Eine Journalistin und ein Fotograf aus Laufenburg haben ihrer Begeisterung für Street Art ein Denkmal gesetzt: Ihr Buch „Every Wall Is a Door“ erscheint dieser Tage im internationalen Handel. Der Titel des Buches ist Programm: „Every Wall Is a Door“ (zu Deutsch: „Jede Wand ist eine Tür“) zeigt zwar von international tätigen Künstlerinnen und Künstlern bemalte Wände. Die sind aber mehr als nur Wände – sie führen in ganz besondere Bildwelten hinein, indem sie quasi die Imagination der Betrachter an die Hand nehmen.

Faszinierende Blicke auf Kunstform

Ein Krokodil schaut in Genf vom Ufer der Rhone knapp aus dem Wasser heraus, während in Mexiko ein riesiges Paar Kickschuhe zum Greifen nah über einem Gehweg baumelt. Es sind faszinierende Blicke auf eine Kunstform, die sich nicht in Galerien oder Museen abspielt, sondern dort, wo Menschen unterwegs sind, wo sie leben und sich begegnen, derer sich Regula Laux und Jean-Marc Felix über mehrere Jahre hinweg angenommen haben.

Ausschnitt einer großen Wandmalerei des chilenischen Künstlers Inti in Paris: eine liegende Mexikanerin, der es die Hüte vom Kopf weht Bild: Jean-Marc Felix
Ausschnitt einer großen Wandmalerei des chilenischen Künstlers Inti in Paris: eine liegende Mexikanerin, der es die Hüte vom Kopf weht Bild: Jean-Marc Felix

Die Absicht, aus der fotografischen Sammlung ein Buch zu machen, nahm allerdings erst vor rund zwei Jahren Kontur an. Damals leitete Regula Laux noch das Rehmann-Museum im schweizerischen Laufenburg. Das kleine Museum, das dem Bildhauer Erwin Rehmann gewidmet ist, hat – wie fast alle Museen – mit rückläufigen Besucherzahlen zu kämpfen. „Ein neuer Ausstellungsansatz, nämlich junge Künstler von der Straße ins Museum zu holen, sollte mehr Leute und besonders ein junges Publikum ansprechen“, blickt Laux zurück. Sie hatte Erfolg: In den drei Monaten der Street-Art-Ausstellung kamen mehr Besucher ins Rehmann-Museum als sonst im ganzen Jahr.

Auftragsarbeiten an Künstler

Damit nicht genug, nahmen die Verantwortlichen der Stadt Laufenburg die Street-Art-Idee auf und vergaben Auftragsarbeiten an Künstler. So kriecht heute zum Beispiel eine überdimensional große Schnecke von Sprayer Pollo 7 über das kleine Bahnhofshäuschen. Außerdem unterstützte Erich Erne vom gleichnamigen Bauunternehmen mit Hauptsitz in Laufenburg die Urban-Art-Aktivitäten im Rehmann-Museum sowie im Außenraum sowohl logistisch als auch finanziell. Die an der Ausstellung beteiligten Künstler konnten wiederum mit ihren Werken derart überzeugen, dass die neue Werbekampagne der Baufirma im Street-Art-Look daherkommt. Denn wo passen Sprayarbeiten besser hin, als auf Bauzäune oder Holzabsperrungen?“, bemerkt Regula Laux, die in ihrem Ehemann Jean-Marc Felix einen kongenialen Partner zur Seite hat. Felix hat das „fotografische Auge“, das aus einem noch so profanen Gegenstand ein kleines Kunstwerk macht, indem er im perfekten Moment auf den Auslöser drückt.

Beim Werk "NAPOLLON BONAPAR7E" reitet Napoleon Bonaparte eine Nacktschnecke. Der Titel des Werkes entstand in Anlehnung an den Namen des Schweizer Künstlers Pollo 7. Bild: Jean-Marc Felix
Beim Werk "NAPOLLON BONAPAR7E" reitet Napoleon Bonaparte eine Nacktschnecke. Der Titel des Werkes entstand in Anlehnung an den Namen des Schweizer Künstlers Pollo 7. Bild: Jean-Marc Felix

Das umtriebige und kunstsinnige Paar mit Wohnsitz in Laufenburg erzählt in seinem Buch „Every Wall Is a Door“ die Geschichten von herausragenden bekannten und auch unbekannten Street-Artists. Es zeigt deren individuellen Beitrag zur weltweiten Vielfalt der Urban-Art von Berlin und New York über Havanna und Zürich bis zu weit abgelegenen Inseln wie La Réunion und den Azoren. Trotz oder gerade wegen ihrer Vergänglichkeit prägen diese Kunstwerke die Stadt – und die Stadt prägt ihre Künstler: Sie fräsen Porträts in Stein, zeichnen filigrane Ornamente, schaffen dreidimensionale Installationen oder sprayen fotorealistische Gemälde und fantasievolle Figuren – „mal politisch motiviert und illegal, mal als Hommage an die eigene Kreativität und künstlerische Freiheit oder auch als Auftragswerk“, so die Autoren.

150 Künstler aus 30 Ländern

„Every Wall Is a Door“ zeigt Werke von rund 150 Künstlerinnen und Künstlern aus mehr als 30 Ländern, unter anderem aus den USA, aus Kuba, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Portugal, Italien und der Schweiz. „Wir haben nicht den Anspruch, eine umfassende Abhandlung über Street-Art und deren Künstler zu liefern“, erklären Regula Laux und Jean-Marc Felix. Ihnen gehe es vielmehr um eine „ganz persönliche Momentaufnahme der internationalen Szene“. Stets mit Kamera und Notizblock unterwegs verbrachten sie viel Zeit damit, in verschiedenen Städten Street-Art-Werken und Kunstschaffenden nachzugehen. Mit ihrem Buch möchten sie zeigen, „wie künstlerisch hochstehend und kreativ dieses junge Kunstgenre ist“.

La Réunion: Die Schriftzeichen von Vincent Box und der rote Hydrant als malerisches Ensemble. Bild: Jean-Marc Felix
La Réunion: Die Schriftzeichen von Vincent Box und der rote Hydrant als malerisches Ensemble. Bild: Jean-Marc Felix

Laux und Felix ist mit ihrem Buch der Beweis gelungen, dass Street Art mehr ist als Schmiererei – sondern dass sie zur vielbeachteten und respektierten Populärkunst geworden ist. Am Freitag, 10. August, wird das Buch in Laufenburg erstmals vorgestellt.

Begeisterung für Street Art

  • Das Buch: „Every Wall Is a Door“ erscheint im Schweizer Benteli-Verlag. Es zeigt Werke von rund 150 Künstlerinnen und Künstlern aus mehr als 30 Ländern. Sprachen: separate Ausgaben in Deutsch und in Englisch. Autoren: Regula Laux, Jean-Marc Felix (auch Fotos). ISBN 978-3-7165-1844-1. 200 Seiten, Hardcover. Erhältlich ist das Buch im Buchhandel und online.
  • Die Autoren: Regula Laux führte mehrere Jahre das Rehmann-Museum im schweizerischen Laufenburg. Seit 2016 ist sie Mitglied des Stiftungsrates der Kulturstiftung Pro Argovia. Jean-Marc Felix war vor seiner Ausbildung zum Fotografen in verschiedenen Funktionen tätig, unter anderem als Kommunikationschef verschiedener Unternehmen. Nach seinem Sprachstudium an der Universität Zürich lebte und arbeitete er mehrere Jahre in Frankreich und in den USA, wo er an der kalifornischen Stanford University strategisches Marketing belegte. Das Paar hat seinen Wohnsitz in Laufenburg.
  • Auch Tiengen: Street Art ist auch in Tiengen zu sehen, wenngleich unter anderem Namen. Ermöglicht hat dies Josef Briechle, Bildhauer und Maler aus Tiengen, als er im Sommer 2001 ein einwöchiges Symposium mit dem Namen „WandArt“ organisiert und geleitet hat. An dem Projekt waren unter anderem Ulla Rohr, Wolfgang Mussgnug, Bernd Salfner, Cristina Ohlmer und Alfred Rohr beteiligt. Die Wandmalereien sind heute noch in Tiengens Altstadt zu sehen – ein im Landkreis Waldshut einzigartiges Projekt. (psc)