Wer Kunst im Freien sehen will, muss 510 Meter hoch gehen. Hier gibt es nicht nur eine „Schöne Aussicht“ – so heißt der Platz – mit einen wunderbaren Alpenblick, sondern eine Freiluftgalerie in frischer Waldluft und Naturumgebung rund um ein ehemaliges Wasserreservoir. Mit ihrem Kunstprojekt „Wasserhüsli“ in Steinen-Hägelberg haben der ortsansässige Bildhauer und Objektgestalter Tilo Tscheulin und der Figurenmacher Johannn (Künstlerpseudonym) einen stetig wachsenden, begehbaren Skulpturenpark geschaffen.

Kreatives Duo: Bildhauer Tilo Tscheulin und Figurenmacher Johannn (mit Vogelmaske) vor der Wächterfigur Viergesicht.
Kreatives Duo: Bildhauer Tilo Tscheulin und Figurenmacher Johannn (mit Vogelmaske) vor der Wächterfigur Viergesicht. | Bild: Jürgen Scharf

In der Region dürfte diese Mischung aus Aktionskunst, „work in progress“ und Kunstkabinett im unterirdischen Pumpenraum des früheren Hochbehälters ziemlich einmalig sein. Faszinierend ist zu beobachten, wie diese alternative Kunstgalerie an einem traumhaften Ort im Naturpark Südschwarzwald Jahr für Jahr wächst und gedeiht. Sowohl der Außenbereich mit terrassierten Wegen wird immer wieder mit neuen Skulpturen aus Stein, Stahl und Holz bestückt, auch das Wasserhüsli selbst ist vom einstigen Kellerloch zu einem Kunstmysterium geworden, das mit mystischen, geheimnisvollen und gespenstischen Arbeiten bespielt wird. Indirekte Wandbeleuchtungen und Lichtinstallationen der Kunstwerke geben dem Raum einen ganz besonderen Charakter.

Blick in das Kunstkabinett im ehemaligen Wasserreservoir.
Blick in das Kunstkabinett im ehemaligen Wasserreservoir. | Bild: Jürgen Scharf

Die Kunst in der Unterwelt von Johannn erzeugt eine rätselhaft-mythische Atmosphäre. Ist es doch eine auf den ersten Blick absurde, auf den zweiten Blick surreale Dingkombination von Fundstücken wie Tierknochen, Metallteilen und anderen Materialien. Die daraus gestalteten Objekte kommen seit diesem Jahr in der neu installierten, indirekt beleuchteten Vitrinenwand der Kellergalerie effektvoll zur Wirkung: eine bizarre Fantasy-Welt.

Blick in das Kunstkabinett im ehemaligen Wasserreservoir.
Blick in das Kunstkabinett im ehemaligen Wasserreservoir. | Bild: Jürgen Scharf

Im Außenbereich ragt neben der vier Meter großen Stahl-“Welle“, dem monumentalen Equilibrium-Brunnen und dem Vierergesicht „Quadroklop“ (Wortschöpfung aus Quadro und Zyklop), einer tonnenschweren Wächterskulptur aus Sandstein von Tscheulin ein in dieser Saison aufgestellter sieben Meter hoher Obelisk aus Mammutbaumholz in den Himmel. In den aktuellen Arbeiten lässt sich der fantasiebegabte Bildhauer von Ägyptischem inspirieren, sowohl in dieser Stele mit Pyramidenspitze aus spiegelpoliertem Edelstahl als auch in der Porträtbüste „Interpretation des Echnaton“. Der aus Kalkstein gemeißelte und mit Blattgold angestrichene ägyptische Pharao passt sehr gut in diesen phantastisch-magischen Raum, der etwas von einer Grabkammer bekommt. Auch malerisch Neues zeigt Tscheulin: Zwei überlebensgroße Selbstporträts mit Edelstahl, der die jeweilige Gesichtshälfte spiegelt, werden als Bildnisse zu Selbstreflektionen.

Ägyptisch inspiriert ist der Echnaton von Tilo Tscheulin aus Kalkstein.
Ägyptisch inspiriert ist der Echnaton von Tilo Tscheulin aus Kalkstein. | Bild: Jürgen Scharf

Die Saisoneröffnungen geraten jedes Mal zu wahren Kunst-Events mit Klangperformances, wenn das „Skulptophon“ durch professionelle Schlagzeuger zum Tönen gebracht, der Skulpturenbaum zum Klangbaum wird und aus der Tiefe der Kunstkatakombe Klänge eines Bassflügelhorns oder Helikons nach oben ans Tageslicht dringen. An diesem verwunschenen Ort, an dem niemand so etwas erwartet, und in dieser unverwechselbaren Mischung aus Natur und Kunst leben die beiden Kreativen ihre private Mythologie. Mit dem Umbau des Wasserreservoirs zu einem Kunstreservoir haben sich Johannn und Tscheulin eine Parallelwelt und ein Gesamtkunstwerk geschaffen.

Das Kunstprojekt Wasserhüsli in Steinen-Hägelberg ist bis 21. Dezember jeden ersten und letzten Sonntag im Monat von 14 bis 18 Uhr zugänglich.