Immer mehr Restaurants schließen. Sei es, weil es nicht genug Personal gibt, sei es, weil sich nach dem Ruhestand der Betreiber niemand findet, der das Lokal übernehmen möchte. Im „Hirschen“ in Mutterslehen soll es weitergehen, auch wenn Hirschenwirt Peter Kaiser und seine Frau Rosemarie jetzt in den Ruhestand gehen. Wie, ist jedoch ungewiss.

An den Türen von Hotel und Restaurant prangt ein Schild mit der Aufschrift „Betriebsferien“. Tatsächlich aber wird der „Hirschen“ in Mutterslehen seine Tore erst wieder unter neuer Führung öffnen – wenn diese einmal gefunden ist. Der Hirschenwirt Peter Kaiser, der am 3. November seinen 70. Geburtstag feierte, hat beschlossen, mit diesem runden Geburtstag in den Ruhestand zu wechseln. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Rosemarie will er sich künftig mehr der Familie und seinen beiden Enkelkindern widmen.

„Sollte der 'Hirschen' nicht als Gastronomiebetrieb weitergeführt werden, dann wäre das ein herber Verlust für die Gaststättenlandschaft der Region“, sagte Bürgermeister Helmut Kaiser. Der "Hirschen" sei immer eine gute Adresse gewesen und habe Ibach weit über die regionalen Grenzen hinaus bekannt gemacht, fügt er an. Die Gemeinde habe in der Hoffnung auf den Erhalt inzwischen drei mögliche Bauplätze ausgewiesen als Erweiterungschance. Denn der bestehende 30-Betten-Betrieb sei im Grunde zu klein, um rentabel arbeiten zu können. „Da macht inzwischen jeder Berater auf den Hacken kehrt, weil sich ein Haus unter 60 Betten nicht rechnet“, erklärt der Rathauschef.

Der "Hirschen" sei seit 1860 im Familienbesitz, berichtet Namensvetter Peter Kaiser, der ihn mit dreieinhalb Jahren von seinem Großvater Josef per Übergabevertrag geerbt hatte. Von da an war das Haus immer wieder verpachtet, sei aber teilweise auch stillgelegt worden. Peter Kaiser hatte nach Volksschule, Kolleg und Höherer Handelsschule eine Lehre als Koch begonnen und dabei alle Porten-Betriebe in Höchenschwand durchlaufen. Seine erste Gesellenstelle war im Höri-Hotel in Hemmenhofen, wo er als Chef de Partie arbeitete. Nach der 18-monatigen Bundeswehrzeit bei der Marine wurde Peter Kaiser 1973 Küchenchef im Goldenen Knopf in Bad Säckingen. Dort lernte er seine spätere Gattin Rosemarie kennen, die als Laborantin im Krankenhaus beschäftigt war.

Nach der Hochzeit 1975 und einem ersten Umbau des "Hirschen" übernahm das Ehepaar am 2. April 1977 den Betrieb. 1980 erfolgte der zweite große Umbau und Peter Kaiser verstand es, sein Haus zu einem bekannten und beliebten Treffpunkt zu machen. Zu seinen Stammgästen zählten auch Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Drei Bundespräsidenten waren bei ihm zu Gast, der Belgische König, ein Kardinal, ein Erzabt, dazu Minister, Landräte, Bürgermeister und viele andere. 1983 kam die komplette Landesregierung in den "Hirschen".

„Es war eine schöne Zeit“, resümiert Peter Kaiser. Aber auch ein Riesenstress in der Küche, denn er stand die ganzen Jahre über immer selbst am Herd, zusammen mit einem zuverlässigen Beikoch und seinem Mündel Martin, der nun auch schon mehr als 30 Jahre etliche Küchenaufgaben mit Bravour erledigte. „Um die 12 000 Essen sind hier pro Jahr über die Theke gegangen“, weiß Kaiser zu berichten, in guten Jahren habe er 80 bis 90 Rehe in der Gaststätte verarbeitet, teilweise aus der eigenen Jagd, aber auch aus umliegenden Gebieten, wobei ihm selbst das Jagen stets als optimaler Ausgleich erschien.

„Ein großes Problem waren immer die langen Winter“, erklärt Kaiser, die seien einfach nicht kostendeckend zu schaffen gewesen. Ein weiteres Problem stelle der akute Personalmangel dar, gerade in der leicht gehobenen Landgastronomie. Dass seine beiden Töchter, die nach dem Studium jeweils gute Jobs annehmen konnten, den Betrieb nicht weiterführen würden, sei ihm schon vor 20 Jahren klar gewesen. „Ich bin einer der Ältesten, der noch in der Küche stand“, verrät Peter Kaiser. Und nach zwei Tumorerkrankungen habe ihm seine Ärztin dringend geraten, mit diesem Stress aufzuhören.

„Einmal kam ein Anruf, da wollten 32 Leute kommen und à la Carte essen“, erzählt Kaiser. Er habe ihnen bedeutet, das könne er nicht leisten, und der Anrufer hätte dafür auch Verständnis gezeigt. Einige Zeit später seien vier Gäste erschienen, fünf Minuten danach vier weitere und so fort. Am Ende seien die acht Vierertische im Nebenzimmer alle belegt gewesen. Die Gesellschaft hatte ihren Willen durchgesetzt.