Der eine oder andere mag sich an Komödie „Die Kirche bleibt im Dorf“ des Südwestrundfunks erinnern. So einen ähnlichen Streit um die Kirche gab es auch in Erzingen vor mehr als 50 Jahren. Er endete mit dem Abriss des Kirchenschiffs der alten Pfarrkirche Sankt Georg und dem Neubau an gleicher Stelle, aber auch mit dem Weggang des damaligen Pfarrers.

So sieht die Erzinger Kirche heute aus.
So sieht die Erzinger Kirche heute aus. | Bild: Eva Baumgartner

Vorausgegangen war ein Streit in der Gemeinde, der, so ein Zeitzeuge, fast zu einer Spaltung des Dorfs geführt hätte. Die Anfänge der Geschichte: Die Kirche befand sich in einem äußerst maroden Zustand, eine Sanierung war überfällig, auch war sie viel zu klein, denn eineinhalb Jahrzehnte nach Kriegsende war die Bevölkerung drastisch angewachsen. Also stand die Überlegung im Raum, eine neue Kirche zu bauen und das an anderer Stelle, mitten im Dorf, dem heutigen Dorfpark.

Gottfried Indlekofer erinnert sich

Gottfried Indlekofer, damals im Stiftungsrat der Kirche und der Ratsschreiber im Erzinger Rathaus, erinnert sich: „Pfarrer Robert Uhlig wollte eine neue Kirche in der Nähe der Schule und auch gleich noch ein neues Pfarrhaus“. Das habe zu enormen Streitereien, nicht nur in der Pfarrgemeinde, sondern im ganzen Dorf geführt. Die Anhänger des Pfarrers plädierten für eine neue zentral gelegene Kirche in der Dorfmitte, da das Dorf, so vermuteten sie, sich in südlicher Richtung entwickeln werde, also jenseits der Bahnlinie. So gesehen sei der Weg zur Kirche für alle Dorfbewohner halbwegs gleich lang. Die alte Kirche könne als eine Art Kapelle beibehalten werden oder man könne sie der evangelischen Pfarrgemeinde überlassen, die hatte noch keine Kirche. Für den damaligen Stiftungsrat, einen Pfarrgemeinderat gab es damals noch nicht, war dies keine Option.

Pfiffe von den Gegnern

So entbrannte ein fürchterlicher Streit. „Eine große Versammlung im Gasthaus ‚Hirschen’ wurde einberufen, um eine Einigung zu finden“, erzählt Gottfried Indlekofer, ein Gegner des ins Auge gefassten Standorts. Der heute 94-Jährige erzählt: „Ich wurde, als ich meine Argumente vorbrachte, furchtbar ausgepfiffen.“ Zu guter Letzt griff die Erzdiözese ein, um den Erzinger „Kirchenstreit“ zu beenden. Sie verfügte den Abriss des alten Kirchenschiffs und den Neubau an gleicher Stelle. Der denkmalgeschützte Turm aus dem Jahre 1587 blieb dabei erhalten.

1964 erfolgt der Abriss des Kirchenschiffs

Im Jahr 1964 ging dann der große Abriss vonstatten. Altbürgermeister Hubert Roth erinnert sich: „Auf meinem Weg zur Arbeit im Rathaus kam ich täglich an der Kirche vorbei, die Abrissarbeiten, den Neubau, konnte ich so genau mit verfolgen. Es tat weh, zu sehen, dass die Kirche, in der ich getauft wurde und Ministrant war, zerstört wurde.“

Die Erzinger Kirche war nach zwei Jahren Bauzeit fertiggestellt.
Die Erzinger Kirche war nach zwei Jahren Bauzeit fertiggestellt. | Bild: Hubert Roth

Pfarrer Uhlig war über diese Entwicklung ganz und gar nicht erfreut, fühlte sich übergangen und ließ sich bereits 1961 versetzen. Sein Nachfolger wurde Ludwig Aschenbrenner, unter dem die Kirche für rund 1,5 Millionen Mark, für damalige Verhältnisse ein enormes Vermögen, gebaut wurde. Unter großen Mühen und mit einem eigens gegründeten Kirchenbauverein stemmte die Pfarrgemeinde diese gewaltige Summe. Als Planer war der namhafte Kirchenarchitekt Werner Groh aus Karlsruhe beauftragt. Und am 4. September 1966 wurde die neue Kirche durch Erzbischof Hermann Schäufele eingeweiht.

Informationen und Fotos aus dieser Zeit finden sich im Buch „Im Spiegel der Geschichte: die Erzinger Pfarrkirche St. Georg“ von Hubert Roth, herausgegeben vom katholischen Bildungswerk Klettgau, erhältlich in den Pfarrbüros.