Rembrandt, Raffael, Vermeer: Berühmte Maler der Renaissance und Barockzeit sind im Wiesental zu sehen. Das wäre eine Sensationsmeldung – auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick entdeckt man in der Ausstellung zum 30-jährigen Bestehen der Galerie am Brühl in Zell-Gresgen, dass hier nicht die Alten Meister im Original versammelt sind, sondern Zitate aus deren Gemälden, die Kurt Mair in seinen Bildwerken verarbeitet und verfremdet.

Und doch ist man immer geneigt, zu erfragen, wer auf diesen Werken abgebildet ist. Es sind Selbstbildnisse von Rembrandt, das Porträt des edlen Herrn Agnolo Doni von Raffael aus dem Jahr 1506, die Frau mit rotem Hut von Vermeer, und das kleine Mädchen mit dem Hund des weniger bekannten Niederländers Caesar van Everdingen. Und jetzt erschließt sich auch der Ausstellungstitel wie von selbst: „Der erste und der zweite Blick“.

Der erste Blick zeigt alles, wie es scheint, der zweite Blick, wie es eigentlich ist. Oder, anders gesagt: Der erste Blick schafft Ordnung, er registriert und sortiert. Der zweite Blick ist tiefer und genauer, nimmt sich Zeit und offenbart mehr als der erste Blick. Dass der zweite Blick auch das Eigene im Fremden erschließt und das Fremde im Eigenen, zeigt die Malerei von Kurt Mair. Entdeckt man doch in seinen Figurenbildern und Akten Überraschendes, Unbekanntes, Geheimnisvolles und auch Merkwürdiges.

Der in Italien lebende Maler und Grafiker Mair, ein langjähriger Stammkünstler der Galerie, schlägt eine Brücke vom Hier und Jetzt bis weit hinein in die Kunstgeschichte und stellt die Kunst mit Neuigkeiten dar, indem er Zitate aus Gemälden Alter Meister entlehnt und sie mit einem neuen Bildgeschehen verbindet. Da begegnen sich historische und aktuelle Bildwelten: Der Künstler schafft zeitlose Räume.

Die Frau ist im Zentrum von Mairs Schaffen, sei es in üppigen historischen Tableaus, in barocken Landschaften und Andeutungen von Interieurs oder in neueren, kleineren Formaten in Frauenakten, die ohne kunsthistorische Bezüge auskommen. Diese anmutigen, in den Körperhaltungen leicht erotischen Akte werden nicht nur liegend und sitzend dargestellt, sondern auch schwebend oder stürzend. Damit bringt der Maler Spannung, Bewegung und Dynamik in die Kompositionen und wirft einen neuen Blick auf den Körper. Auch andere, frische und helle Farbklänge fallen ins Auge, so etwa ein Himmelblau mit einem Hauch von Türkis, das die sonst vorherrschende altmeisterliche Palette von Rot, Gelb, Braun, Schwarz aufbricht. Interessant ist oft der Kontrast in diesen Bildern, der Gegensatz von konkreter Darstellung, von Porträtköpfen und nicht ausgearbeiteten Teilen, etwa nur gezeichneten Händen und abstrakten Bildelementen.

In den neueren Akten entfernt sich Kurt Mair wiederum bewusst von Zitaten aus der Kunstgeschichte. Sich von den Bildinhalten früherer Epochen zu lösen, kann der Betrachter als künstlerische Erweiterung und als Aufbruch zu neuen Ufern deuten.

Die Ausstellung dauert bis 17. Juni, geöffnet ist Samstag und Sonntag, 14 bis 18 Uhr.