Was für ein „armer Teufel von einem kranken Maler“ er sei, schreibt Vincent van Gogh in einem seiner Briefe an den Bruder Theo. Es sind literarische Arbeits- und Lebenszeugnisse dieses Klassikers der Moderne, der zeitlebens darbte und nichts von den Millionen ahnte, die seine Bilder heute wert sind. Wenn van Gogh das Leben eines Pferdes als „abgemergelter Schimmel, alter, treuer Veteran“ beschreibt, der auf seine letzten Stunden wartet, klingt das verzweifelt nach einem Sinnbild für das eigene Dasein. Einmal bezeichnet er sich als unbesonnen, leidenschaftlich, dabei tritt einem van Gogh in seinen Hunderten Briefen besonnen, klug und geistig feinfühlig entgegen.
 

Van Gogh schrieb, wie er malte

„Was für ein Rätsel ist doch das Leben und was für ein Rätsel im Rätsel ist die Liebe“: Solche Schlüsselsätze trugen zwei Theaterleute bei der szenischen Lesung im Theater im Hof in Kandern-Riedlingen vor: der Hausherr und Regisseur Dieter Bitterli und der Schauspieler Mathias Noack. In verteilten Rollen und unterschiedlichen Stimmcharakteren lasen sie eine dramaturgisch geschickte Auswahl der intimen Briefe van Goghs an seinen Lieblingsbruder, dem er sich wie keinem anderen geöffnet hat und der ein halbes Jahr nach ihm starb. Van Gogh schrieb, wie er malte: Die Briefe an den „teuren Theo“ geben nicht nur Einblick in eine feine, aber sehr gefährdete Seele, und sagen alles über den Maler, sie reflektieren genauso die damalige Kunstszene und sind ausdrucksstarke Kommentare zur Entstehungsgeschichte seiner Gemälde und dem Farbenspektrum.

Reflektion über Naturphänomene

Van Gogh spricht über Farben und die Natur, die aus den Farben der Palette hervorgeht, und klagt: „Das Malen ist eine aufreibende Angelegenheit“. Die Farbe ist teuer – „und ich male so gern!“ Es sei auch nicht leicht, sich selbst zu malen, erinnert er an das berühmte Selbstbildnis, das er vor einem Spiegel malte. Van Gogh reflektiert über Naturphänomene und das Gesehene, Leute, Bäume, das Meer, das er so liebt, und in kühnsten Farben schildert. Klarsten Scharfblick zeigt er, wenn er über sich selbst, über das Leben, die Frau und das Kind, mit denen er zusammenlebt, über seine gesundheitlichen Probleme und materielle Schwierigkeiten berichtet. Spätestens beim zweitletzten Brief vor seinem Freitod 1890, als er sich eine Kugel gab, rundete sich beim Zuhörer das Bild eines genialischen Malers und seines Verständnisses der modernen Kunst, der zum Mythos des einsamen Künstlergenies wurde.