Herr Kaiser, aus welchem Grund halten Sie zum Reformationsjubiläum einen Vortrag über Thomas Müntzer?

Es ist belegt, dass Thomas Müntzer 1524 in Grießen gepredigt hat. Der Kirchengemeinderat der Evangelischen Kirchengemeinde Klettgau hat deshalb beschlossen – bei allen Verdiensten Martin Luthers – im Reformationsjahr auch denjenigen zu würdigen, der als Erster in Deutschland den Gottesdienst auf Deutsch eingeführt hat; der Kirchenlieder gedichtet hat, die ins evangelische Gesangbuch eingeflossen sind; der die Bauern in ihrem Kampf um Freiheit unterstützt hat und damit als einer der ersten Sozialreformer Deutschlands angesehen werden kann; und der für seine christliche Überzeugung gestorben ist.

Was war Thomas Müntzer für eine Figur?

Historisch ist über Thomas Müntzer relativ wenig bekannt – und das, obwohl er gut erforscht wurde. Experten vermuten, dass er 1489 in Stolberg geboren wurde und, das kann nachgewiesen werden, nach der Schlacht bei Frankenhausen am 27. Mai 1525 hingerichtet wurde. Er hatte sich dort als ehemaliger katholischer Priester und dann als bewusster evangelischer Pfarrer den aufständischen Bauern angeschlossen und ihren Kampf um ihre Rechte unterstützt. Die verlorene Schlacht markiert das Ende der Bauernaufstände in Deutschland.

Welche Rolle spielte er während der Reformation vor 500 Jahren?

Anfangs ist Thomas Müntzer ein Anhänger Martin Luthers gewesen. Wir wissen das aus seinen Schriften und seinen Briefen, die erhalten sind. Wie Luther, so hat Müntzer geheiratet – als öffentliches Zeichen des Protests, dass der Zölibat nicht biblisch ist. Wie Luther, hat Müntzer auch eine ehemalige Nonne geheiratet: Ottilie von Gersen. Sie hat ihren Mann unterstützt, zwei Kinder gingen aus der Ehe hervor. Nachdem sich Müntzer der reformatorischen Bewegung angeschlossen hatte, zog er als Pfarrer ruhelos umher. Zuletzt wirkte er im thüringischen Mühlhausen. Im Unterschied zu Luther hielt Müntzer weniger am Schriftprinzip fest, sondern war der Meinung, dass Gott auch noch anders erkannt werden kann. In einen Konflikt mit den Fürsten geriet er, als er deren Willkürherrschaft öffentlich kritisierte und sie in die Pflicht ihrer christlichen Verantwortung gegenüber ihren Untertanen nahm.

Fragen: Heidrun Glaser

Zur Person

Thomas Kaiser (54) hat von 1982 bis 1988 evangelische Theologie und Philosophie an der Universität Heidelberg studiert. Seit 2008 ist Thomas Kaiser Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Klettgau. Er ist verheiratet mit Pfarrerin Andrea Kaiser, zusammen hat das Paar vier Kinder.