Herr Fleck, Sie gastieren mit Ihrem Streichquartett auf der ganzen Welt. Wann wurde Ihnen klar, dass durch die coronabedingten Einschränkungen Auftritte nicht mehr möglich sein werden?

Erste Befürchtungen kamen Ende Februar, da waren wir gerade in Neuseeland unterwegs. Von Tag zu Tag wurde das Reisen immer mehr zum Problem. Anfang März fiel ganz schnell der Vorhang. Unser letztes Konzert war am 8. März in Beinwil/Schweiz. Es durften nur noch 70 Leute in den Saal, der eigentlich für 220 Zuhörer Platz bietet. Das wirkte wie ein Abschied. Ab da kam praktisch jeden zweiten Tag eine Absage. Das war sehr, sehr deprimierend.

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Was bedeuten diese Einschränkungen für Sie, auch in finanzieller Hinsicht?

Aus finanzieller Sicht war es erst einmal schockierend, ein 100-prozentiger Verlust der Konzerteinnahmen. Zum Glück sind wir als selbstständige Künstler an die schweizerischen Sozialwerke angebunden, so konnten wir einen Teil unseres Einkommens erhalten. Wären wir, wie andere Freiberufler, ausschließlich auf die deutschen Soforthilfen angewiesen, sähe es ganz düster aus. Ich glaube ganz sicher, dass hier nachgebessert werden muss. Denn aufzutreten wird aufgrund der hohen Auflagen vorerst schwierig bleiben. Kulturbetriebe leben von einer langfristigen Planung. Der Prozess zurück zu einem normalen Kulturleben ist erst ganz am Anfang.

Wie hat sich ihr beruflicher Alltag verändert?

Wir hätten sehr gerne im Juni wieder angefangen zu arbeiten. Proben, Aufnahmen und Projektplanung, das wäre möglich gewesen. Leider hat sich unser erster Geiger den Arm gebrochen. Wir hoffen sehr, dass er bis Mitte August wiederhergestellt ist, da haben wir drei Konzertauftritte in Dänemark. Sie sind unser Lichtblick., unser erstes Etappenziel. Diese Woche hätte unser eigenes Festival, der „Boswiler Sommer“, zum 20. Mal stattgefunden. Ein Jahr Vorbereitung – für die Katz. Unser musikalischer Alltag ist noch sehr überschaubar. Man übt, man plant, soweit es geht – und hofft, dass die Absagewelle nicht noch einmal eintritt. Es entstehen auch Konzepte, etwa kürzere Konzerte vor weniger Leuten, dafür zweimal hintereinander, zu geben. Bezirkskantor Matthias Flierl regte spontan zu einigen musikalischen Andachten in verschiedenen Kirchengemeinden an, zu zweit, zu dritt. Es ist schön, dass man ein paar Aktivitäten hat. Privat gibt es auch positive Aspekte, aus dem irrsinnigen Stakkato des durchgetakteten Betriebes herauszufallen, Dinge zu tun, die man schon immer machen wollte – aber auch damit ist einmal genug.

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Sie leben mit ihrer Frau, Ensemblemitglied Rachel Späth, und ihren beiden Kindern in der Villa Schubert in Hohentengen, ihr Bruder Andreas zeitweise hier, sonst in Zürich, Felix Froschhammer in Lausanne. Wie wurde der Kontakt gehalten, die gemeinsame künstlerische Arbeit fortgesetzt?

Diese lag brach. Was wir gemacht haben: Wir bereiteten ganz intensiv unsere nächste Publikation vor. Im September kommt unsere fünfteilige CD-Produktion „Beethovens Welt“ heraus, mit Musik und umfangreichem Begleitbuch. Dafür hatten wir jetzt Raum. Und darüber nachzudenken, wie es nach all dem weitergeht, welche Programme und Ideen sind nach so einem Einschnitt wieder denkbar.

Was ist schon wieder möglich?

Wir haben Konzertabsagen bis in den Oktober. Kleinbesetzte Programme können wieder stattfinden: ein Open-Air-Konzert im Juli in Zürich, die Wiedereröffnung des Künstlerhauses Boswil Anfang August, noch ohne Felix Froschhammer. Die Verleihung des Musikpreises der Kaminski-Gesellschaft im September ist auf nächstes Frühjahr verschoben, dafür spielen wir im September in der Waldshuter Versöhnungskirche.

Im Vorfeld einer CD-Produktion gab es im November 2019 ein wunderbares Konzert in Hohentengen mit dem Casalquartett und Fazil Say. Ist die CD bereits erhältlich?

Die konnten wir ebenfalls abschließen. „Ballades & Quintets“ mit Werken von Robert Schumann und Fazil Say wird Anfang Oktober herauskommen.

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Gibt es neue Projekte?

Ganz neue Projekte sind momentan einfach schwierig. Sie finden aufgrund der Einschränkungen keine Resonanz bei den Veranstaltern. Diese müssen erst eine Perspektive haben. Damit Kultur wieder stattfinden kann, braucht es jetzt das Engagement aller Beteiligten: der Künstler, Veranstalter, Zuschauer, der Politik, Sponsoren. Und ich hoffe, dass bei vermögenden Menschen verstärkt das Mäzenatentum im kulturellen und sozialen Bereich eine Auferstehung feiert. Der Staat alleine kann es nicht richten, alle, die können müssen beitragen.

Was haben Sie die vergangenen drei Monate unter dem Diktat von Corona erlebt und was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ganz persönlich: Entschleunigung, Konzentration auf das Wesentliche, aber auch Sorgen. Manche Ideen konnten reifen, die Stille am Himmel (wenn auch mit bitterem Beigeschmack), Zeit für die Kernfamilie, das war sehr positiv. Um lebendig, frisch zu bleiben, braucht es aber Impulse von draußen, in der Interaktion. Ich hoffe, dass wir alle das Leben mit einem neuen Erfahrungshorizont betrachten können, um besser zu machen, worüber wir uns bisher immer nur beklagt haben. Und dass wir achtsamer miteinander umgehen. Das bedingt Respekt und Aufmerksamkeit füreinander.

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