Auf der Rheininsel in der Jestetter Nachbargemeinde Rheinau (Schweiz) liegt das gleichnamige ehemalige Benediktinerkloster, das im 8. Jahrhundert gegründet und im Jahr 1862 aufgehoben wurde. Bis zum Jahr 1580 befand sich der gesamte Klosterkomplex, heute im Besitz des Kantons Zürich, auf der vom Rhein umflossenen Insel und galt mit seiner umfangreichen Bibliothek während Jahrhunderten als ein wichtiges kulturelles Zentrum.

Auch Peter Thumb baut mit

Die ehemalige Klosterkirche mit den beiden prächtigen Seitenaltären und dem gewaltigen Hochaltar „Maria Himmelfahrt“ zählt zu den schönsten Sakralbauten der Schweiz. Sie trägt die Handschrift des Vorarlberger Erbauers Franz Beer, dessen Vorarbeiter Peter Thumb später die Pfarrkirche Maria Himmelfahrt in Tiengen baute.

Reichskloster mit Schutz des Königs

Im Jahr 858 erhob König Ludwig der Deutsche das Kloster auf der strategisch geschützten Insel zum Reichskloster mit Königschutz, Immunität und freier Abtwahl. Das Kloster Rheinau hatte mit 44 mehrheitlich aus dem regionalen Adel stammenden Mönchen ein stattliches Konvent.

Erste Blüte im 12. Jahrhundert

Die Verehrung Fintans führte im 12. Jahrhundert zu einer ersten Blüte. Im neunten Jahrhundert soll der irische Wandermönch Fintan eingemauert in einer Zelle auf der Insel ein asketisches Leben geführt haben. Im Fintansaltar sind im Reliquienschrein heute noch seine Gebeine aufbewahrt.

Selbstständigkeit in Frage gestellt

Die urkundlichen Aufzeichnungen belegen auch, dass auf der Klosterinsel im Jahr 1114 eine romanische Basilika geweiht wurde, vom 11. bis 13. Jahrhundert eine Schwesterngemeinschaft auf der Insel lebte und im Jahr 1126 Graf Rudolf von Lenzburg die beim Kloster entstandene Siedlung Rheinau befestigte.

Beim Betreten der Kirche in Rheinau beeindrucken neben den prachtvollen Stuckaturen und Deckenfresken besonders die prächtigen Seitenaltäre, die wie Nebenkulissen auf den Hochaltar ausgerichtet sind. <em>Bilder: Thomas </em><em>Güntert</em>
Beim Betreten der Kirche in Rheinau beeindrucken neben den prachtvollen Stuckaturen und Deckenfresken besonders die prächtigen Seitenaltäre, die wie Nebenkulissen auf den Hochaltar ausgerichtet sind. Bilder: Thomas Güntert | Bild: Thomas Güntert

Obwohl das Kloster mit zahlreichen Rechten ausgestattet war, wurde die Selbstständigkeit durch die Machtansprüche seiner Vögte und der Konstanzer Bischöfe in Frage gestellt. Im Jahr 1455 suchte das zeitweise nur noch von vier bis zehn Mönchen belegte und wirtschaftlich bedrängte Kloster Schutz vor den Herrschaftsansprüchen der Grafen von Sulz, welche den Rheinauer Abt mehrmals gefangen nahmen.

Schutzvertrag schützt vor Übergriffen aus dem Klettgau

Im Jahr 1455 wurde mit der Eidgenossenschaft ein Schutzvertrag abgeschlossen, der das Kloster vor Übergriffen der klettgauischen Adelsfamilie bewahrte. Von Zürich griff jedoch die Reformation auf Rheinau über und unter Abt Bonaventura von Wellenberg wurde das Kloster von 1529 bis 1531 aufgegeben und später geplündert. Nachdem es drei Jahre leer gestanden war, wurde es wieder hergestellt und entwickelte sich zu einem Zentrum der Gegenreform.

Besitztümer im benachbarten Deutschland

Bis zur Zuteilung zum Kanton Zürich erlebte das Kloster Rheinau insbesondere im 18. Jahrhundert seine längste Blütezeit. Die klösterlichen Besitzungen erstreckten sich links- und rechtsrheinisch vom Untersee über den Klettgau bis in den östlichen Schwarzwald. Bereits im Jahr 1678 erhielt Rheinau die Herrschaft Ofteringen und hatte Besitztümer im Jestetter Zipfel.

Jestetter Rebberge im Klosterbesitz

Urkunden belegen, dass schon im 15. Jahrhundert in Jestetten Rebberge im Besitz des Klosters waren. Der Gotische Saal im heutigen Jestetter Kulturzentrum „Altes Schulhaus“ wurde 1544 vom Kloster Rheinau als Trinkstube gebaut. Der Weinbau bekam in Jestetten einen immer größeren Stellenwert, und im 19. Jahrhundert hatte das ehemalige Bauerndorf im östlichen Kreisgebiet 134 Hektar Reben, mehr als doppelt so viel wie heute die Gemeinden Hohentengen, Erzingen und Nack zusammen haben. Der Wein wurde größtenteils an das Kloster verkauft, und die Weinbauern wurden vom Kloster ausgebildet.

Prunkvolle Erneuerung im 18. Jahrhundert

Der Abt Gerold Zurlauben II. ließ Anfang des 18. Jahrhunderts die Klosterkirche mit den beiden weithin sichtbaren Türmen und die Konventsgebäude im barocken Stil prunkvoll erneuern. Zudem wurde auf dem östlichen Inselspitz ein Magdalenenkirchlein gebaut, das heute als Spitzkirche bekannt ist und gerne für Trauungen genutzt wird.

Bau des Weinkellers dehnt Besitztümer aus

Mit dem Bau des Weinkellers dehnte sich der Klosterbezirk dann auch auf das Festland aus. Neben den Bautätigkeiten der Äbte Johann Theobald Werli, Gerold Zurlauben I. und Gerold Zurlauben II. prägte zu jener Zeit auch der Widerstand der Rheinauer Bürger gegen den absolutistischen Regierungsstil des Klosters das Leben in Rheinau.

Kloster wird 1798 aufgelöst

Während der Wirren nach dem französischen Einmarsch in die Schweiz im Jahr 1798 wurde das Kloster vorübergehend aufgelöst und erst fünf Jahre später wieder hergestellt. Als die Gemeinde Rheinau im Jahr 1803 an den Kanton Zürich fiel, läutete die liberale Neuordnung des Kantons mit einem Novizenverbot jedoch das Ende des Klosters ein. Im Jahr 1862 lebten gerade noch elf Mönche in den Klostergemäuer.

Aus dem Kloster wird eine Heil- und Pflegeanstalt

Der Große Rat in Zürich hob das Kloster auf, und der Kanton baute die Gebäude zu einer psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalt um (später wurde daraus eine Psychiatrische Universitätsklinik). Der Rheinauer Weinkeller wurde mit dem Spitalkeller zum Zürcher Staatskeller, und in Jestetten verschwanden die Rebberge. Die klösterlichen Bibliotheksbestände wurden größtenteils von der Zentralbibliothek in Zürich übernommen und die Schätze des Rheinauer Kunstkabinetts mit rund 2300 Werken verkauft.

Konzerte in der Klosterkirche

Seit der Auflösung des Klosters dient die Klosterkirche der katholischen Kirchengemeinde Rheinau. Es gibt aber immer noch Konzerte mit der über 300 Jahre alten Hauptorgel, die noch das einzige, in wesentlichen Teilen erhaltene Werk des Augsburger Orgelbauers Johann Christoph Leu ist.

Teilnahme am klösterlichen Leben

Nachdem die Psychiatrische Universitätsklinik Ende des Jahres 2000 aus der Klosteranlage ausgezogen war, standen die Räume leer. Die Tradition des klösterlichen Lebens führen seit 2003 die Schwestern einer jungen katholischen Ordensgemeinschaft weiter. Die Schwestern der „Spirituellen Weggemeinschaft“ ermöglichen ihren Gästen im „Haus der Stille“ die Teilnahme am klösterlichen Leben. Der Zürcher Kantonsrat erstellte zudem ein neues Nutzungskonzept mit Musikzentrum, Hauswirtschaftsschule, Museum und Gastronomie.

Um- und Ausbau in drei Etappen

In der ersten Etappe wurden die Konventgebäude zur Musikinsel, die 16 Proberäume und einen Hotelbetrieb mit 130 Betten umfasst und im Jahr 2014 eröffnet wurde. Der Alt-Nationalrat Christoph Blocher investierte dabei 20 Millionen Franken in die Stiftung Musikinsel Rheinau.

Ein Museum soll entstehen

In der zweiten Bauetappe wurden in den folgenden drei Jahren sieben Gebäude für die Nutzung für Hauswirtschaftskurse und einen Gastronomieteil umgebaut. In einer dritten Bauetappe soll in den kommenden Jahren im alten Abtshaus ein Museum entstehen, das jährlich bis zu 20 000 Besucher auf die Klosterinsel locken soll.