In Jestetten erinnert man sich gerne an die Zeit vor 64 Jahren, als die Männer um Fritz Walter in der Schweiz gegen das scheinbar übermächtige Ungarn überraschend mit 3:2 gewonnen haben und Fußball-Weltmeister wurden. Damals traten die Fußballer ihre Rückreise aus Bern nicht mit dem Flugzeug, sondern in einem Sonderzug der Deutschen Bundesbahn an. Der DFB und Bundestrainer Sepp Herberger hatten einen Halt auf dem ersten deutschen Bahnhof vorgesehen und so war in Singen ein großer Empfang vorgesehen.

Gute Verbindungen des Bürgermeisters halfen nichts

Doch bevor dieser Sonderzug am Nachmittag des 5. Juli 1954 in Singen eintraf, musste er Jestetten passieren. Bürgermeister Otto Holzscheiter ließ alle Verbindungen spielen, schließlich war der Jestetter Zipfel das erste Fleckchen Deutschlands, das die frisch gebackenen Weltmeister erreichten. Allein, es half nichts, das Fahrplanbüro in Zürich verwies auf den Umstand, dass in Gottmadingen schließlich auch kein Halt geplant sei.

Die Weltmeister zeigen sich den Jestettern. Bild: Günter Lurk
Die Weltmeister zeigen sich den Jestettern. Bild: Günter Lurk

Gruppe um Günter Jurk will die Gleise blockieren

Dennoch wollten die Jestetter an den Bahnhof kommen und den „Helden von Bern“ bei der Durchfahrt zujubeln. So ließ man alles stehen und liegen, ließ die Arbeit Arbeit sein und das ganze Dorf machte sich auf den Weg zum Bahnhof. Und dann geschah dort etwas Unerhörtes. Eine Gruppe des Sportvereins Jestetten, darunter auch der damals 24-jährige Günter Lurk, Zöllner und Mitarbeiter beim SÜDKURIER, beschloss kurzerhand, die Gleise zu blockieren, um den Zug an der Durchfahrt zu hindern.

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Verhandlungen mit Sepp Herberger

Konrad Jenny, Diensthabender am Bahnhof Jestetten, informierte die SBB-Leitstelle über diesen Plan und erneut wurden Verhandlungen mit dem DFB und Sepp Herberger aufgenommen. Schließlich einigte man sich auf einen kurzen Halt im Jestetter Bahnhof. Diese Information verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Dorf und nun war tatsächlich alles auf den Beinen.

Erst muss noch der Schnellzug passieren

Vorher gab es noch eine kritische Situation zu bewältigen, denn der Schnellzug Luzern – Schaffhausen musste noch den Jestetter Bahnhof passieren – das geschah in der Regel mit einer Geschwindigkeit von 110 Stundenkilometern.

Jeder Spieler erhält eine Bronzeschale aus Jestetten

Und dann kannte der Jubel keine Grenzen mehr. Der rote Sondertriebwagen mit der großen Aufschrift „Fußball-Weltmeister 1954“ fuhr in den Bahnhof Jestetten ein. Die Fußballer erschienen an den Fenstern und Fritz Walter präsentierte den Pokal. Bürgermeister Holzscheiter überreichte jedem Spieler und dem Trainer eine kleine Bronzeschale, gestaltet vom Jestetter Bildhauer Siegfried Fricker mit dem Schriftzug „Jestetten“ auf der Vorderseite und „dankt Ihnen“ auf der Rückseite.

Nach fünf Minuten geht es für die Weltmeister weiter

Nach fünf Minuten ging es für die Weltmeister weiter, die, mit einer halben Stunde Verspätung, in Singen von den dortigen Verantwortlichen in der Meinung des ersten Halts auf deutschem Boden, empfangen wurden.