Vor ein paar Jahren, als eine Gruppe Herrischrieder ihren französischen Freunden in Le Castellet einen Besuch abstattete, war auch ein der französischen Sprache nicht mächtiges Ehepaar dabei. Dessen weiblicher Teil nahm mit Rücksicht auf den Blutdruck keine alkoholischen Getränke ein.

Was natürlich niemand von der kein Wort Deutsch verstehenden Familie, bei der das Ehepaar zu residieren gedachte, wusste. Weshalb der Hausherr, nachfolgend Mössiör genannt, sehr zuvorkommend und der Höflichkeit eines französischen Gastgebers entsprechend sofort nach der Ankunft der Gäste mit einer Flasche Weißwein erschien.

Was bei der Herrischriederin Entsetzen auslöste. Wegen ihres hohen Blutdrucks dürfe sie keinen Wein trinken, erklärte sie in ihrer Muttersprache, „sonst bekomme ich schnell einen Rusch“. Worauf Mössiör verschwand. Einfach so, wortlos. Als er wiederkam, hatte er eine Flasche Rotwein dabei. Den Rotwein wollte er sogleich der deutschen Madame einschenken, doch diese winkte erneut ab, sie dürfe keinen Alkohol trinken, und wieder: „Ich bekomme sonst schnell einen Rusch!“

Mössiör war irritiert, beharrte aber darauf, das erstmalige Zusammensitzen mit Rotwein zu feiern. Die Herrischriederin gab nach, sie könne den Wein ja nicht wegschütten, sagte sie, und trank. Was wiederum Mössiör freute und ihn animierte, die Frau in den nächsten Tagen so oft wie möglich mit Rotwein abzupassen.

Sogar am Morgen, wenn die auf ihren Blutdruck so bedachte Herrischriederin aus dem Bad kam, stand er bereits parat mit Rotwein, und immer schallte ihm dasselbe Wort entgegen: „Rusch!“ Mössiör dachte wohl, die Herrischriederin sei dem Rotwein derart zugetan, dass sie ständig danach rief, weshalb er annahm, er habe eine Alkoholikerin vor sich.

Im Gegenzug nahm die Herrischriederin an, Mössiör sei Alkoholiker, weil er ständig mit Rotwein hantierte. Es dauerte lange, bis Beide erkannten, dass ein Missverständnis vorlag. Wie sich herausstellte, war das einzige Wort, das Mössiör verstand, „rusch“. Was er offenbar so interpretierte: Die Herrischriederin mag keinen Weißwein, sondern nur Rotwein. Der heißt im Französischen „Vin rouge“ und wird „Wän rusch“ ausgesprochen.

Weil Mössiör „rusch“ nicht als „Rausch“, sondern als „rot“ und somit als Hinweis auf die Vorliebe der deutschen Madame verstand, bot er ihr bei jeder Gelegenheit Rotwein an. Die Herrischriederin wiederum, beeindruckt von so viel Fürsorge, gab sich während ihres Aufenthaltes mehr, als sie vorhatte, den Wonnen des französischen „Wän rusch“ hin.

Geschadet habe es ihr der französische Wein nicht, hieß es. Sie habe halt häufiger einen roten Kopf gehabt, hieß es, aber sonst: Alles im grünen Bereich.

saeckingen.redaktion@suedkurier.de