„Wehmut, Trauer und ein wenig Schmerz ob des Aufgebens eines Domizils, das zum Familiennest geworden ist“, beschreibt Thomas Bühler seine Gefühle, als er zum letzten Mal durch sein Wohnhaus im Schwarzwald geht. Der 67-Jährige ist mit seiner Frau Adelina Landivar (50) und der elfjährigen Tochter Claudia von Heppenschwand in die Hafenstadt Guayaquil in Ecuador ausgewandert. Ganz heftig, sagt er, sei es für die Tochter gewesen, die in dem Haus aufgewachsen ist.

Als die Familie um 2 Uhr in der Frühe nach mehr als 16 Stunden in Ecuador landet, ist es in Deutschland 10 Uhr vormittags. Der Zeitunterschied betrage sieben Stunden während der Sommerzeit, sechs Stunden im Winter, berichtet Thomas Bühler. Eine großartige Landschaft, eine beeindruckende Obst- und Gemüsevielfalt sowie eine koloniale Architektur erwartet sie, als sie mit ihren sechs Koffern und Handgepäck anstandslos durch die Zollkontrolle kommen und ihre neue Heimat betreten. Ganz unbekannt ist das Land der Familie nicht, denn Adelina Landivar stammt von dort.

Möbel lagern noch im Container

Der Container mit ihrem Umzugsgut ging schon Wochen vorher auf die Reise, zunächst nach Weil am Rhein, von dort mit dem Zug nach Bremerhaven, wo er dann auf das Schiff „Chile Polar“ verladen wurde und etwa drei Wochen für die Reise durch den Panama-Kanal gebraucht hat.

Nach weiteren zwei Wochen wurde der Container in die Lagerhalle der Spedition gebracht, wo er darauf wartet, von der Familie angefordert zu werden, sobald sie eine feste Bleibe vor Ort hat. „Mit der Immobilie, die wir ausgesucht hatten, hat es nicht geklappt. Die Leute waren leider unehrlich zu uns“, sagt die Familie. Derzeit lebt die Familie bei den Eltern von Adelina Landivar.

„Der Wunsch, in die Heimat meiner Frau zu gehen, ging in erster Linie von ihr aus“, sagt Thomas Bühler. Die Tatsache, dass er sich im Ruhestand befindet, die elfjährige Claudia jung und flexibel sei und seine Frau im ländlichen Raum keine adäquate Arbeit gefunden habe, in ihrer Heimat aber sehr gut vernetzt sei und ihre betagten Eltern versorgen möchte, gab den Ausschlag für den Umzug. „Auch für mich ist Ecuador nicht unbekannt“, sagt er, er habe selbst dort einige Zeit gelebt und als Lehrer gearbeitet. Ecuador sei wie eine zweite Heimat, in die man nun zurückgekehrt sei, unterstreicht er.

Herausforderungen gibt es dennoch viele – das Klima und die hygienischen Bedingungen zum Beispiel. Trinkwasser aus dem Wasserhahn gibt es nicht, man muss es unbedingt filtern, sagt Bühler. Auch an die völlig undisziplinierten Autofahrer müsse man sich erst einmal gewöhnen.

Regeln und Sicherheitsvorkehrungen wie in Europa gebe es einfach nicht, bedauert Bühler. Staatliche Institutionen, die das Miteinander der Menschen regeln, hätten keine Exekutivmacht und würden nicht ernst genommen. Das Leben ist zum Teil mit Vorstellungen vom Wilden Westen zu vergleichen, erzählt Bühler.

„Wir haben für den Mitteleuropäer ein sehr anstrengendes Klima mit Temperaturen zwischen 22 Grad (nachts) und bis zu 33 Grad tagsüber – jeden Tag. Dazu kommt eine Schwüle, die zu einer Treibhausluft führt, die ohne Airconditioning nicht auszuhalten ist“, sagt Bühler. Die Feinstaubbelastung sei hoch. „Zudem ist die Sicherheitslage sehr prekär, die Armutskriminalität hoch und die Drogenkriminalität höchst präsent und gefährlich“, berichtet der Auswanderer. Der Staat sei machtlos, sagt er und vergleicht die Lage mit Ländern wie Brasilien und Kolumbien. Viele Annehmlichkeiten, wie man sie in Deutschland kenne, gebe es nicht oder man könne sie sich nicht leisten– weil sie teuer oder gefährlich sind. Als Beispiel nennt er Ausgehen am Abend.

Die Tochter vermisst ihre Freunde

„Mit der Sprache klappt es gut“, bekräftigt er, „meine Frau und Tochter sprechen fließend Spanisch, mein Spanisch ist durchaus gut, um mich zu verständigen.“ Claudia aber habe sich noch nicht gefangen, sie sei sehr traurig und würde ihre frühere Schule, das Kolleg St. Blasien, und ihre Freunde vermissen. „Hier ist sie in der Deutschen Humboldtschule und sehr unglücklich, da wenige Kinder den Präsenzunterricht besuchen und vor allem das Niveau sehr, sehr niedrig ist“, erzählt er. Nach der Schule spricht sie mit ihren Freunden in Deutschland per WhatsApp und hält sich so auf dem Laufenden. „Sie langweilt sich zu Tode“, weiß Thomas Bühler.

Das Schulsystem ist mit dem in Deutschland nicht zu vergleichen, beschreibt er es. So seien auch Lehrpläne, Anforderungen, Lerninhalte, Überprüfungen und Methodik im Vergleich zum deutschen System unterentwickelt. „Hier müssen wir uns mittelfristig für Claudia etwas überlegen.“

Er selbst sei offiziell im Ruhestand, erklärt der pensionierte Lehrer, werde aber bei Bedarf an der dortigen deutschen Schule mitarbeiten. Sie sei ja schließlich, bevor er nach St. Blasien ans Kolleg kam, sein damaliger Dienstort gewesen. „So kann ich hier in der Lehrerfortbildung arbeiten oder auch Deutsch als Fremdsprache unterrichten“, sagt Bühler. Die Schulen seien Privatschulen und kosten viel. „Eine Mitarbeit meinerseits würde den Beitrag für Claudia etwas günstiger gestalten“, sagt Thomas Bühler.