Es gibt sie noch, wenn auch immer seltener: Schuhmacher, die mit ihrer Handwerkskunst Schuhe passgenau und nach den individuellen Wünschen ihrer Kunden anfertigen. Einer von ihnen ist Schuhmachermeister Michael Herrmann, der 2019 sein Schuhatelier von Waldshut nach Hohentengen verlegt hat.

Immer weniger Maßschuhmacher sind mittlerweile zu finden, zumal auf dem Lande. Die industrielle Produktion ist übermächtig, Billigschuhe haben den Markt erobert, führten zum Rückgang des Handwerks und der Nachwuchs fehlt.

In Hohentengen gibt es ihn seit 2019 wieder. Da ist Schuhmachermeister Michael Herrmann (65) mit seinem Schuhatelier von der Waldshuter Wallstraße nach Hohentengen umgezogen, wo er seit 2006 wohnt. Sein Atelier liegt etwas versteckt, ganz am Ende des Mühlewegs. Wer hier eintritt, wähnt sich in einer anderen Zeit, als man noch zum Schumacher ging und seine Schuhe reparieren ließ, weil neue viel zu teuer waren. Michael Herrmann ist in Waldshut aufgewachsen. Auf die alte Handwerkskunst stieß er eher zufällig, wollte eigentlich nach seinem Abitur studieren, ging auf Reisen, absolvierte seinen Zivildienst, gründete seine Familie und zog mit ihr in ein kleines Bauernhäuschen im Bayrischen. Angefangen hat alles damit, dass er sich selbst ein Paar Schuhe angefertigt hat, aus Naturleder, schlicht und robust.

Im Untergeschoss des Hauses Mühleweg 18 hat sich Schuhmachermeister Michael Herrmann seine Werkstatt eingerichtet. Hier fertigt er Maßschuhe, übernimmt Reparaturen an Schuhen, Taschen und sonstigem und orthopädische Herrichtungen an Schuhen für Problemfüße.
Im Untergeschoss des Hauses Mühleweg 18 hat sich Schuhmachermeister Michael Herrmann seine Werkstatt eingerichtet. Hier fertigt er Maßschuhe, übernimmt Reparaturen an Schuhen, Taschen und sonstigem und orthopädische Herrichtungen an Schuhen für Problemfüße. | Bild: Sabine Gems-Thoma

Anfragen aus dem Freundeskreis kamen, das dritte Paar wurde auf einer Nähmaschine genäht. Die Familie wuchs und aus der Freizeitbeschäftigung wurde ein Broterwerb. 1988 legte der Autodidakt seine Gesellenprüfung und 1989 seine Meisterprüfung als Schuhmacher ab. Für die Kunden eines Münchener Naturladens fertigte er pflanzlich gegerbte Naturlederschuhe, das lief gut. 1994 ging es zurück an den Hochrhein und eröffnete sein Schuhatelier in Erzingen, 1999 sein Ladengeschäft mit Werkstatt in Waldshut. Fast 20 Jahre war er die Adresse für Naturschuhe und Maßanfertigungen, orthopädische Zurichtungen und Einlagen. 2019 richtete er seine Werkstatt neben seiner Wohnung im Mühleweg 18 ein.

Aus Einzelteilen wird der Maßschuh um den Leisten aufgebaut. Futter und Oberteile werden zusammengenäht, der Reißverschluss eingefügt, Ferse und Kappe verstärkt und der Schaft mit Brand-, Zwischen und Laufsohle verbunden.
Aus Einzelteilen wird der Maßschuh um den Leisten aufgebaut. Futter und Oberteile werden zusammengenäht, der Reißverschluss eingefügt, Ferse und Kappe verstärkt und der Schaft mit Brand-, Zwischen und Laufsohle verbunden. | Bild: Michael Herrmann

Waren es am Anfang seiner Berufszeit hauptsächlich Maßanfertigungen, so verschob sich der Schwerpunkt immer mehr zu Reparaturen und orthopädischen Leistungen. Aber es gibt sie noch, die Kunden, die sich einen Maßschuh anfertigen lassen. „Es sind Leute, die die Bequemlichkeit schätzen oder keinen passenden Schuh für ihre Fußform finden können. Oder etwas Exklusives möchten und es sich leisten können“, sagt Herrmann. So hat er schon einen Brautschuh in Schuhgröße 30 angefertigt, lange Stulpenreitstiefel oder etwa ein extravagantes Modell in Schwarz-Weiß.

Ordentlich aufgereiht stehen die Leisten in allen Größen und in verschiedenen Weiten im Regal. Für die Fertigung des Maßschuhs werden sie entsprechend angepasst. Im Vordergrund eine Säulennähmaschine für den Schaft.
Ordentlich aufgereiht stehen die Leisten in allen Größen und in verschiedenen Weiten im Regal. Für die Fertigung des Maßschuhs werden sie entsprechend angepasst. Im Vordergrund eine Säulennähmaschine für den Schaft. | Bild: Sabine Gems-Thoma

Die Kunden kommen meist mit einer gewissen Vorstellung zu ihm. Danach erstellt Michael Herrmann eine Skizze. Viele verschiedene Arbeitsschritte sind notwendig, vom Maßnehmen am Fuß, der Auswahl und der Anpassung der Leisten (Holzmodell eines Fußes), der Herstellung von Futter und Schaft, dem Verbinden von Brand-, Zwischen- und Laufsohle mit dem Oberteil, Ferse und Kappe einarbeiten, Absatz einpassen, Kanten schleifen und zu guter Letzt polieren.

Große Sorgfalt erfordert das Schleifen an der Schleif- und Poliermaschine, um nach der Reparatur überstehende Teile anzupassen.
Große Sorgfalt erfordert das Schleifen an der Schleif- und Poliermaschine, um nach der Reparatur überstehende Teile anzupassen. | Bild: Sabine Gems-Thoma

Je nach Machart dauert das 16 bis 24 Stunden. Durchschnittlich kostet ein Maßschuh 1300 Euro. Der hält dann aber auch 30 bis 40 Jahre, abhängig vom Gebrauch. Einen Maßschuh anfertigen zu dürfen, dass ist der Höhepunkt für Schuhmacher Herrmann. „Ich muss feststellen, dass die Faszination an der Sache nicht nachgelassen hat. Wenn ein Paar fertig auf dem Tisch steht, dann denke ich: geil“, strahlt er. „Und freue mich auf den nächsten Auftrag.“

Wer in die Werkstatt von Michael Herrmann im Mühleweg kommt, findet ihn oft am Klebetisch mit Absauganlage. Hier wird eine neue Laufsohle auf einen abgelaufenen Schuh aufgebracht.
Wer in die Werkstatt von Michael Herrmann im Mühleweg kommt, findet ihn oft am Klebetisch mit Absauganlage. Hier wird eine neue Laufsohle auf einen abgelaufenen Schuh aufgebracht. | Bild: Sabine Gems-Thoma

Seine Hauptarbeit indes ist das Reparieren, auch für die schwierigsten Fälle hat er eine Lösung. Im Sinne der Nachhaltigkeit sollte man meinen, dass Schuhmacher künftig wieder mehr zu tun bekommen. Im Regal warten jedenfalls schon einige Schuhe und Taschen, versehen mit rotem Abholzettel, um wieder gebrauchstauglich zu werden.