Künftig gemeinsam: Acht Schweizer Gemeinden entlang des Rheintals haben sich nach einem längeren Findungsprozess am 1. Januar 2022 zur neuen Gemeinde Zurzach zusammengeschlossen. Dazu gehört auch die Nachbargemeinde Kaiserstuhl mit ihren 420 Einwohnern. Ziel ist es, die Region zu stärken und voranzubringen, Synergien zu nutzen und sich als attraktive Wohn-, Freizeit- und Tourismusregion zu positionieren.

Blick von der Rheinbrücke auf die Promenade von Kaiserstuhl. Seit Jahrhunderten verbindet die Brücke die beiden Gemeinden Hohentengen/D ...
Blick von der Rheinbrücke auf die Promenade von Kaiserstuhl. Seit Jahrhunderten verbindet die Brücke die beiden Gemeinden Hohentengen/D und Kaiserstuhl/CH, das jetzt zur neuen Gemeinde Zurzach gehört. | Bild: Sabine Gems-Thoma

Größte Gemeindefusion im Aargau

Gemessen an den beteiligten Gemeinden ist es die größte je im Aargau durchgeführte Fusion, schreibt die schweizerische Tageszeitung „Die Botschaft“ in ihrer Sonderausgabe. 4000 Haushalte mit 7.821 Einwohnern umfasst die neue Gemeinde Zurzach.

2015 hatten sich elf Gemeinden für das Projekt „Rheintal +“ zusammengetan, 2019 wurde der Beschluss zur Umsetzung gefasst. Schlussendlich beteiligten sich acht Gemeinden: Rietheim, Bad Zurzach, Rekingen, Baldingen, Böbikon, Wislikofen mit Mellstorf, Rümikon und im östlichen Zipfel Kaiserstuhl.

Wer den Blick beim Spaziergang durch die Stadt hebt, kann einiges entdecken, wie dieses Nasenschild am Haus „Zur Schmiede“.
Wer den Blick beim Spaziergang durch die Stadt hebt, kann einiges entdecken, wie dieses Nasenschild am Haus „Zur Schmiede“. | Bild: Sabine Gems-Thoma

Fisibach, Siglistorf und Mellikon sind weiterhin als Partnergemeinden beteiligt, traten aber aus unterschiedlichen Gründen nicht bei. Für alle Gemeinden gibt es jetzt nur noch einen gemeinsamen Gemeinderat, dem sieben Mitglieder angehören. Der Verwaltungssitz ist in Bad Zurzach und Rekingen.

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Fusion von unten nach oben

Für Ruedi Weiss (73), von 2014 bis Ende 2021 Stadtammann von Kaiserstuhl, überwogen eindeutig die Vorteile durch den Zusammenschluss. „Ein Zusammenschluss funktioniert in der Schweiz von unten nach oben, das heißt, die Stimmbürger müssen mit Argumenten überzeugt werden“, sagt er rückblickend.

Neue Chancen sieht der ehemalige Stadtammann Ruedi Weiss für das kleine Kaiserstuhl durch den Zusammenschluss von acht Aargauer ...
Neue Chancen sieht der ehemalige Stadtammann Ruedi Weiss für das kleine Kaiserstuhl durch den Zusammenschluss von acht Aargauer Gemeinden entlang des Rheintals zur neuen Gemeinde Zurzach. Hier steht er vor dem Eingang zum Spittel am Kirchplatz, das zuletzt ein Altenheim war und jetzt ein Haus für die Bürger mit kleinem Café, Besprechungszimmern und einfachen Übernachtungsmöglichkeiten ist. | Bild: Sabine Gems-Thoma

Natürlich gab es Bauchgefühle und Vorbehalte, oft aus der Vergangenheit herrührend, doch auch gute Gründe für die Fusion.

Die Gemeinden wollen sich weiterentwickeln und dies sei nur in einem größeren Verbund möglich. „Die Verwaltung hatte bisher eine sehr kleine Struktur, da kann man keine großen Sprünge machen“, finanzielle Mittel, Personal und Know-how seien begrenzt.

Der Obere Turm, weithin sichbares Wahrzeichen von Kaiserstuhl, wurde um 1260 im Zuge des Baus der Stadtbefestigung errichtet. Ab Mitte ...
Der Obere Turm, weithin sichbares Wahrzeichen von Kaiserstuhl, wurde um 1260 im Zuge des Baus der Stadtbefestigung errichtet. Ab Mitte April kann er, 126 Stufen und sechs Stockwerke hoch, an Wochenenden bestiegen werden und bietet aus den Fenstern eine weite Rundumsicht. Rechts vom Turm das herrschaftliche Haus „Zur Linde“. | Bild: Sabine Gems-Thoma

Alles, was über den Finanzrahmen hinausgeht, muss zunächst von der Stimmbürgerversammlung abgesegnet werden. „Da ist man bei allem, was spontan auf einen zukommt schnell blockiert“, so seine Erfahrung.

Der schönste und wichtigste Brunnen steht in der Mitte der steilen Hauptgasse am Widderplatz, einst Marktplatz des Städtchens. Der ...
Der schönste und wichtigste Brunnen steht in der Mitte der steilen Hauptgasse am Widderplatz, einst Marktplatz des Städtchens. Der Vorläufer des Hauptbrunnens soll bereits im 13. Jahrhundert die Leute im Städtchen mit Wasser versorgt haben. Bei einem geführten Rundgang ist mehr über die acht Brunnen im Städtli zu erfahren (Archivbild). | Bild: Sabine Gems-Thoma

An die 90 Prozent der Entscheidungen waren verpflichtende Aufgaben, Freiräume zum Gestalten blieben da kaum. „Das lähmt einen irgendwann.“ Mehr Know-how in der Verwaltung, bessere Entlohnung für die Gemeinderäte, an die höhere Anforderungen gestellt werden, sieht er als Vorteil.

Blick aus dem auf der Anhöhe gelegenen Oberen Turm auf die Altstadt von Kaiserstuhl, den Rhein und den Zollübergang bei Schloss Rötteln.
Blick aus dem auf der Anhöhe gelegenen Oberen Turm auf die Altstadt von Kaiserstuhl, den Rhein und den Zollübergang bei Schloss Rötteln. | Bild: Sabine Gems-Thoma

Der Steuerfuß wurde vereinheitlicht und für die Kaiserstuhler gesenkt, zufällige Strukturen, etwa in der Jugendarbeit, können jetzt auf konzeptionelle Rahmenbedingungen zurückgreifen. Ein Nachteil sei sicherlich die größere Distanz von der politischen Führung zum Bürger.

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Schulstandort für viele wichtig

„Wenn man vor Ort ist, sieht man, wenn etwas nicht richtig läuft.“ Hier gelte es Strukturen zu schaffen, dass die Anliegen aus der Gemeinde bei den neuen Gemeinderäten ankommen. Einer der Gemeinderäte ist aus Kaiserstuhl.

Und wie standen die Kaiserstuhler Bürger der Fusion gegenüber? „Ein großes Problem gab es. Was den Leuten sehr wichtig war, ist der Schulstandort.“ Die eigene Schule war nicht mehr zu halten und die Kaiserstuhler orientierten sich 2016 nach Weiach und Stadel im benachbarten Kanton Zürich.

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Da auch Bad Zurzach Probleme mit den Schülerzahlen hat und die Kaiserstuhler Schüler gerne aufnehmen wollte, kam es schließlich zu einer Sonderregelung. Unter der Bedingung, dass Kaiserstuhl selber über den Schulstandort entscheiden kann, stimmten 70 Prozent der Bürger dem Zusammenschluss zu, erzählt Ruedi Weiss. Und: „Den Gemeinderat von Kaiserstuhl als Befürworter zu gewinnen war recht einfach.“

Schmucke Fassaden und jedes Haus ein Unikat: Die Bewohner von Kaiserstuhl legen viel Wert auf den Erhalt der historischen Gebäude. Unten ...
Schmucke Fassaden und jedes Haus ein Unikat: Die Bewohner von Kaiserstuhl legen viel Wert auf den Erhalt der historischen Gebäude. Unten das Restaurant „Zur alten Post“, rechts davon führt die Brücke über den Rhein nach Hohentengen. | Bild: Sabine Gems-Thoma

Ein langer Weg

Bis zum Votum der Stimmbürger war es indes ein langer Weg. Zunächst trafen sich seit 2014 nur die Gemeindeammänner zu Gesprächen, dann wurden verschiedene Themenkreise durch alle Gemeinderäte bearbeitet. Daraus entstand der Antrag zur Prüfung eines Zusammenschlusses an die Stimmberechtigten.

Im Städtlilade, der letzten verbliebenen Einkaufsmöglichkeit in Kaiserstuhl, gibt es täglich frische Gipfel und Brötli – und das ...
Im Städtlilade, der letzten verbliebenen Einkaufsmöglichkeit in Kaiserstuhl, gibt es täglich frische Gipfel und Brötli – und das Nötigste für den täglichen Bedarf. | Bild: Sabine Gems-Thoma

Mit deren Zustimmung fand eine vertiefte Prüfung von zehn Gemeinden mit Einbezug der Bevölkerung durch Facharbeitsgruppen und Echogruppen statt und wurden die Grundlagen für einen Entscheid der Stimmberechtigten in 2019 geschaffen. Seither wurde die Umsetzung im Detail vorbereitet. Durch den Zusammenschluss ist am 1. Januar 2022 die flächenmäßig größte Gemeinde im Kanton Aargau entstanden.

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„Stärken behalten und Qualitäten weiterentwickeln“

Was wünscht sich der ehemalige Stadtammann, der sich auch künftig ehrenamtlich für Kaiserstuhl vielfältig engagiert? „Dass Kaiserstuhl seine Stärken behalten und seine Qualitäten weiterentwickeln kann. Und dass der Öffentliche Personenverkehr einen Schritt vorwärts macht, wir ersticken im Individualverkehr.“

Blick auf die Nachbargemeinde

Kaiserstuhl ist die kleinste Stadt der Schweiz und in unmittelbarer Nachbarschaft zu Hohentengen gelegen und hat viel Interessantes zu bieten.