Was sich vor 20 Jahren noch niemand vorstellen konnte, ist heute Realität: Ein großer Teil der Arbeit in Kfz-Betrieben findet am Computer statt. Mit der zunehmenden Digitalisierung der Autos wurde aus dem Kfz-Mechaniker der Mechatroniker, einer der begehrtesten Ausbildungsberufe unserer Zeit. Neben technischem Verständnis muss dieser auch mit dem Computer umgehen können. Mittlerweile hat die Digitalisierung auch Online-Handel, Bankenwesen und Tourismus, aber auch Pflegesektor, Logistik und Landwirtschaft erreicht. Der Arbeiter wird zum Aufseher über immer selbstständigere Systeme. Manche Berufe verschwinden, andere entstehen neu. Vielen Ausbildungsanwärtern mangelt es laut Ausbildern aber heute immer mehr an Kernkompetenzen.

Der Kompetenzrahmen der Europäischen Kommission nennt 21 Kompetenzen in fünf Bereichen, die in Zukunft besonders gefragt sein werden: Umgang mit Informationen und Daten, Kommunikation und Zusammenarbeit, Erzeugen digitaler Inhalte, Sicherheit und Problemlösen. Gerade der letzte Punkt stellt oft ein Problem dar. „Wir sind dran, aber ganz sicher noch nicht auf einem ausreichenden Stand“, beschreibt Professor Uwe Schirmer von der Dualen Hochschule Lörrach die Herausforderungen für die Didaktik.

Zukunftsorientierte Lehrpläne sind vorhanden. Der Stand seiner Studenten sei laut Schirmer zweigeteilt. Während in den späten 1990er Jahren Geborene mit modernen Schnittstellen wie Computer und Smartphone aufgewachsen sind und eine hohe Anwendungskompetenz für Kommunikationsmedien aufweisen, leiden sie an zum Teil erheblichen Defiziten in der Anwendung von Wissen und der kritischen Auseinandersetzung mit diesem.

Von ähnlichen Wissens- und Kompetenzlücken berichtet Kreishandwerksmeister Thomas Kaiser: „Der Bildungsstand heutiger Azubis ist nicht der beste.“ Teilweise müsse ein erheblicher Teil der Ausbildungszeit in Grundrechenarten und Problemlösungskompetenzen investiert werden. Handwerker müssen schon heute Computersteuerungen für das Smart Home oder computergesteuerte Fertigungsanlagen ebenso gut beherrschen, wie die klassische Handwerkskunst. Trotz guter Konjunktur ist die Lage im Sektor angespannt. „Die Lehrpläne sind aktuell, das Problem sind die wenigen und oft unterqualifizierten Auszubildenden“, so Kaiser. Abiturienten gebe es im Handwerk kaum, so gut wie jeder studiere. Wo Migranten den Bedarf decken, mangelt es an der Sprache. Kaiser, Inhaber eines Sanitärbetriebs, wünscht sich die Stärkung der Realschulen und, „dass mehr ausbildungsfähige junge Leute herangezogen werden“.

Ein ähnliches Bild zeichnet Nina Schulz, Geschäftsführerin des Schulz aktiv Markt in Dogern. Nicht selten fehle bei Ausbildungsbewerbern die Fähigkeit für Grundrechenarten und das Lösen oder gar Erkennen von Problemen. Zwar werde es in Zukunft mit bargeldlosem Bezahlen und vollautomatisierten Kassen den Menschen als Fehlerquelle nicht mehr geben, schon jetzt aber verlasse sich dieser zu sehr darauf, während das Gefühl für Verantwortung gegenüber dem Ganzen zurückgehe. Solche Fähigkeiten, Probleme zu erkennen und in Eigeninitiative zu lösen, zum Beispiel im Regen stehende Ware reinzuholen, komme laut Schulz sowohl in der schulischen, als auch in der elterlichen Ausbildung zu kurz. Gerade die sogenannten Helikopter-Eltern, die ihre Kinder auf Schritt und Tritt behüten, tragen ihrer Meinung nach zu einer weniger ausgeprägten Selbstständigkeit bei. Doch eben diese Fähigkeit sei es, die in Zukunft gefragt sein werde, wenn es darum geht, intelligente Bestellsysteme zu beaufsichtigen. Ihre Unzulänglichkeiten werden auch in Zukunft von Menschenhand kompensiert werden müssen. Zum Beispiel muss ein Gurkenglas auch dann nachbestellt werden, wenn es vom automatisierten System zwischen Kasse und Lager nicht als verkauft erfasst worden ist, da es schlicht heruntergefallen war. Allem voran rücke aber das Beraten in Form von sozialen Kompetenzen und Selbstbewusstsein in den Vordergrund, aber auch, sich dank Medienkompetenz fehlendes Wissen und die Lösung eines Problems selbst erarbeiten zu können – Fähigkeiten, die eher jenen der Ebene der Marktleitung entsprechen. Bereits heute wird hierzu bei Edeka Schulz die dreijährige Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann und Handelsfachwirt angeboten. Das Unternehmen nutzt zudem verschiedene eigene E-Learning-Systeme. „Man muss vieles selbstständig erarbeiten“, bestätigt Auszubildende Janine Küpfer den Ansatz. „Ich strebe aber auch danach, später mehr Verantwortung in leitenden Positionen zu übernehmen.“ Gleichzeitig werde laut Schulz der Bedarf an Arbeitern steigen, die einfache Arbeiten, zum Beispiel das Einräumen von Ware, übernehmen.

Thomas Gehr, Leiter der Justus-von-Liebig-Schule in Waldshut, bestätigt die geforderten Fähigkeiten: „Orientierungswissen im Sinn von wissenschaftlich gesicherten Daten und Fakten sowie ein selbstständiges Denk- und Urteilsvermögen sind elementar und werden an unserer Schule stark betont.“ Darüber hinaus nimmt er die Eltern in die Pflicht. Die Wahl einer Ausbildung statt eines Studiums dürfe auf keinen Fall als ein Zeichen des Versagens gewertet werden. Zuversicht in die eigenen Wünsche, Fähigkeiten und die Umgebung sind wichtig, um das Können und das Wissen für die Arbeitsplätze der Zukunft erlangen zu können. Die Lehrpläne hierzu seien vorhanden. Können und Wissen sind verfügbar. Was fehlt ist, diese im Alltag zum Einsatz bringen und trainieren zu müssen.