Eine Hitparade mit Goldenen UFA-Tonfilmschlagernn der 30er Jahre und ein Best-of des Belcanto mit der russischen Starsopranistin Olga Peretyatko unter freiem Himmel: Bei zwei klassischen Open-Air-Konzerten im Schweizerischen Binningen präsentierte das Lörracher Stimmen-Festival einen neuen, einladenden Spielort.

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Das Ambiente für dieses Konzertformat auf der Freilichtbühne stimmte: reizvolle Schlosskulisse mit atmosphärischem Park, mehrere Wasserbecken mit Seerosen und mächtige Dorflinde, dazu ein Picknick- und Flanierangebot mit Liegestühlen: ein Hauch von Verona oder Berliner Waldbühne in Baselland.

Die neue Netrebko

Beim Galaabend mit dem Basler Sinfonieorchester stieg die „neue Netrebko“ Olga Peretyatko gleich mit einem absoluten Opernhit ein: „Casta Diva“ aus „Norma“ von Bellini, die Paradenummer der legendären Maria Callas, mit der die Primadonna assoluta einst das Publikum zum Rasen brachte. Für die 39-jährige Koloratursopranistin aus St. Petersburg gab es danach freundlichen, aber noch nicht rasenden Applaus, der sich allerdings im Laufe des Abends immer mehr steigerte, weil Peretyatko sich in Bravourarien aus Donizettis „Lucia di Lammermoor“ als vokalakrobatische Belcanto-Sängerin mit wahnsinnig gestochen präzisen Koloraturketten und schönen Legato-Linien zeigte.

Kraftvolle Tenorstimme

Auch der Tenor Dimitry Korchak, der schön öfter mit ihr zusammen auftrat, stellte sich mit einer Erfolgsarie vor: „Una furtiva lacrima“, der Romanze des Nemorino aus Donizettis „Liebestrank“. In zwei Rossini-Arien aus „Otello“ und „Wilhelm Tell„ setzte er seine kraftvolle Tenorstimme mit Verve und Direktheit ein und führte in herausfordernden Heldentenorpartien sichere Spitzentöne und kerniges Timbre vor. In Duetten aus Donizetti- und Mozart-Opern stand mit beiden Sängern ein neues Traumpaar der Oper auf der Freilichtbühne.

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Kräftig verstärkt schallten vier schmissig gespielte Ouvertüren von Bellini, Donizetti, Rossini und Mozart durch den Schlosspark. Mit Erik Nielsen, bislang Musikdirektor am Theater Basel, stand ein erfahrener Theaterkapellmeister am Pult. Mit der neuen Klassik-Destination Schloss Binningen könnte sich „große Klassik“ an diesem Schauplatz etablieren.

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Der Nostalgiesänger Max Raabe hat sie wieder populär gemacht: die frühen Tonfilmschlager. Das Sinfonieorchester Basel griff bei diesem zweiten Abend auf ältere sinfonische Bearbeitungen mit großem Bläsersatz und Streichersound zurück, was kein bisschen sentimental, sondern kess klang. Evergreens wie „Heut‘ ist der schönste Tag in meinem Leben“ oder der Zarah Leander-Filmschlager „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh‘n“ sollten die Kriegsgeneration, die ins Kino ging, von der bitteren Realität ablenken. Der Abend erinnerte auch an ein dunkles Kapitel der Geschichte der Musikfilme: Jüdische Komponisten wie Werner Richard Heymann (“Ein Freund, ein guter Freund“) oder Ralph Erwin (“Ich küsse ihre Hand, Madame“) mussten emigrieren, und ein Michael Jary schrieb Durchhaltelieder wie „Davon geht die Welt nicht unter“.

Lockeres Sommerfeeling

In die Rollen der singenden Schauspieler wie Lilian Harvey oder Heinz Rühmann schlüpften gekonnt und mit Charme die Sopranistin Natalie Karl und mit Chuzpe der Tenor Michael Pflumm. Da sie die Klassiker eines Franz Grothe, Werner Bochmann oder Theo Mackeben idiomatisch darboten, entstand ein lockeres Sommerfeeling im Schlosspark. Dem swingenden Sinfonieorchester unter dem im leichten Genre erfahrenen Österreicher Ernst Theis merkte man die Freude an dem Nischen-Repertoire an. Ein nostalgisches Hörvergnügen mit Liedern, die unvergänglich und unvergessen sind: Das gab‘s nur einmal!