Die Kratzer am Auto konnte Antje C. (Namen von der Redaktion geändert) noch wegstecken. Auch die umgebogenen Scheibenwischer, die geklaute Post und den Müll im Briefkasten. Erst als die 37-Jährige Hundekot auf ihrem Auto entdeckte, wurde ihr die Sache zu viel. Sie installierte eine versteckte Kamera und überführte so den Täter: einen Mann mittleren Alters, der im selben Haus wohnte. Der eigene Nachbar.

Die Schikanen sind fast drei Jahre her, doch sie markieren den Auftakt des Martyriums. Antje C. sitzt mit ihren Söhnen (15 und sechs Jahre) im Wohnzimmer. Sie berichtet von rassistischen, obszönen Sprüchen, die ihnen der Nachbar bei jeder Gelegenheit an den Kopf warf. Der Ehemann der 37-Jährigen ist dunkelhäutig; sein Vater stammt aus Westafrika. „Ich weiß nicht, warum das alles angefangen hat“, sagt C., „aber die Beleidigungen wurden immer schlimmer.“ So schlimm, dass das Amtsgericht Lörrach ein Annäherungsverbot gegen den Nachbarn aussprach – an das dieser sich aber nicht hielt.

Die Familie wohnt in Friedlingen, einem Stadtteil von Weil am Rhein, der direkt an die Schweiz grenzt. Das Leben in Friedlingen ist multikulturell, viele Einwohner haben einen Migrationshintergrund. Es gibt einen arabischen Supermarkt, Wettbüros und ein Einkaufszentrum, in dem Schweizer und Franzosen gerne shoppen. Doch das ist nur die eine Seite der Grenzregion. Die Gegend um Lörrach ist auch bekannt für eine starke rechte Szene. Seit Jahren kommt es immer wieder zu Kundgebungen, Rechtsrock-Konzerten und Flashmobs, bei denen Reichskriegsfahnen gehisst werden.

Auch der Schwiegersohn des Nachbarn ist in dieser Szene aktiv. Er trat auf den Plan, nachdem der Nachbar aus seiner Wohnung geworfen worden war – eine weitere Stufe der Eskalation. „Er sagte, dass er mir die Pegida auf den Hals hetzen würde“, erinnert sich C. Es zeigte sich bald, dass dies keine leere Drohung war. Anfang Juni bremst der Schwiegersohn die Mutter im Kreisverkehr aus. Als sie aussteigt, schlägt und tritt er auf die Frau ein. Noch heute leidet C. unter den gesundheitlichen Folgen; im Flur hängt seitdem ein Knüppel. „Man weiß ja nie“, meint C., die tagsüber alleine zu Hause ist, wenn ihr Mann arbeiten geht.

Seit dem Vorfall im Kreisverkehr lungert eine Gruppe Rechtsradikaler regelmäßig vor dem Mehrfamilienhaus herum, in dem die Familie wohnt. Sie pöbeln C. an, sobald sie den Balkon betritt. Mehrfach kommt die Polizei und spricht Platzverweise aus. Doch die rechtliche Lage ist schwierig, weil alle Personen in unmittelbarer Nachbarschaft wohnen. C. traut sich kaum noch aus dem Haus. Freiwillige begleiten ihre Söhne zur Schule. „Das ist wie im Gefängnis“, sagt die Mutter. Wegziehen komme aber nicht in Frage. „Dann hätten die ja gewonnen. Und die Nächsten wären dran.“

Es wäre interessant, was der besagte Nachbar zu den Vorwürfen sagt. Doch für eine Stellungnahme ist er nicht erreichbar. Nachdem er seine Wohnung verlassen musste, ist er an eine unbekannte neue Adresse verzogen.

Hoffnung macht der bedrängten Familie derweil ein Annäherungsverbot, welches das Amtsgericht Lörrach gegen acht Personen ausgesprochen hat. Unter ihnen befindet sich nach Informationen unserer Zeitung Andreas Weigand, Kreisvorsitzender der Partei „Die Rechte“. Die Personen dürfen sich der Familie nicht mehr als 150 Meter nähern, haben aber einen Antrag auf eine mündliche Verhandlung gestellt, die am 12. August beginnt.

Wie auch immer die Verhandlung ausgeht: Das Grundproblem bleibt. Ob beim Einkaufen, auf dem Weg zur Arbeit oder beim Gang zum Briefkasten – wirklich ausschließen lässt sich der Kontakt mit den rechten Nachbarn nicht. Die Polizei räumt ein, dass ihre Kapazitäten begrenzt sind. „Wir haben nicht das Personal, um das Haus 24 Stunden am Tag zu bewachen“, sagt Pressesprecher Dietmar Ernst. Zum Glück habe sich die Lage mit dem Annäherungsverbot gebessert: „Da ist absolute Ruhe eingekehrt.“

Ganz so positiv beurteilt Antje C. ihre Situation nicht. „Wir wissen nicht, wie es weitergeht“, sagt sie. „Wir warten erst mal ab.“ Die Solidarität der anderen Nachbarn hätte ihr sehr geholfen, betont die Mutter. Sie weiß aber auch, dass sich das Problem in ihrer Stadt nicht einfach in Luft auflösen wird. Für September ist bereits die nächste Neonazi-Demo angekündigt.

 

Rechte Szene Lörrach

Immer wieder macht die rechte Szene im Kreis Lörrach von sich reden. Im Herbst 2009 wurden bei einem „Jungen Nationaldemokraten“ in Weil am Rhein 22 Kilo Rohmaterial gefunden, das sich zum Bau einer Rohrbombe eignete. Dazu ein Sturmgewehr und mehrere Messer. Seit 2014 sitzt ein Vertreter der NPD im Weiler Gemeinderat. Bei Pegida-Kundgebungen und geplanten Rechtsrock-Konzerten kommt es immer wieder zu massiven Gegendemonstrationen. Trotzdem ist die länderübergreifend organisierte Bewegung weiter aktiv. Im Februar 2016 verhinderte die Polizei eine Schlägerei zwischen Rechten und Deutschtürken. Im Mai gründete die Partei „Die Rechte“ einen Kreisverband.

Weil am Rhein ist mit knapp 30.000 Einwohnern nach Lörrach und Rheinfelden die drittgrößte Stadt im Landkreis Lörrach. Die Stadt liegt direkt im Dreiländereck Schweiz-Frankreich-Deutschland; typisch ist die sehr langgezogene Hauptstraße von Alt-Weil bis zum Rangierbahnhof-Gelände. (prz/sk)

 

"Eine bedrohliche Situation"

Was tun gegen rechte Gewalt? Günter Bressau, Leiter des Demokratiezentrums Baden-Württemberg, erklärt im Interview, wie man sich mit friedlichen Mitteln gegen rechtsextremistische Täter wehren kann.
 

Herr Bressau, was können Betroffene tun, die von Rechtsradikalen bedrängt werden?

Da gibt es leider kein Patentrezept, weil jeder Fall ganz verschieden ist. Zunächst ist es wichtig, sich Hilfe zu holen. Wir raten niemandem zu versuchen, das Problem alleine zu lösen.

 

Wie gehen Sie vor, wenn sich jemand an Sie wendet?

Es gibt die Möglichkeit, mit uns telefonisch oder über das Kontaktformular auf unserer Homepage anonym in Kontakt zu treten. Wir klären dann zunächst ab, ob ein rechtsextremer Hintergrund vorliegt. Im Anschluss helfen wir den Betroffenen, die richtige Unterstützung vor Ort zu erhalten. Außerdem arbeiten wir eng mit der Polizei zusammen, die in Weil am Rhein übrigens sehr schnell und gut reagiert hat.
 

Wie stellt sich die Situation in Weil am Rhein dar?

Die Situation ist insofern besonders, weil wir normalerweise anonym arbeiten. In Weil kam der Fall aber erst ans Tageslicht, nachdem eine Journalistin darüber berichtet hatte. Danach haben sich bei uns weitere Betroffene gemeldet. Das ist auf jeden Fall eine besonders schwierige und bedrohliche Situation, weil die Beteiligten zum Teil der organisierten rechtsextremen Szene angehören. Immer dort, wo solche Akteure wohnen, scharen sie Sympathisanten um sich.
 

Ist Weil eine Nazi-Hochburg?

Auf jeden Fall handelt es sich um eine Region, die wir verstärkt wahrnehmen, weil es dort starke rechte Strukturen gibt. Pegida ist in Baden-Württemberg nur an wenigen Orten präsent, unter anderem im Raum Lörrach. Außerdem gibt es gute grenzüberschreitende Kontakte. Man besucht sich gegenseitig, geht auf rechte Konzerte. Redner der Schweizer Pegida treten in Deutschland auf und umgekehrt. Der Kreisvorsitzende der Partei „Die Rechte“, Andreas Weigand, wohnt im Elsass.
 

Inzwischen gibt es eine starke Gegenbewegung; Mitte Juli wurde Weigands Auto angezündet. Sehen Sie die Gefahr einer Eskalation?

Auf jeden Fall. Wenn der Anschlag tatsächlich von Personen aus dem linken Spektrum verübt wurde, kann sich die Situation weiter hochschaukeln. Wir setzen uns dafür ein, Widerstand mit demokratischen Mitteln zu leisten. Der Weiler Gemeinderat hat sich dazu schon deutlich positioniert. In einer gemeinsamen Erklärung wird rechte Gewalt in aller Form verurteilt.
 

Fragen: Steve Przybilla