Jestetten Der Jestetter Autor Ralf Göhrig sagt: "Geschichte war schon immer mein Steckenpferd"

Der Jestetter Ralf Göhrig hat nach Kriminalromanen jetzt ein Buch veröffentlicht, das eine Biografie vor dem Hintergrund deutscher Geschichte schildert.

Herr Göhrig, Sie sind als anglophiler Krimiautor in Erscheinung getreten. Mit „Geschenk des Himmels“ bleiben Sie in der Heimat. Wie kam es dazu?

Die Geschichte von Hans Berger ist die Geschichte Deutschlands. Dass ich meine eigene Heimat, den Odenwald als Bergers Heimat wählte, war naheliegend – England wäre in diesem Fall wohl kaum passend gewesen.

Im Untertitel kündigen Sie auf der Titelseite „Die Lebensgeschichte des Hans Berger“ an, tatsächlich ist es eine spannende Romanbiografie. Warum haben Sie da tiefgestapelt?

Damit knüpfe ich an die Erzählungen von Herrmann Hesse an, die mir vor vielen Jahren den Impuls für dieses Buch gegeben haben. Insofern hatte ich Bedenken, beim Leser zu große Erwartungen zu wecken. Die vielen, sehr positiven Rückmeldungen von Lesern und auch vom Feuilleton haben mir bestätigt, dass ich mit meinem neuen Buch einen Nerv getroffen habe.

Bergers Geschichte spannt einen Bogen von 1870 bis in die 1950er Jahre. Wie haben Sie den Hintergrund erarbeitet?

Geschichte, insbesondere die Geschichte des Deutschen Kaiserreichs und der Weimarer Republik war schon immer mein Steckenpferd. Heute erleichtert das Internet vieles, was früher weite Wege in Bibliotheken gefordert hätte. Besonders die Seite alemannia-judaica.de hat sehr viele Details über das jüdische Leben in Eberbach offenbart. Zudem erhielt ich Unterstützung vom Stadtarchiv Eberbach.

Auf dem Titel ist Ihr Großvater zu sehen. Er ist aus der Generation, deren Leben und Denken Sie darstellen. Wie viel von Ihrem Großvater steckt in Hans Berger?

Vermutlich viel weniger, als man vermuten könnte. Doch mein Großvater hat mir sehr viel erzählt aus der Zeit im Ersten Weltkrieg und vor allem aus den Wirren der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit der Inflation, Arbeitslosigkeit und Armut, aber auch von der liberalen Aufbruchstimmung, die gegen Ende er 20er Jahre herrschte. Mein Großvater war der DVP von Stresemann zugeneigt; insofern haben er und Hans Berger Berührungspunkte.

Hans Berger ist ein herausragender Schüler, Offizier, ein Liberaler und erfolgreicher Geschäftsmann, kann aber in jungen Jahren aus gesellschaftlichen Konventionen nicht ausbrechen. Vor dem Zweiten Weltkrieg wird aus dem angesehenen Mitglied der Gesellschaft ein Flüchtling. Wie kommt es dazu?

Ohne zu viel zu verraten: Hans Berger sah, dass seine Vorstellung eines liberalen, aufgeschlossenen Deutschlands mit einer nationalsozialistischen Regierung nicht zu verwirklichen war. Im Grunde jedoch ist die Figur Hans Berger vor vielen Herausforderungen im Laufe seines Lebens geflüchtet, die Flucht aus Deutschland war der letzte Schritt.

Sie thematisieren auch Hans Bergers kritische Haltung gegenüber Antisemitismus und Nationalsozialismus. Was wollen Sie Ihren Lesern mitgeben?

Ich wollte den Blick auf das deutsche Kaiserreich legen, eine Zeit, die heute vielfach vergessen, jedoch die Wurzel des heutigen Deutschlands ist. Die Leser können zahlreiche Parallelen zwischen der späten Weimarer Republik und der Gegenwart entdecken. Hans Berger hat gelernt, die Menschen nicht nach Herkunft, Abstammung oder Religion zu beurteilen, sondern nach dem, was sie tun und wie sie handeln.

Zum Autor

Ralf Göhrig wurde 1967 in Eberbach am Neckar geboren. Seit mehr als 25 Jahren lebt der Förster in Jestetten. Seine Spuren hat er in historischen sowie Vereins- und Ortschroniken hinterlassen. Er arbeitet als freier Mitarbeiter für SÜDKURIER und Alb-Bote. 2011 veröffentlichte er mit „Kopflos in Cornwall“ seinen ersten Kriminalroman. Es folgten „Mörderischer Sturm“, „Jerusalem“, „Schatten folgen dem Licht“, „Der Cornwall-Ripper“ und der Gedichtband „Purpurne Zeit“.

Das Werk

Auf dem großen Büchertisch in den Buchhandlungen vor Weihnachten würde Ralf Göhrigs neues Buch "Geschenk des Himmels" zwischen aufwendigen Prachtbänden auffallen: Gelbe Längsstreifen zieren das Cover, in der Mitte überdeckt von einem alten Schwarzweiß-Foto, auf dem fünf Männer konzentriert in die Kamera schauen, offenbar an ihrem Arbeitsplatz fotografiert. Kein durchgestyltes Grafiker-Kunstwerk, sondern so bodenständig wie der Untertitel "Die Lebensgeschichte des Hans Berger". Man sollte das Buch trotz dieser nüchternen Inhaltsangabe in die Hand nehmen. Es ist eine Romanbiografie, in der sich die Geschichte des fiktiven Hans Berger entfaltet, von Ralf Göhrig unspektakulär, aber in einem durchgehenden Spannungsbogen erzählt. Die Romanfigur durchlebt entscheidende Jahre deutscher Geschichte, aber auf eigenen Wegen, die Hans Berger oft weg vom Mittelmaß der bürgerlichen Gesellschaft wegführen. Er ist kein Mitläufer, hinterfragt kritisch Tendenzen wie den Antisemitismus, arrangiert sich aber in jungen Jahren. Hans Bergers Geschichte reicht von der Kaiserzeit bis in die 1950er Jahre. Der Autor und seine Romanfigur kommen beide aus Eberbach am Neckar. So kann Ralf Göhrig die Kindheit und Jugend von Hans Berger in einem vertrauten Umfeld schildern: Er wächst in einem Bauerndorf auf, es ist eine idyllische Kindheit und ein lebenslanger Fluchtpunkt, in dem Hans Berger immer wieder zur Ruhe kommen kann. Doch der Junge, der mit dem Dorfkindern spielt, ist etwas Besonderes: Sein Vater ist ein Kriegsheld, 1870 gefallen in der Schlacht von Sedan. Auch Hans verspricht, einmal etwas im Leben zu erreichen. Ausgezeichneter Schüler, wird er Offizier und entscheidet sich doch für eine Laufbahn bei der Hamburg-Amerika-Linie. Die Frau, die er heiratet, ist die Tochter des wichtigsten Industriellen Eberbachs. Hans Berger steigt in die Firma ein und bringt sie voran. So perfekt könnte es weitergehen, aber Ralf Göhrig widersteht der Versuchung, aus Hans Berger ein bürgerliches deutsches Denkmal zu machen. Immer wieder geben historische Brüche und persönliche schmerzhafte Einschnitte Bergers Leben eine neue Wendung. Mit der Tochter genießt er im Berlin der 1920er und 1930er Jahre das Leben, versehen mit Geld aus der Firma, die mittlerweile der Sohn leitet. In Berlin erkennt er, wie sich die politische Stimmung verdüstert, erfährt, dass auch in Eberbach die Synagoge brennt und zieht die Konsequenzen. Er verschwindet mit seiner Tochter und taucht erst nach Kriegsende wieder auf. Vorausschauend und enttäuscht wie viele, aber mit den nötigen Geldmitteln wie nur wenige ausgestattet, konnte er Deutschland verlassen. In dieser Hinsicht ist er kein typischer Vertreter der Großvatergeneration, die Ralf Göhrig in seinem Buch lebendig werden lässt, und trotzdem ein Kind seiner Zeit. Dennoch kann der Autor bespielhaft Leben, Denken, Handeln jener Generation und das, was letztlich Schicksal ausmacht, dem Leser nahebringen. Und deutlich machen, wie wichtig es ist, sich allen Tendenzen, Menschen nach ihrer Religion, Hautfarbe oder Abstammung zu beurteilen, entgegenzustellen. Das ist Ralf Göhrig mit der Lebensgeschichte Hans Bergers gelungen.

Das Buch: Ralf Göhrig: "Geschenk des Himmels – Die Lebensgeschichte des Hans Berger", Verlag tredition. 173 Seiten. 10 Euro.

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