Der Verein Loti – Nördlich Lägern ohne Tiefenlager – hat sich mit einem Schreiben an die zuständige Schweizer Bundespräsidentin Doris Leuthard gewandt mit der Bitte, sich dafür einzusetzen, dass das Standortauswahlverfahren nach dem Prinzip „Sicherheit zuerst“ fortgeführt wird und alle Versuche politischer Einflussnahme keine Chance haben.

Anlass für das Schreiben sind Aussagen des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI), welches das Standortgebiet Nördlich Lägern – im Gegensatz zur Nagra – wieder in den Kreis möglichen Standorte für ein Tiefenlager für radioaktive Abfälle gerückt hat. „Wir sind irritiert über die Aufhebung der Rückstellung des Standortgebiets Nördlich Lägern und befürchten, dass politische Einflussnahme die Akzeptanz des Verfahrens beschädigt“, schreiben die Loti-Vorsitzenden Rosi Drayer aus Hohentengen und ihre Schweizer Kollegin Astrid Andermatt.

Beide verweisen darauf, dass die Nagra Anfang 2015 beantragt hatte, die Standortregion Nördlich Lägern wegen ungünstigem Platzangebot in der bevorzugten Tiefe zurückzustellen, und nur noch die beiden Gebiete Jura Ost und Zürich Nordost in Etappe 3 des Sachplans Geologische Tiefenlager vertieft zu untersuchen. Aus gutem Grund hat die Nagra schon vor 20 Jahren Nördlich Lägern als Standort in Reserve eingestuft, weil dieses Gebiet in der tektonisch deformierten Vorfaltenzone des Jura-Gebirges liegt“, so Drayer.

Das ENSI forderte weitere Unterlagen an, die die Zurückstellung der Standortregion Nördlich Lägern stützen sollen. Seit August 2016 liegen diese nun vor und die Nagra sieht ihre eingereichte Bewertung bestätigt: Für hochaktive Abfälle sollte ein Tiefenlager im Opalinuston nicht tiefer als 700 Meter und ein schwach-mittelaktives Lager nicht tiefer als 600 Meter gebaut werden. „Mit Unverständnis nehmen wir zur Kenntnis, dass der Ausschuss der Kantone durchgesetzt hat, dass Nördlich Lägern im Auswahlverfahren bleibt. Wir fragen uns schon, ob die kantonalen Experten das neue ENSI sind und das ganze Vorgehen durch den Sachplan Geologische Tiefenlager gedeckt ist“, heißt es in dem Schreiben an Bundespräsidentin Doris Leuthardt.

Noch vor der für April 2017 in Aussicht gestellten Veröffentlichung der Gesamtbeurteilung durch das ENSI wurden die Ergebnisse überraschend am 14. Dezember 2016 bekannt gegeben: Nördlich Lägern soll als dritte Option im Standortauswahlverfahren weiter untersucht werden. „Kann das ENSI nun an der Stelle der Nagra einen dritten Standort in das Programm einbringen? Wer bezahlt diese Untersuchungen? Wer überwacht sie kompetent und ohne Voreingenommenheit?“, fragen Drayer und Andermatt.

Der Verein Loti befürchtet, dass der Standort Nördlich Lägern nicht aus dem Verfahren ausgeschlossen wird, auch wenn die Beurteilung der Na-gra am Ende richtig liegt. „Wir befürchten zudem, dass das Standortauswahlverfahren künftig so gelenkt wird, dass Nördlich Lägern bei der Suche nach einem Atommüllendlager, trotz schlechter geologischer Voraussetzungen, als am besten geeignetsten taxiert wird.“