Am vergangenen Sonntag war die Chefin von Fiat Lux, Erika Bertschinger-Eicke, nur vier Tage nach ihrem 90. Geburtstag nach langer Krankheit gestorben. Mitte der 1980er-Jahre hatte die Schweizerin den Hauptsitz von Fiat Lux (deutsch: "Es werde Licht") von Egg bei Zürich nach Ibach im Landkreis Waldshut verlegt. Hier ist sie gestorben, hier wir sie am Freitag zu Grabe getragen.

Etwa 100 Menschen nahmen Abschied von der Sektenchefin.
Etwa 100 Menschen nahmen Abschied von der Sektenchefin. | Bild: Sira Huwiler

Rund um die Kirche stehen weiße Autos mit Kennzeichen aus der gesamten Schweiz aber auch aus dem Landkreis Waldshut und aus Köln. Der Sarg steht neben dem Altar – geschmückt mit weißen Federn, weißen Plastikblumen und Dekor, das an die blütenweißen Kleider erinnert, in die sich Uriella einst gehüllt hat. Um den Sarg stehen große Blumenkränze, auch aus Plastik, wie so oft in den Vorgärten rund um die Häuser von Fiat-Lux, zu sehen.

Kränze zum Abschied auf dem Friedhof.
Kränze auf dem Friedhof. | Bild: Sira Huwiler

"Gott ist in allem", sagt Icordo, alias Bernhard Eicke. Vielleicht will man deshalb auch keine echten Blumen töten und greift stattdessen zu Plastik. In goldenem, papstgleichen Gewand hat er nicht nur die Leitung der Sekte Fiat Lux, sondern heute auch die Predigt der Trauerfeier für seine verstorbene Ehefrau übernommen.

Icordo nimmt Abschied.
Icordo nimmt Abschied. | Bild: Sira Huwiler

Doch bevor die Trauerfeier zu einer wird, rechnet er mit den Weltlichen ab, wirft einen finsteren Blick in die Ecke, in der die anwesenden Journalisten stehen und sagt: "Es regnet. Der Himmel trauert über die Medien, weil sie voller Spott und Häme Unwahrheiten verbreiten."

Video: Sira Huwiler

Seine Uriella habe nie einen Weltuntergang verkündet und schon gar nicht zwei mal. Nie sei nie für den Tod von irgendjemandem verantwortlich gewesen und das heilige Athrum-Badewasser, das unter Ordensmitgliedern zur Segnung der vorgeschrieben Rohkost verwendet wurde, sei nie voller Bakterien gewesen. "Sonst würde es uns alle nicht mehr geben", betont er und seine Anhänger nicken.

Die Sektenmitglieder fahren meist weiße Autos, wie vor der Kirche zu sehen ist.
Die Sektenmitglieder fahren meist weiße Autos, wie vor der Kirche zu sehen ist. | Bild: Sira Huwiler

Nachdem er dann noch Chemtrails (gezielte Giftwolken durch Flugzeug-Kondensstreifen) für den Regen an diesem Tag verantwortlich macht, beginnt er über seine "innigstgeliebte Uriella" zu sprechen: "Die letzten neun Jahre war sie hüftabwärts gelähmt, oft Fieberschübe mit bis zu 48 Grad. Aber sie hat alle Schmerzen ohne Medikamente angenommen", sagt er.

Ein Pflegeheim sei nie eine Option gewesen, denn: "In solchen Einrichtungen werden den Bewohnern ohne Wissen Substanzen ins Essen oder die Getränke gemischt, die Demenz verursachen." Bei Fiat-Lux habe noch nie jemand unter Demenz gelitten, weil auf Medikamente verzichtet wird. Wieder zustimmendes Nicken auf den Kirchenbänken.

Mit letzter Kraft habe seine Uriella im vergangenen Jahr sogar noch ein Buch veröffentlicht, dass sie im Liegen geschrieben habe. "Im Handel für 18 Euro zu haben", sagt Icordo, ohne auch nur den Hauch von Scham, für diese Werbebotschaft. "Doch zuletzt war es ihre größte Sehnsucht, heimgeholt zu werden", sagt er, "das wurde sie dann am vergangenen Sonntag um 16.10 Uhr." Aber tot sei sie nicht. "Sie lebt und ist auch heute hier. Ich bin weiterhin durch Telepathie geistig mit ihr verbunden."

Weihnachtssterne sind in der Sekte ein beliebter Blumenschmuck.
Weihnachtssterne sind in der Sekte ein beliebter Blumenschmuck. | Bild: Sira Huwiler

Nach rund 90 Minuten Frontalpredigt, mit gelegentlichen Musikeinlagen vom Band und von den Kirchenbänken, werden der Sarg und die Blumenkränze von Ordensmitgliedern auf den Friedhof getragen. Die meisten Anhänger sind ergraut, einige Junge sind aber auch dabei. Sie lächeln sich ermutigend zu, strahlen Ruhe aus, verteilen auf dem Weg zum Grab weiße Plastikblumen an alle. Nach einem letzten Gebet lassen die Sargträger Uriella hinab in das Grab ihrer Mutter, Hedwig Gessler, die bereits 1994 verstorben ist.

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Schon zu Lebzeiten kamen durch ein ehemaliges Sektenmitglied Gerüchte auf, Uriella wolle sich nach ihrem Tod durch Kryokonservierung bei minus 196 Grad Celsius in einem Stickstofftank einfrieren lassen, um mit fortschreitender Wissenschaft irgendwann wiederbelebt zu werden. Der Sarg, die Feier, das Loch im Boden der verregneten Erde zeigen: Es war nur ein Gerücht, wie so vieles im Leben von Erika Bertschinger-Eicke.