Kreis Lörrach – Wer die Stellenanzeigen in den Tageszeitungen studiert, stellt fest: An allen Ecken und Enden fehlen Erzieher und Erzieherinnen. Vermehrt nimmt man mit Quereinsteiger mit Kurzzeitqualifizierung vorlieb. Es mangle an der Anerkennung – nicht nur der finanziellen, sagen Schüler der Mathilde-Planck-Schule (MPS), für die die Arbeit mit den Jüngsten nach wie vor ein Traumberuf ist. Die Fachschule für Sozialpädagogik tut das ihre, indem sie ihre Ausbildungskapazität in den vergangenen Jahren deutlich erhöht hat.

Umarmung zeigt Wertschätzung

Patrick Wenzel freut sich jeden Morgen, wenn die Kinder angerannt kommen und ihn bei Dienstantritt umarmen. „Eine solche Wertschätzung gibt es in keinem anderen Beruf“, sagt der 24-Jährige, der eine praxisintegrierte Ausbildung (PIA) zum Erzieher im evangelischen Kindergarten im Lörracher Stadtteil Salzert absolviert. Doch er stellt auch fest: Weil der Personalschlüssel nicht ausreicht, wird viel Arbeit über Auszubildende und junge Leute, die ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) machen, aufgefangen.

Kritik am Quereinstieg

Der Fachkräftemangel sei im Landkreis richtig aufgeschlagen, eine Entspannung nicht in Sicht, bestätigt Gabriele Marx, Leiterin der Abteilung Sozialpädagogik und Altenhilfe an der MPS. Dass alternativ zu staatlich anerkannten Erzieherinnen in den Anzeigen vermehrt nach pädagogischen Fachkräften gesucht wird, sieht sie kritisch. Schließlich absolvierten diese Quereinsteiger bisweilen lediglich eine 25-tägige Fortbildung. „Das ist viel zu wenig.“ Mangels Personal müssen einige Einrichtungen ihre Öffnungszeiten zurückfahren, beobachtet Marx, was für manche Eltern erschwert, Beruf und Kinder zu vereinbaren. Dass eine Gruppe ganz geschlossen wird, sei aber – noch – ein Extremfall.

PIA wird angenommen

Immerhin: Die Hoffnungen, die in die vor bald sechs Jahren eingeführte praxisintegrierte Ausbildung gesetzt wurden, erfüllen sich. „PIA wird von den Trägern angenommen“, sagt Gabriele Marx. Inzwischen macht die PIA fast die Hälfte der an die 300 angehenden Erzieherinnen und Erzieher an der MPS aus. Diese tut, was in ihren Kräften steht, um dem Mangel zu begegnen.

Inzwischen werden in beiden Ausbildungsformen in jedem Schuljahr zwei Klassen unterrichtet. Fürs Schuljahr 2018/19 gibt es so viele Bewerber, dass am einjährigen Berufskolleg als Einstieg eine dritte Klasse eingerichtet wird. Vor zehn Jahren bildete die Fachschule laut Marx etwa halb so viele Erzieherinnen aus. Räumlich stoße die Schule nun allerdings an ihre Grenzen. Trotzdem will sie die Werbung intensivieren: Bis zum Sommer soll ein Imagefilm fertig sein, der dann ins Internet gestellt wird.

Qualität bleibt auf der Strecke

Josefine Palakunnel brauchte das nicht. Für sie war früh klar, dass sie im sozialen Bereich arbeiten möchte. Ein FSJ hat sie in der Entscheidung bestärkt, den Beruf der Erzieherin zu ergreifen.

Derzeit ist sie beim Sozialen Arbeitskreis in Lörrach in der Schulkindbetreuung tätig. Sie bestätigt: Oft werden zu viele Kinder von zu wenigen Fachkräften betreut. „Da ist die Qualität nicht mehr garantiert.“ Die 21-Jährige freut sich auf den Herbst, wenn ihr Anerkennungsjahr beginnt und sie die Theorie aus der Fachschulausbildung praktisch anwenden darf.

Viele jobben nebenher

Wer wie sie die herkömmliche Ausbildung zur Erzieherin macht, bekommt nur im letzten Jahr eine Vergütung. Die Bezahlung ist daher ein gravierendes Problem. Viele Fachschüler jobben nebenher, weiß die Abteilungsleiterin. Dass Fachschüler seit 2016/17 unterstützend vom Land Meister-Bafög bekommen können, findet sie eine gute Sache. Reguläres Schüler-Bafög bekommen nämlich nur wenige. Die große Stellschraube gegen den Erziehermangel sieht die Abteilungsleiterin in der gesellschaftlichen Anerkennung des Berufs. Elementarpädagogik, also die erzieherische Arbeit mit den Jüngsten, ist allen Sonntagsreden zum Trotz tendenziell unterbezahlt. Nicht zuletzt wegen eines überholten Frauenbildes. Erzieher sind denn auch nach wie vor Exoten.

Sergey Samoylenko kam auf ganz anderen Wegen. Der 43-Jährige übte in seiner Heimat Russland schon viele Berufe aus: Er war Kunstmaler, Polizist, Mediengestalter und Koch. Anerkannt wurde hierzulande nichts davon. Eigens für die Ausbildung zum Erzieher ist er von Genf nach Lörrach gezogen. Und er stellt über seine Tätigkeit an einer Weiler Grundschule mit 80 Prozent Migrantenkindern fest: „Das ist genau das Richtige.“ Sein Fernziel: Als Gegenstück zu den Musikschulen eine Kunstschule zu etablieren, an der begabte Kinder gefördert werden können. Der Bedarf sei da, ist Samoylenko überzeugt.

Schweiz ist keine Konkurrenz

Dass ganze Erzieherinnenklassen nach nach dem Abschluss an der Fachschule für Sozialpädagogik in die Schweiz wechseln, wegen besserer Bezahlung und besserer Bedingungen kann Gabriele Marx kann nicht bestätigen: „Die Schweiz ist keine Konkurrenz“, versichert sie. Höchstens eine Hand voll Absolventen wechsle pro Jahrgang dorthin. Manche kehrten aber auch wieder zurück, weil im Nachbarland, wo Pflege und Betreuung an erster Stelle stehe, nicht gefragt sei, was die Schule vor allem vermittelt: Bildung und Erziehung.