Weisweil ist ein verträumtes 300-Seelen-Dorf an der grünen Grenze zur Schweiz und einer von sieben Ortsteilen der Gemeinde Klettgau im Kreis Waldshut. Der Männergesangverein, Landfrauenverein und der Fußballclub prägen das Miteinander der Dorfgemeinschaft, die außerdem eng mit der Schweizer Nachbarschaft verzahnt ist. Und mittendrin steht der „Adler“, die einzige Gaststätte im Dorf, seit 140 Jahren im Besitz der Familie Landwehr. Hier wurde 1968 der Fußballclub gegründet – und hier wurde er nun auch wieder aufgelöst.

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Das 50-jährige Bestehen wurde Ende Juli groß gefeiert, mit einer Vollmond-Party – zünftig, wie das beim FC Weisweil so ist. Auch ein letztes sportliches Programm wurde geboten, Bezirksligist FC Erzingen spielte gegen eine Kombination FC Geißlingen/FC Grießen, die zum Abgesang des einstigen Rivalen kommen.

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„Rückzug oder Spielgemeinschaft mit Nachbarvereinen. Das ist heute das Los vieler kleiner Dorfvereine“, bestätigt der Vorsitzende des Bezirks Hochrhein im Südbadischen Fußballverband, Uwe Sütterlin, der seit Jahren diese Tendenz feststellen muss. „Beim FC Weisweil geschieht das mit einem lachenden, wie auch mit einem weinenden Auge“, formuliert es Schriftführer Lothar Wiese in einem Rundschreiben an die 370 Mitglieder. Wiese weiter: „Da wir seit mehren Jahren keine Mannschaft mehr zum Spielbetrieb meldeten, haben wir auch keinen Beitrag mehr eingezogen. So gesehen folgt mit der Vereinsauflösung eigentlich nur die Legalisierung des Istzustandes.“ In einer Versammlung folgten nun die Mitglieder mit 91 Stimmen dafür, fünf Stimmen dagegen und einer Enthaltung dem Vorschlag des Vorstands und leiteten das Ende des Vereins ein.

<strong>Tradition: </strong>Schriftführer Lothar Wiese fliegt nach dem Titelgewinn 1995/96 in den Brunnen, sehr zur Freude von Spielern und Anhängern des FC Weisweil.
Tradition: Schriftführer Lothar Wiese fliegt nach dem Titelgewinn 1995/96 in den Brunnen, sehr zur Freude von Spielern und Anhängern des FC Weisweil. | Bild: FC Weisweil

Was bleibt, ist die Erinnerung an 50 Jahre Kreisliga-Fußball. An Siege, Niederlagen, Meisterschaften und Abstiege. Nicht zu vergessen ist auch der zwischenmenschliche Bereich. Unzählige Feste, Hochzeiten, Ausflüge, Skiausfahrten, aber auch traurige Anlässe, wie Krankheit und Tod, gehörten – wie bei jedem Verein – beim FC Weisweil zum Vereinsalltag.

<strong>Derber Spaß:</strong> Weisweils Trainer Karl Martini wird nach dem Titelgewinn in der Kreisliga B im Spieljahr 1989/90 durch den Brunnen gezogen und ringt schwer nach Luft.
Derber Spaß: Weisweils Trainer Karl Martini wird nach dem Titelgewinn in der Kreisliga B im Spieljahr 1989/90 durch den Brunnen gezogen und ringt schwer nach Luft. | Bild: FC Weisweil

Doch der FC Weisweil war dennoch kein Verein wie jeder andere. Herzhafter Blödsinn war außerhalb des Platzes an der Tagesordnung. So gehörte zu jeder Meisterfeier ein Bad im Dorfbrunnen. Dort landeten im Laufe von 50 Jahren mehrmals Trainer und Vorstand und mussten ein kühles Bad nehmen. Und eines Tages tauchte in der Mitgliederliste auch ein gewisser „Herr Moritz“ auf. Ein Mitglied hatte nach einer Siegesfeier freudetrunken seinen Hund angemeldet und für diesen auch den Mitgliedsbeitrag entrichtet. Einsätze auf dem Spielfeld blieben dem Vierbeiner aber trotz Personalmangels versagt.

<strong>Sportler unter sich:</strong> Ski-Olympiasiegerin Marie-Theres Nadig signiert einen Wimpel des FC Weisweil für Karl Landwehr.
Sportler unter sich: Ski-Olympiasiegerin Marie-Theres Nadig signiert einen Wimpel des FC Weisweil für Karl Landwehr. | Bild: FC Weisweil

Unzählige Anekdoten wissen der Vorsitzende Karl Landwehr (80) und der Schriftführer Lothar Wiese (68) zu erzählen. Zum Beispiel, dass der FC Weisweil 1972 bei einem sogenannten „Trainingslager“ in Flums Ski-Olympiasiegerin Therese Nadig in deren Haus überraschte, die zunächst glaubte, die Weisweiler wären der FC Winterthur. „Mit Therese und ihren Eltern hatten wir den ganzen Tag viel Spaß, halfen ihr einen Korb Fanpost zu sortieren. Wir ernannten sie sogleich zum Ehrenmitglied unseres Vereins“, erzählt Vorsitzender Karl Landwehr mit einem Augenzwinkern. Wegen solcher Geschichten und der Tatsache, dass in Weisweil der FC mehr Mitglieder als Einwohner hatte, fand sich auch in der Ausgabe der „Bild“-Zeitung vom 15. November 1973 eine Notiz.

<strong>Erinnerungen: </strong>Karl Landwehr (links) und Lothar Wiese vom FC Weisweil bei der Durchsicht alter Bilder und Zeitungsberichte.
Erinnerungen: Karl Landwehr (links) und Lothar Wiese vom FC Weisweil bei der Durchsicht alter Bilder und Zeitungsberichte. | Bild: Günter Salzmann

Kurzum: Beim FC Weisweil war immer etwas los. Im Mittelpunkt stand stets „Adler“-Wirt Karl Landwehr, bei dem alle Fäden zusammen liefen. Im Gründungsjahr 1968 war er stellvertretender Vorsitzender und Aktivspieler und schoss als solcher im ersten Punktespiel in Weizen (2:0) das erste Tor für den FC Weisweil. Im zweiten Jahr wurde er Vorsitzender – und das blieb er bis heute, er ist neben Schriftführer Lothar Wiese und Kassiererin Petra Schilling im Team für die Liquidation des Vereins und seines verbliebenen Vermögens zuständig. Diese lange Verantwortung ist ein einmaliger Vorgang, der damit zu erklären ist, dass es „sein“ FC Weisweil war. Ihm zur Seite, in unterschiedlichen Funktionen, standen während vieler Jahre Lothar Wiese, Hubert Geiger, Alfred Kaiser und Frank Weißenberger, um nur einige zu nennen.

<strong>Das letzte Spiel: </strong>Am 4. Juni 2013 bestritt der FC Weisweil sein letztes Punktespiel gegen den FC Erzingen II (5:2) und lud dazu noch einmal alle Spieler der letzten Jahre ein. Stehend, von links: Stefan Müller, Dirk Wagner, Andreas Graf, Simon Gysel, Jürgen Landwehr, Paul Schneider, Goran Mutabdzic, Adrian Kammerl, Marcus Müller, Adrian Obrist, Daniel Kammerl, Gini Murelli, Markus Nowak. Sitzend, von links: Daniel Greuter, Gabriel Zimmermann, Markus Richter, Serhat Yetim, Jürgen Schilling, Franz Kessler. Liegend, von Links: Frank Weißenberger, Michael Rich.
Das letzte Spiel: Am 4. Juni 2013 bestritt der FC Weisweil sein letztes Punktespiel gegen den FC Erzingen II (5:2) und lud dazu noch einmal alle Spieler der letzten Jahre ein. Stehend, von links: Stefan Müller, Dirk Wagner, Andreas Graf, Simon Gysel, Jürgen Landwehr, Paul Schneider, Goran Mutabdzic, Adrian Kammerl, Marcus Müller, Adrian Obrist, Daniel Kammerl, Gini Murelli, Markus Nowak. Sitzend, von links: Daniel Greuter, Gabriel Zimmermann, Markus Richter, Serhat Yetim, Jürgen Schilling, Franz Kessler. Liegend, von Links: Frank Weißenberger, Michael Rich. | Bild: FC Weisweil

Zu den Besonderheiten der Weisweiler Fußballer zählten übrigens die guten Verbindungen zur Schweiz. „Anfangs spielten nur Weisweiler beim FC, doch die kamen in die Jahre, und Nachwuchs war aus dem Dorf nicht in Sicht,“ erzählt Karl Landwehr, der mit auswärtigen Spielern den Fortbestand des FC Weisweil sicherte. Vor allem Schweizer Fußballer fanden sich beim Verein, für die der „Adler“ ein Geheimtipp für gute Gastronomie war.

Einzigartige Verschmelzung von deutschen und Schweizer Spielern

Zudem ging dem Fußballclub ein Ruf für Kameradschaft und Spaß voraus. Wohl kein anderer Verein hat eine solche Verschmelzung von deutschen und Schweizer Spielern in seiner Mannschaft aufzuweisen wie der FC Weisweil. Freilich war auch das Karl Landwehr geschuldet, der diese Kontakte an seiner Theke schmiedete. Wie dem auch sei: Dem Jubiläumsfest zum 50-jährigen Bestehen folgte die Auflösung. Eigentlich schade, denn Weisweil wird nun ärmer sein, dem beschaulichen Klettgau-Dorf wird künftig etwas fehlen.