Die Altlastensanie­rung auf dem Areal der alten Industriekläranlage am Hüninger Rheinufer direkt neben dem Novartis-Campus ist eines der größten Sanierungsprojekte der Region und hätte eigentlich Ende 2017 fertig sein sollen. Wie der federführende Basler Pharmakonzern Novartis mitteilte, verzögert sich der Abschluss der Arbeiten aber voraussichtlich bis 2021. Schon 2013 hatte es eine erste Unterbrechung der Arbeiten gegeben, weil sich das Sanierungskonzept als unzureichend erwies. Seit 2014 wird wieder gearbeitet, aber es haben sich neue Probleme ergeben.

Hanebüchene Bedingungen

„Die Situation hat sich im Nachhinein als schlimmer herausgestellt als gedacht“, sagt Matthias Leuenberger, Präsident vor Novartis Schweiz, über die Bodenbelastung mit Rückständen aus der Produktion des heute verbotenen Insektengiftes Lindan. Das wurde an dem Standort bis in die 1970er Jahre von der heute nicht mehr bestehenden Firma Ugine Kuhlmann, die zu dem seinerseits längst übernommenen französischen Industriekonzern Pechiney gehörte, hergestellt, und zwar unter aus heutiger Sicht hanebüchenen Bedingungen.

Dass die Sanierung nun in Regie von Novartis betrieben wird, hat vor allem damit zu tun, dass deren Mutter Sandoz das Gelände 1973 gekauft hat und dort zusammen mit der Ciba die Abwasserreinigungsanlage Ara Steih (société de traitement des eaux industrielles de Huningue) baute. Diese wurde dann später zudem von dem 2011 geschlossenen Werk des ebenfalls aus Sandoz entstandenen Spezialchemiekonzerns Clariant genutzt und der inzwischen von BASF übernommenen Ciba Spezialitätenchemie.

Erhöhtes Aushubvolumen

Bei mehr als einem Drittel der Sanierungsfläche habe sich, anders als zunächst geplant, ein tieferer Aushub als erforderlich erwiesen, erläuterte Projektleiter Claude Muller dieser Tage an einer für Behördenvertreter aus Frankreich und die Medien ausgerichteten Baustellenführung. Bereits seit Anfang 2017 rechne man daher mit einem erhöhten Aushubvolumen. Zusätzliche Probleme hätten sich beim Abtransport der belasteten Erde per Schiff ergeben. Aufgrund schwankender Pegelstände des Rheins konnten die Spezialschiffe, deren Laderäume so wie die Einhausungen auf dem Sanierungsgebiet unter Unterdruck stehen, oft nicht beladen werden. Mit neuen Doppelkähnen soll die Zeit zwischen Hoch- und Niedrigwasser jetzt besser genutzt werden.

Inzwischen geht man auf dem 55 000 Quadratmeter großen Areal von einem Volumen von insgesamt 477 000 Kubikmetern oder knapp 860 000 Tonnen Material aus, das zu dekontaminieren ist. Bei der Vorstellung des Projektes Ende 2012 waren die Verantwortlichen noch von einer Menge von rund 240 000 Kubikmeter ausgegangen. Ausgehoben und zum Teil vor Ort behandelt wurden, so Muller, bisher knapp 80 Prozent. Je nach Verschmutzungsgrad wird der Aushub per Schiff, Bahn oder Lastwagen zur „thermischen Behandlung“ an spezialisierte Unternehmen in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden transportiert.

32 000 Kubikmeter oder knapp 58 000 Tonnen sauberes Erdreich wurden zwischenzeitlich wieder eingebracht. Bei Beginn der Arbeiten 2012 hatte man noch mit einer Sanierungszeit von 25 Monaten gerechnet. Ein Jahr später wurden in der Luft in Kleinbasel und an der Rheinüberwachungsstation in Weil hohe Hexachlorcyclohexan-Konzentrationen, ein Halogenkohlenwasserstoff und die Basis von Lindan gemessen. An der Rheinüberwachungsstation lagen die Werte damals um das 260-Fache über denen des Vorjahres. Solche Überraschungen sollen jetzt vermieden werden. Die Gesundheit der Arbeiter, die sich maximal zwei Stunden am Stück im Grabungsgebiet aufhalten dürfen, wird regelmäßig kontrolliert ebenso wie die Abluft, das Wasser und der Boden.

Novartis legt indes größten Wert darauf, dass die Altlasten nicht auf die Vorläufer des Pharmakonzerns zurückgehen, sondern auf den Vorbesitzer, das französische Unternehmen Ugine Kuhl­mann, das an dem Standort seit 1947 Lindan produziert hatte. Allerdings war die Altlast auch beim Kauf des Geländes durch Sandoz schon bekannt und die französischen Behörden führten seit 1972 eine ständige Grundwasserüberwachung durch. Nachdem die Steih den Betrieb 2012 einstellte, führte an einer Totalsanierung des Areals kein Weg mehr vorbei. Hatte Ugine Kuhlmann die in großen Mengen anfallenden giftigen Hexachlorcyclohexan- oder HCH-Produktionsabfälle doch zum Teil offen gelagert, vor Ort vergraben oder in Beton eingegossen, der später unter anderem im Straßenbau oder für die Befestigung von Feldwegen verwendet wurde.

Ganz wird man deshalb des menschengemachten Problems kaum je mehr Herr werden, das gilt auch für den Standort Hüningen. Bei den ursprünglich auf 100 Millionen Euro geschätzten Kosten, die sich nach letztem Wissensstand mehr als verdoppeln werden, bleiben die Novartis-Verantwortlichen gleichwohl vorsichtig optimistisch: „Die Sanierung hat das Ziel, die Restkonzentrationen von Lindan-Nebenprodukten und weiteren Altlasten zu reduzieren und sämtliche Folgenutzungen des Gebiets zu ermöglichen“, hieß es in der Pressemitteilung. Zunächst ist das Areal nach Abbau der Einhausungen als Parkfläche vorgesehen. Später könne man sich eine Grünfläche oder andere Nutzungen im Rahmen des trinationalen Stadtteilentwicklungsprojekts Dreiland vorstellen, sagt Claude Muller.