichtig, wie die Betroffenen selbst damit umgehen und welche innere Einstellung sie zu der Krankheit haben. Für Angehörige und Freunde ist es wichtig, die infizierte Person normal zu behandeln, Spaß zu haben, den Alltag zu gestalten, wie mit jedem Anderen auch. Die Krankheit sollte nicht ständig zum Thema gemacht werden. Schließlich besteht eine Person mit einer HIV-Infektion auch aus vielen anderen Facetten, Talenten und Begabungen.

Wie hat sich die Zahl HIV-Infizierter hier im Raum Bad Säckingen verändert?

Wir hatten in den vergangenen Jahren im Schnitt ein bis zwei Neudiagnosen. Seit ungefähr zwölf Jahren – seit es die neuen Medikamente gibt – ist die Infektionsrate zunächst gleich geblieben, dann aber leicht zurückgegangen. Es ist allerdings zu beobachten, dass die Infektionen mit anderen sexuell übertragbaren Krankheiten ansteigen. Vor allem die Syphilis. Da gab es zum Beispiel in diesem ersten Halbjahr schon 334 Fälle in Baden-Württemberg. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es 319 Neudiagnosen. Im Jahr 2017 gab es insgesamt 689 registrierte Fälle, davon 95 Prozent Männer.

Sie bieten einen HIV-Test an. Seit Oktober kann jeder in Deutschland auch einen Selbsttest kaufen. Hat sich seither etwas für die Beratungsstelle verändert?

Wir hatten in der Beratungsstelle einige wenige Anfragen zu dem Selbsttest. Die Thematik ist noch ziemlich frisch. Verändert hat sich im Hinblick auf unsere Arbeit noch nichts. Der Selbsttest hat zudem eine Wartezeit nach einem möglichen Risikokontakt von zwölf Wochen. Der Bluttest in unserer Beratungsstelle kann bereits sechs Wochen nach einem möglichen Risikokontakt durchgeführt werden, um ein sicheres negatives Ergebnis zu erhalten.