Höfesterben, Milchpreiszerfall, Massentierhaltung und Lebensmittelskandale, Landwirte gefangen in ökonomischen Zwängen und Verbraucher, die wissen wollen, woher kommt, was sie essen – Themen, die unsere Landwirtschaft in den Fokus rücken, gibt es viele. Und sie sind längst mitten in der Gesellschaft angekommen.

Noch weniger bekannt ist das Thema solidarische Landwirtschaft (Solawi), das von Verfechtern als innovatives Zukunftskonzept verstanden wird, als Gegenmodell zur industriellen Landwirtschaft und dem Griff ins Supermarktregal. Bei der solidarischen Landwirtschaft arbeiten die Bewirtschafter von Höfen oder auch Gärtnereien mit engagierten, ernährungs- und umweltbewussten Verbrauchern zusammen und bilden einen eigenen Wirtschaftskreislauf.

Größere Gestaltungsspielräume

Solawi-Produkte gelangen nicht auf den freien Markt. Marktmechanismen auf der Grundlage von Gewinnmaximierung, die oft auf Kosten von Mensch, Tier und Umwelt gehen, greifen nicht. Dadurch haben Solawi-Höfe größere Gestaltungsspielräume.

Sie können viel leichter als dem Markt ausgesetzte Betriebe, eine gesunde Landwirtschaft betreiben und auf Vielfalt und Qualität statt Monokulturen und Masse setzen. Sie können zum Beispiel besondere Sorten ziehen, die auf dem Markt nicht zu finden sind und Produkte, die nicht den handelsüblichen Normen entsprechen – wie krumme Gurken – müssen nicht aussortiert werden.

Umstellung auf solidarische Landwirtschaft

Pionierarbeit leisten im Landkreis Waldshut Joachim und Sonja Kaiser in Klettgau-Bühl. Sie sind hier die ersten, die ihren Hof auf solidarische Landwirtschaft umstellen. Kürzlich stellten sie bei einem Infotag ihr neues Konzept vor. Die Kaisers sehen die solidarische Betriebsform als Chance, ihren Hof zukunftsfähig zu machen.

Unter der Regie von Gärtnerin Sabrina Eichhorn baut der Kaiserhof Gemüse und Kräuter an, die nach der Ernte die Körbe der Mitglieder füllen werden.
Unter der Regie von Gärtnerin Sabrina Eichhorn baut der Kaiserhof Gemüse und Kräuter an, die nach der Ernte die Körbe der Mitglieder füllen werden.

„Wir ernähren mit unserem Hof rund 1000 Menschen, aber diese 1000 Menschen schaffen es nicht, uns zu ernähren“, umreißt Sonja Kaiser die Ausgangslage. Verantwortlich für die finanzielle Schieflage ist laut Joachim Kaiser, der mit rund 35 Cent pro Liter, nicht kostendeckende Milchpreis.

Der Kaiserhof ist rund 105 Hektar groß, rund zwei Drittel der Flächen sind gepachtet. 90 Milchkühe stehen im Stall. Eine Pferdepension ist Teil des Hofs, sie bringt laut Joachim Kaiser das Geld, um die Milchkühe halten zu können. Kern der Umstellung des Kaiserhofs auf solidarische Landwirtschaft, ist die Ausweitung des Gemüseanbaus. Bislang wurde nur für den Privatverbrauch angebaut.

Gärtnerin unterstützt Landwirte

Seit kurzem arbeitet die Gärtnerin Sabrina Eichhorn in Vollzeit auf dem Kaiserhof. Sie hat im organisch-biologischen Gemüseanbau gelernt und ist dabei, nach biologischen Kriterien fast 50 Sorten Gemüse und zusätzlich Kräuter im Freiland und im Folientunnel anzubauen.

Die erste Ernte – vor allem Salat – wird im Mai erwartet. Das Geerntete wird mit jeweils gleichem Inhalt, auf 26 Körbe verteilt werden. 26 deshalb, weil bislang 26 Personen bei der solidarischen Landwirtschaft des Kaiserhofs mitmachen. Jeder der 26 bezahlt gut 100 Euro im Monat als Beteiligung an den Kosten des Hofs und bekommt dafür den 26. Teil der Ernte.

Frisch und vielseitig: Blick auf eine Gemüsekiste der Solawi "Lebensgarten Dreisamteil" in Kirchzarten, jedes Mitglied erhält das gleiche Sortiment. Bild: Lebensgarten Dreisamtal
Frisch und vielseitig: Blick auf eine Gemüsekiste der Solawi "Lebensgarten Dreisamteil" in Kirchzarten, jedes Mitglied erhält das gleiche Sortiment. Bild: Lebensgarten Dreisamtal

Korb voller Gemüse für die Mitglieder

„Wir wollen jede Woche für jedes Mitglied einen Korb machen mit wechselnden Gemüsesortimenten von jeweils fünf bis sechs Produkten“, so Gärtnerin Eichhorn. Milch, Milchprodukte und Fleisch sollen später hinzukommen. Im Winter sollen die Körbe so weit als möglich, mit Lagergemüse und Eingemachtem gefüllt werden.

Grundprinzip aller Solawi-Höfe ist es, Kosten, Ernte und das Risiko zu teilen. Die Mitgliederanteile sind unabhängig vom Ernteertrag fällig. Mit den gekauften Anteilen sichern die Mitglieder die Produktion des Hofs, indem sie seine Ausgaben finanzieren, beispielsweise für Personal, Steuern, Versicherungen und neue Gerätschaften.

Im Gegenzug erhalten die Mitglieder die komplette Ernte. Im Idealfall kann ein Solawi-Hof seine gesamten Kosten durch Anteile auf die Mitglieder umlegen und hat ausreichend Anbaufläche, um sie mit umfangreichen und vielseitigen Ernteanteilen zu versorgen.

Mitglieder können auf dem Acker mithelfen

Der Kaiserhof geht davon aus, dass seine Flächen und Ernten reichen, um rund 45 Mitglieder regelmäßig mit Gemüse zu versorgen. Das heißt, bei bislang 26 Mitgliedern sind weitere willkommen. Zu den Solawi-Grundprinzipien gehört weiterhin ein Mitspracherecht der Mitglieder, beispielsweise bei der Frage, was angebaut wird.

Ob die Mithilfe auf den Äckern Pflicht oder freiwillig ist, regelt jede Solawi für sich. Beim Kaiserhof wird Mitarbeit freiwillig sein. Für alle, die dort gern mitgärtnern wollen, soll es ein Mal im Monat eine Aktion geben. Während der Kaiserhof dabei ist, seine Solawi mit den Mitgliedern zu entwickeln, arbeiten andere in der Umgebung schon einige Jahre erfolgreich.

Wissenswertes um die solidarische Landwirtschaft

  • Verbreitung: 1988 führte der Buschberghof in Fuhlenhagen/Schleswig-Holstein als erster Hof in Deutschland die solidarische Landwirtschaft ein. Im Vergleich zum europäischen Umfeld oder auch den USA (dort spricht man von CSA-Farmen (Community supported Agriculture)), ist solidarisch organisierte Landwirtschaft in Deutschland noch weniger verbreitet. Das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft nennt auf seiner Homepage rund 300 Solawi-Höfe und Solawi-Initiativen. Tendenz steigend.
  • Das sagt das Landwirtschaftsamt: „Das Prinzip der solidarischen Landwirtschaft muss zum Betrieb, dem Leiter und den Betriebsabläufen passen. Es ermöglicht ein ökologisches soziales Wirtschaften jenseits der Zwänge des Marktes. Die Nachhaltigkeit solcher Projekte kann aber ein Problem darstellen, wenn man erkennt, wie viel Aufwand nötig ist, die Flächen vernünftig in Ordnung zu halten. Dieses Modell kann aus unserer Sicht nicht die Zukunft von Höfen sichern. Es kann aber vielleicht dazu beitragen, dass Verbraucher mehr Verständnis aufbringen, warum zum Beispiel frisches Gemüse seinen Preis hat.“ Ludwig Käppeler, Leiter Landwirtschaftsamt Waldshut
  • Solawi ist...:durch Einbeziehung privater Haushalte gemeinschaftlich organisiert: Kosten, Risiko und Ernte werden geteilt.marktunabhängig, regional, saisonal, hochwertig und vielseitig, die Transportwege sind kurz und Verpackung entfällt weitestgehend.transparent: Die Kosten der Produktion als Grundlage für die Berechnung der Beiträge der Mitglieder werden offen gelegt und vom Saat- und Pflanzgut bis zur Ernte, können die Mitglieder das Entstehen des Lebensmittels verfolgen.

Der Lebensgarten Dreisamtal

  • Das Projekt: Zu den im Raum Freiburg tätigen Solawis gehört der Lebensgarten Dreisamtal in Kirchzarten. Hinter ihm stehen ein Verein und eine GbR. Zwei Gärtnerinnen sind in Teilzeit angestellt. 2013 war die erste Anbausaison. Der Lebensgarten zeigt, dass solidarische Landwirtschaft nicht unbedingt einen Hof braucht. Auf dem rund 2,4 Hektar großen Acker, auf dem Gemüse nach Demeter-Richtlinien angebaut wird, steht „nur“ ein Bauwagen. Damit auch im Winter die Kisten der rund 50 Mitglieder gefüllt werden können, wurde zum Einlagern von Gemüse ein Erdkeller gebaut. Gut zehn Prozent der Mitglieder sowie etliche Interessierte helfen nach Aussage des Vereins auf dem Acker mit.
  • Die Gemeinschaft: Idealismus und Vertrauen sind nach Aussage von Steffi Kolarov, Mitinitiatorin des Lebensgartens, Gärtnerin und Lehrerin, nötig beim Aufbau einer Solawi und danach solides Wirtschaften und das Einbeziehen der Mitglieder, damit sie sich mit ihrer Solawi verbunden fühlen. Der Gemeinschaftsgedanke spielt bei der solidarischen Landwirtschaft eine wichtige Rolle. Die Mitglieder treffen sich in der Regel auch zu Festen. Beim Lebensgarten beispielsweise neben den Mitgliederversammlungen, beim gemeinsamen Bewirtschaften eines Kräuter- und Blumengartens, bei Sommer- und Erntedankfesten und beim Backen im selbst gebauten Lehmofen.
  • Die Hürden: Dass solidarisch betriebene Landwirtschaft viele Vorteile hat, ist unbestritten. Ein Selbstläufer ist sie aber keineswegs. Das Hauptproblem sind nach Aussage von Ulrich Stauder, Vorstandsmitglied des Vereins Lebensgarten, oft noch zu geringe Beiträge und falsche Vorstellungen der Teilnehmer: „Sie denken oft noch in Kaufkategorien, also Gemüse gegen Geld, Solawi heißt aber, dass sie mit ihren Beiträgen einen landwirtschaftlichen Betrieb in ihrer Nachbarschaft ermöglichen, als Gegenleistung ihren Ernteanteil erhalten und gegebenenfalls auch das Ernteausfallrisiko übernehmen.“