Der Mann hat die Flügel gewechselt: In den 70er Jahren stand Wolfgang Fuhl, wie er sagt, ziemlich weit links und kämpfte bei den Jungsozialisten für ein soziales Deutschland. Aus Sorge um den Verlust der Rechtsstaatlichkeit trat er 2013 der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) bei, für die der 57-Jährige am 24. September nach 2013 zum zweiten Mal für den Bundestag kandidiert. Er rechnet sich ein ähnliches Ergebnis aus wie bei der Landtagswahl im Frühjahr 2016. Damals kam Fuhl im Wahlkreis Lörrach auf gut 13 Prozent.

  • Was ich anpacken will: „Der Rechtsstaat muss wieder eingeführt werden. Nach dem Grundgesetz hat jeder aus einem sicheren Drittstaat keinen Anspruch auf Asyl. Die Grenzen sind zu schützen und zu kontrollieren, abgelehnte Asylbewerber zurückzuführen. Bürgerkriegsflüchtlinge haben nur einen Schutz, solange in der Heimat Krieg herrscht. Bald werden wir über die Festung Europa diskutieren. Wir können die Probleme Afrikas nicht in Europa lösen, sondern müssen sie in Afrika lösen.“

  • An die Nieren geht mir: „Am meisten ärgert mich das Unsicherheitsgefühl. Viele Frauen sind extrem verunsichert. Sie fragen sich am Morgen, ob sie Rock oder Hose anziehen sollen, um nicht zum Objekt der Begierde zu werden. Das regt mich unheimlich auf.“

  • Mein weiterer Weg führt mich: „Im besten Fall gehe ich als Abgeordneter nach Berlin. Die Chance ist da. Man weiß ja nicht, wie sich das alles entwickelt. Bei einem gnadenlos schlechten Ergebnis müsste man überlegen, woran das liegt. Wenn Fall eins nicht eintritt, werde ich auf jeden Fall der Region treu bleiben, ich muss ja noch ein paar Jahre arbeiten bis zur Rente. Der AfD-Kreisverband wird kommunalpolitisch aktiv werden und sich auf die Wahlen 2019 konzentrieren.“

  • Was ich im Sinn habe: „Wir wollen die Chancen für die nachwachsenden Generationen wieder verbessern; diese sehen sehr schlecht aus, wenn ich an die Rente denke oder an Eigentum. Es ist fast unmöglich für junge Familien, Eigentum zu bilden. Die Banken haben sich leider nicht umgestellt auf neue Familienmodelle. Immer mehr junge Paare sind nicht verheiratet. Schon haben sie Probleme, Kredite zu bekommen. Von den Niedrigzinsen, die wir seit einigen Jahren haben, können junge Leute überhaupt nicht profitieren.“

  • Mein Herz schlägt für: „Ich bin in einem schönen, demokratischen Land aufgewachsen; diese Möglichkeiten will ich auch meinen Kindern geben. Unsere Heimat soll sicher sein. Wir sollen uns abends wieder frei auf die Straße begeben können, ohne Angst zu haben. Das ist heute alles nicht mehr so gegeben wie zu meiner Jugendzeit. An der Region des Dreiländerecks, in der ich zu Hause bin, schätze ich die zentrale Lage. Man ist sehr schnell in der Schweiz, in den Alpen, in Österreich, im Schwarzwald, in Großstädten oder mitten auf dem Land.“

  • Beweglichkeit in der Politik: „Wir werden am Sonntag, 24. September, ein Ergebnis haben, bei dem wohl niemand die absolute Mehrheit hat. Das heißt, kein Wahlprogramm kann 1:1 umgesetzt werden.
    Das bedeutet, dass die Parteien kompromissbereit sein müssen, wenn sie eine funktionierende Regierung bilden wollen. Überlegenswert wäre auch der Denkansatz einer Minderheitsregierung mit wechselnden Mehrheiten. Es ist nirgends festgenagelt, dass wir eine Koalitionsregierung brauchen oder dass sich zwei Parteien auf vier Jahre binden müssen.“

Zur Person

Wolfgang Fuhl: Der 57-Jährige gehörte dem Vorstand der jüdischen Gemeinde in Lörrach an und war acht Jahre, davon sechs als Vorsitzender, im Oberrat der Israeliten Badens. Fuhl ist verheiratet, Vater von zwei erwachsenen Töchtern und vierfacher Opa.

Geboren: 24. März 1960 in Weil am Rhein

Wohnort: Lörrach-Stetten

Beruf: technischer Angestellter in einem mittelständischen Unternehmen

Karriere: 2013 Mitbegründer des AfD-Kreisverbandes und Bundestagskandidat; 2016 Landtagskandidat; seit 2013 Sprecher des Kreisvorstandes der AfD

Parteimitglied seit: 2013

www.facebook.com/wolfgang.fuhl.7

 

Drei Ziele

... für meinen Wahlkreis

  • Wer aus einem sicheren Drittstaat kommt, muss bei Grenzkontrollen direkt abgewiesen werden.
  • Wir brauchen Investitionen in die Infrastruktur, besonders die B 317, im Hinblick aufs Zentralklinikum; auch der Breitbandausbau muss forciert werden.
  • Wir brauchen ein Sonderwohnungsbauprogramm für junge Familien, die schon länger hier leben.

... für die Bundespolitik

  • Rückkehr zur Rechtsstaatlichkeit. Deutschland darf keine weiteren Souveränitätsrechte abgeben.
  • keine Banken- oder Arbeitslosenunion
  • Grenzschutz und Innere Sicherheit müssen mehr Gewicht bekommen.

Eine Büttenrede als Revanche

Ohne Internet wäre Wolfgang Fuhl öffentlich kaum wahrzunehmen. Der Facebook-Account ist sein zentrales Medium im Wahlkampf. Für andere Formen fehle der Partei, die im Kreis Lörrach rund 65 Mitglieder zähle, das Geld, erklärt er. Oft mehrmals täglich vergrößert Fuhl seine Sammlung von Nachrichten aus dem Netz, die seine Thesen bestätigen, bevorzugt Meldungen zur Kriminalität, an denen Ausländer beteiligt sind und die den Eindruck vermitteln, man müsse in Deutschland ständig um Leib und Leben fürchten.

Angst war auch Mitte Juni bei Fuhls Auftritt beim Wahlkampfauftakt mit den AfD-Spitzenkandidaten in Rheinfelden ein Thema: Mehr als zwei Drittel seiner halbstündigen Rede benötigte er, um seinen Weg vom Bett in den Bürgersaal zu schildern und dabei ironische Spitzen einzubauen. Von seiner damaligen Aussage, er fahre nicht mehr Bus und Bahn, weil er fürchte, ein Messer in den Rücken gerammt zu bekommen, rückt er auf Nachfrage nur ein wenig ab. „Mit dem Bus vielleicht schon.“

Nach wie vor für richtig hält Fuhl, dass er damals der Redakteurin der Badischen Zeitung, die als Berichterstatterin vorgesehen war, die Akkreditierung verweigerte – mit der Folge, dass die BZ nicht berichtete. Schließlich habe die Journalistin in einem Kommentar den Lörracher Pfarrer Thorsten Becker unterstützt, der an der Fasnacht in einer Büttenrede im Teufelskostüm die AfD als Abschaum bezeichnet hatte. Im Anspruch, bestimmen zu wollen, wer über die Partei berichtet und wer nicht, will Fuhl keinen Konflikt mit der Freiheit der Presse erkennen. Dahinter stehe der ganze AfD-Kreisvorstand, sagt er.

Von der Linie seiner Partei weicht er nur in einem Punkt ab: Ein Schächtverbot lehnt er als Jude aus religiösen Gründen ab. Dass Menschen, die sein Wirken in Gemeinde und Oberrat der Juden schätzten, Mühe haben mit seinem Engagement in der AfD, kann Fuhl gar nicht verstehen. „Es gibt in der Partei keinen Antisemitismus“, versichert er. Dass das Streichen von Landeszuschüssen für Gedenkstätten falsch sei, habe inzwischen auch die AfD-Landtagsfraktion eingesehen.

Vom Gedanken, Thorsten Becker wegen Beleidigung anzuzeigen, hat Fuhl übrigens Abstand genommen. Ein überzeugter Fasnächtler im AfD-Kreisvorstand habe ihn überzeugt, dass solche Reden zur Fasnacht gehörten. Daher kündigt Fuhl als Revanche eine Büttenrede bei der nächsten Fasnacht an. Die Frage, welche Gilde oder Zunft ihm dafür die Plattform gibt, ist allerdings noch offen.