Der katholische Pfarrer Richard Dressel hat auf dem Lottstetter Lerchenbuck ein Gedenkkreuz eingeweiht, das künftige Generationen an die Evakuierung des Jestetter Zipfels vor 75 Jahren erinnern soll. Eine Abordnung des Musikvereins Harmonie Lottstetten untermalte den Anlass. Der Pfarrer der Seelsorgeeinheit Jestetten erinnerte daran, dass am 15. Mai 1945 rund 3500 verzweifelte Menschen der deutschen Grenzgemeinden Jestetten, Altenburg und Lottstetten auf Befehl der 1. Französischen Armee über Nacht das Nötigste zusammenpacken und die Heimat verlassen mussten.

Erst nach einer mehrtägigen Odyssee wurden die Menschen auf Bauernhöfen in verschiedenen Gemeinden im Steina-, Schlücht- und Mettmatal verteilt. Dort warteten sie auf einen weiteren Befehl, der aber nicht kam. Nur wenige Personen durften in ihrem Heimatort bleiben, um das zurückgelassene Vieh der Bauern zu versorgen. Die Ernte wurde mit der Nachbarschaftshilfe der Landwirte aus der Schweizer Nachbargemeinde Rheinau eingebracht.

Die Zeitzeugen Eugen Merkt (links) und Erich Häring erinnerten sich an die Evakuierung, die sie vor 75 Jahren erlebten. Im Hintergrund der Lottstetter Bürgermeister Andreas Morasch.
Die Zeitzeugen Eugen Merkt (links) und Erich Häring erinnerten sich an die Evakuierung, die sie vor 75 Jahren erlebten. Im Hintergrund der Lottstetter Bürgermeister Andreas Morasch. | Bild: Thomas Güntert

Unter den rund 50 Besuchern des besonderen Jubiläum-Anlasses auf dem Lerchenbuck waren auch Zeitzeugen, bei denen die Erinnerungen an diese schreckliche Zeit wieder aufkamen. „In Bettmaringen habe ich das Laufen gelernt“, sagte Eugen Merkt, der damals als zweijähriger Knirps dabei war. „Wir mussten drei Monate auf dem Boden schlafen“, erinnerte sich Erich Häring. Der 89-jährige Kiesunternehmer ist der Initiant des Gedenkkreuzes. Bereits im Jahr 2012, als der Lottstetter Kirchturm renoviert wurde, hatte er mit dem langjährigen Mesner Helmut Buchter ein Gedenkkreuz errichten wollen. Helmut Buchter erkrankte jedoch und starb zwei Jahre später.

Die Macher des Lottstetter Gedenkkreuzes (von links): Erich Häring, Herbert Vetter, Jürgen und Herbert Kübler.
Die Macher des Lottstetter Gedenkkreuzes (von links): Erich Häring, Herbert Vetter, Jürgen und Herbert Kübler. | Bild: Thomas Güntert

2019 nahm Häring Kontakt mit dem Zeitzeugen Herbert Vetter auf und konnte Herbert Kübler als Projektleiter für die Idee begeistern. Kübler war zur Zeit der Evakuierung zwar noch nicht geboren, wusste aber viel von seinem Vater August, der dabei war und ein Chronist der Lottstetter Heimatgeschichte war. Küblers Sohn Jürgen führt in Jestetten eine Steinbildhauerei und meißelte die Erinnerungen in den Stein.

Bei einem Festakt wurde in Lottstetten ein Gedenkkreuz eingeweiht, das künftige Generationen an die Evakuierung des Jestetter Zipfels erinnern soll.
Bei einem Festakt wurde in Lottstetten ein Gedenkkreuz eingeweiht, das künftige Generationen an die Evakuierung des Jestetter Zipfels erinnern soll. | Bild: Thomas Güntert

Als passenden Stein suchten die Initianten einen Vogesengranit aus. „Der französische Stein soll auch ein Zeichen der Versöhnung sein“, sagte Vetter. Er betonte jedoch, dass die mit dem Kreuz ausgedrückte Dankbarkeit insbesondere den Südschwarzwälder Bauernfamilien gilt, die die Vertriebenen aufgenommen und gut versorgt hatten. „Das war nicht selbstverständlich“, sagte Vetter, dessen Familie die letzte war, die heimkehren durfte. „Meine Mutter hat für das ganze Dorf genäht, vermutlich wollten sie uns deswegen nicht gehen lassen“, schmunzelte der 82- Jährige.

Die Finanzierung

Die 11.000 Euro für das Kreuz haben 18 Zeitzeugen sowie Unternehmer und Privatleute finanziert. Zudem gab die Gemeinde Lottstetten einen finanziellen Zuschuss und stellte den Platz samt Fundament zur Verfügung. Bis heute ist noch nicht eindeutig geklärt, weshalb der Jestetter Zipfel durch die französischen Besatzer evakuiert wurde. Angeblich vermuteten die Franzosen in den Wäldern noch Einheiten der deutschen Wehrmacht. Es wurde aber auch gemunkelt, dass das ehemalige Zollausschlussgebiet gegen ein ähnliches Territorium im Jura getauscht werden sollte.

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Während der Evakuierung legten die verzweifelten Menschen das Gelöbnis ab, dass sie, falls sie wieder in ihre Heimatgemeinde zurückkehren würden, alljährlich nach der Ernte eine Wallfahrt nach Einsiedeln machen. Die Pilgerfahrt konnte aber erst zu Beginn der 1950er Jahre aufgenommen werden, als die Deutschen Grenzkarten bekamen und wieder in die Schweiz durften.

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Obwohl die Zeitzeugen immer weniger werden, hat sich die Wallfahrt bei den nachfolgenden Generationen zum traditionellen Anlass am dritten Septembersamstag entwickelt. Mit dabei ist immer eine Abordnung des Zürcher Weinlandes, in den vergangenen Jahren auf Initiative vom Rheinauer Pfarrer Rolf Maria Reichle. In diesem Jahr kann die Wallfahrt wegen der Corona-Pandemie erstmals nicht unternommen werden.

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