Wenn Ulrich Zwingli heute leben würde, wäre er vielleicht ein Fan von Bob Dylan oder Pink Floyd. Das jedenfalls suggeriert Jürg Kienberger in der Musikauswahl seines neuen Bühnensolos „Eingerockt und ausgesungen – Ein fernes Lied aus Zwinglis Kindheit“. Ein Musik- und Theaterabend auf den Spuren des Schweizer Reformators im Geiste eines Christoph Marthaler, wie er nicht typischer für den originellen Musikspieler Kienberger sein könnte.

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Der schauspielernde Pianist setzt sich in der Scheune des Theaters im Hof in Kandern-Riedlingen als Klein-Zwingli ans Klavier und singt: „We Don‘t Need No Education“. Das Leben von Zwingli, der schon mit fünf Jahren Unterricht von seinem Onkel, dem Dekan Bartholomäus Zwingli bekam, gibt viel zu viel her, um es an einem Bühnenabend darzustellen.

Der Schauspieler und Musiker Jörg Kienberger in der Rolle des Schweizer Reformators.
Der Schauspieler und Musiker Jörg Kienberger in der Rolle des Schweizer Reformators. | Bild: Jürgen Scharf

Und so konzentriert sich der geniale Theatermusiker Jürg Kienberger, einer der Lieblinge im Theater im Hof, auf die Kindheit des 1484 geborenen Huldrych Zwingli und setzt mit dieser recherchierten, aber fiktiv umgesetzten Biografie (Regie: Claudia Carigiet) seine Fantasie in Gang. Erzählt wird in mehreren Zeitsträngen und Ebenen, zeitlos, historisch, heutig.

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Der angenommene Briefwechsel des kleinen Jungen mit seiner Mutter wird zum literarisch-musikalischen Sandkastenspiel, bei dem die Geschichte des intelligenten, wissbegierigen und fleißigen „Götti-Bub“, der musikalisch war, aber in der Kirche keine Musik zuließ, in Bildern entsteht. Ulrich, kein Frauenverächter und ein Gegner des Zölibats, predigt schon eifrig auf der Kanzel, einem guten Glas Rotwein nicht abgeneigt.

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Kienberger trägt eine schwarze Tracht, wie Zwingli auf den alten Gemälden, die schwarze Reformatorenmütze reißt er vom Kopf und den Reformator vom Sockel. Unter der wuscheligen Perücke sieht er aus wie ein spätmittelalterlicher Beatle, und seine Schauspielerei erinnert an Nestroysche Komik. Akrobatisch-gelenkig ist er auch noch, wenn er sich, den Federkiel in der Hand, ins Stehpult zwängt, wo eine kleine Zwingli-Marionette baumelt.

Ein subtiles Spiel

Dieses Musiktheatersolo ist ein subtiles Spiel, sogar mit einer Spieluhr, und mit viel Musik, ohne die ein Kienberger-Abend nicht denkbar wäre. Im neuesten Streich, den er auch schon am Theater Neumarkt in Zürich gezeigt hat, baut der Schweizer Musikdarsteller noch ein Schattenspiel mit herzigem Schlaflied ein. Mit spielerischem Jux und Tollerei, Ernst, Ironie und tieferer Bedeutung lässt er Huldreichs Jugendjahre Revue passieren und schafft eine spannende Bühnenfigur, die leichtfüßig und verspielt daherkommt, aber doch mit ernstem Hintergrund.

Holzrock am Hackbrett

Am besten ist Kienberger, wenn er sich ans Klavier setzt und den Schopf rockt: Holzrock mit Hackbrett. Das Lieblingsinstrument Zwinglis hat Jürg Kienberger extra gelernt. Vielleicht jodelt er ein bisschen zu viel, aber das kann man als ein fernes Echo aus Zwinglis Kindheit deuten.