Die Landwirtschaft auf dem Hotzenwald steht heute wie damals vor großen Herausforderungen. Wie schafft man es, bei kargem Boden, bei rauem Klima und mit wenig Mitteleinsatz dem Land einen Ertrag abzugewinnen, der ein Auskommen sichert? Damals wie heute ist die Höhenlandwirtschaft von dem Prinzip geprägt: kleines Einkommen – weite Wege. Eher Weichen, denn Wachsen.

Realteilung sorgt für zerklüftete Nutzflächen

Das auf dem Hotzenwald lange vorherrschende Prinzip der Realteilung, bei dem das Erbe eines Hofes unter allen Nachkommen gleichmäßig aufgeteilt wird, machte die Situation nicht einfacher. Bedenkt man, dass es in jeder Familie vier, fünf oder sechs Kinder gab, wird klar, warum bis heute die land- und forstwirtschaftlichen Nutzflächen wie schmale Handtücher über die Flur verteilt sind.

Hinterwälder und Vorderwälder waren die vorherrschende und an die Landschaft angepasste Rinderrasse im Hotzenwald: klein – wendig – genügsam und ein Zweinutzungsrind. Das Versorgen der Tiere und Anspannen zum Arbeiten war nicht selten Aufgabe der Kinder eines Hofes. Emil Kaiser mit seiner Schwester Elsa ging es da nicht anders als 12- oder 13-Jähriger.
Hinterwälder und Vorderwälder waren die vorherrschende und an die Landschaft angepasste Rinderrasse im Hotzenwald: klein – wendig – genügsam und ein Zweinutzungsrind. Das Versorgen der Tiere und Anspannen zum Arbeiten war nicht selten Aufgabe der Kinder eines Hofes. Emil Kaiser mit seiner Schwester Elsa ging es da nicht anders als 12- oder 13-Jähriger. | Bild: Emil Kaiser

Jeder im Dorf hatte zu Beginn der 60er Jahre noch seine Landwirtschaft: geringe Flächenzahlen bis maximal 20 Hektar, zwei bis sechs Stück Vieh in einem Mix aus Milchvieh- und Ackerwirtschaft. Genaues dazu erfährt man nur bei den Bauern selbst. Der BLHV war noch jung auf dem Hotzenwald und führte keine generelle Datenerhebung. Ortsteile wie Hogschür, Engelschwand oder Großherrischwand waren damals noch eigenständige Dörfer.

Natur lässt nur minimalen Ackerbau zu

Die naturräumlichen Voraussetzungen auf dem Hotzenwald ließen nur minimalen Ackerbau zu. Häufig hatte der Hof ein Viertel Ackerland, drei Viertel waren Dauergrünland und Wiesen. Um ein Rind ganzjährig zu ernähren, brauchte man etwa eineinhalb Hektar. Jeder Hof hatte seine zwei Ar Hausgarten zur Gemüseversorgung. Manche davon erleben heute in den Dörfern eine Rennaissance. Neben den Vorder- oder Hinterwälder Rindern, die Milch gaben, zur Nachzucht genutzt wurden und in der Regel als Zugtiere dienten, hielt man noch Schweine und Hühner. Es war noch die kleine Kreislaufwirtschaft, von der mancher Bauer sagt: „Man konnte davon leben.“ Andere sagen: „Der Vater hat gar nicht gefragt, das machte man halt so.“

Überschuss für Milchsammelstelle

Was an Milch nicht selbst gebraucht wurde, ging für ein kleines Einkommen an Milchsammelstellen, die jedes Dorf noch hatte. In Großherrischwand war das heutige Gasthaus „Loipenstüble“ eine solche Sammelstelle. Häufig organisierten sich die Bauern, wer mit einem großen Gespann dann die Milch zur Molkerei nach Tiengen fuhr.

Damals: Landwirtschaft war in den 60er Jahren Handarbeit. Alle aus der Familie mussten mit helfen. Vereinzelt gab es schon Höfe, die einen Traktor besaßen. Aber das war eher die Ausnahme. Als Zugtiere dienten im Hotzenwald Ochsen: kräftig, genügsam und pflegeleichter als Pferde. Und Emil Kaiser packte als von klein auf mit an.
Damals: Landwirtschaft war in den 60er Jahren Handarbeit. Alle aus der Familie mussten mit helfen. Vereinzelt gab es schon Höfe, die einen Traktor besaßen. Aber das war eher die Ausnahme. Als Zugtiere dienten im Hotzenwald Ochsen: kräftig, genügsam und pflegeleichter als Pferde. Und Emil Kaiser packte als von klein auf mit an. | Bild: Emil Kaiser

Was an Ernte übrig war, wurde an Bedürftige gegeben oder auf dem Markt verkauft. Landwirtschaft war in den 60er Jahren noch überwiegend Handarbeit und Familienaufgabe. Mägde oder Knechte konnten sich nur „die Großen mit mehr als 20 Hektar“ leisten. Es gab erste Traktoren, aber sie waren eine kleine Sensation.

Ungenutzte Flächen gab es praktisch nicht. Wo Ackerbau möglich war, wurden Roggen, Hafer, in günstigen Lagen auch Gerste als Futtergetreide angebaut. Als Feldfrucht anzubauen war auf dem Hotzenwald in der Regel nur Kartoffel, mal noch vermischt mit Rüben.

Ein "zahmes" und ein "wildes" Feld

Damals noch weit verbreitet war das Prinzip der Allmendweide. Die Bauern eines Dorfes nutzten weiter weg vom eigenen Hof, dem „zahmen Feld“, das sogenannte „wilde Feld“ gemeinsam, das von der Gemeinde als Sommerweide zur Verfügung gestellt wurde. Nur Ibach hat sich auf dem Hotzenwald dieses Prinzip bis heute bewahrt. Trockene Hangflächen dienten als zweischürige Wiesen und Weiden. Hier wuchs das „Ackerfutter“, Heu und Öhmd. In den Feuchtwiesen von Murg, Ibach und in den zahlreichen Quellwiesen wurde nur einmal gemäht, das „Mattenfutter“. Mithilfe der Wässerwiesen, die über die Wühren Bachwasser auf die Fläche führten, um im Frühjahr unterm Schnee die Schneeschmelze zu beschleunigen, gelang ein stetes Ringen mit der Natur um jedes Quäntchen Ertrag.

Wässerwiesen gibt es längst nicht mehr. Vergessen die Wässerbriefe. Die Wasserrechte sind überregional gesetztlich geregelt. Die Bewirtschaftung der Matten ist nur noch im Rahmen von Landschaftspflege-Verträgen leidlich rentabel. Das Mähgut – einst ergänzendes Viehfutter oder noch Einstreu – wird heute zwar zu Ballen gebunden, aber dann häufig einfach kompostiert. Das Vieh, das das Heu hätte fressen können ist vielerorts aufgegeben.
Wässerwiesen gibt es längst nicht mehr. Vergessen die Wässerbriefe. Die Wasserrechte sind überregional gesetztlich geregelt. Die Bewirtschaftung der Matten ist nur noch im Rahmen von Landschaftspflege-Verträgen leidlich rentabel. Das Mähgut – einst ergänzendes Viehfutter oder noch Einstreu – wird heute zwar zu Ballen gebunden, aber dann häufig einfach kompostiert. Das Vieh, das das Heu hätte fressen können ist vielerorts aufgegeben. | Bild: Annka Mickel

Aber alles Ringen half am Ende nicht, die Landwirtschaft zu einem eigenständigen auskömmlichen Erwerbszweig zu machen. Der Hotzenwald, seit jeher im ländlich benachteiligten Gebiet gelegen, brauchte immer wieder Anschub und Optionen für einen Nebenerwerb, damit die Landwirte nicht das Handtuch schmissen.

Landwirtschaft wird Nebenerwerb

Von 1953 bis 1960 wurde das Hotzenwald-Programm aufgelegt, um auch auf dem Wald die Standards zu erreichen, die andernorts schon selbstverständlich waren: einheitliche Trinkwassernetze, einheitliche Abwassernetze, Wegeausbau. Aber für viele war es lukrativer, im Zuge dieser Ausbaumaßnahmen ins Handwerk zu gehen, als den elterlichen Hof zu übernehmen. Landwirtschaft wurde zum Nebenerwerb. „Man hatte halt immer Landwirtschaft.“

Vom Vollerwerb zum Nebenerwerb

So hat Emil Kaiser aus Großherrischwand es gemacht. Der Vater hatte die Landwirtschaft im Vollerwerb. „Nichts Großes, halt das, was man braucht.“ Emil Kaiser selbst geht als junger Mann ins Handwerk, ist aber mit der Landwirtschaft aufgewachsen und führt sie später in abgespeckter Form „nebenher“ weiter. Sein Sohn will von der Landwirtschaft gar nichts mehr wissen. So gibt es heute keine Tiere mehr. Die Flächen sind Landschaftspflegevertragsflächen, extensiv bewirtschaftet. Vor drei Jahren verschwand auch der letzte kleine Kartoffelacker.

Sein Traktor hat Emil Kaiser all die Jahre gute Dienste geleistet. Baujahr 1970 ist der Schlüter Super 550V. Heute muss er damit nur noch selten in die Matten. Dafür bleibt mehr Zeit, auf Oldtimertreffen das Schmuckstück zu zeigen und mit anderen über die gute alte Technik zu fachsimpeln.
Sein Traktor hat Emil Kaiser all die Jahre gute Dienste geleistet. Baujahr 1970 ist der Schlüter Super 550V. Heute muss er damit nur noch selten in die Matten. Dafür bleibt mehr Zeit, auf Oldtimertreffen das Schmuckstück zu zeigen und mit anderen über die gute alte Technik zu fachsimpeln. | Bild: Annka Mickel

Dennoch ist der Landkreis Waldshut mit seinen vielen kleinen Landwirtschaftsbetrieben in Haupt- oder Nebenerwerb damals wie heute der mitgliederstärkste Kreisverband im Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverband (BLHV) ist, wie Padraig Elsner von der Pressestelle des BLHV in Freiburg erzählt. Denn wer ständig ums Überleben kämpfen muss, hat in einer gemeinsamen Stimme mehr Gewicht.

Zahl der Betriebe nimmt ab

Dennoch zeichnete sich ein steter Rückgang der Betriebszahlen ab. Sowohl in klimatisch begünstigten Gemeinden wie Görwihl, als auch in den raueren Lagen. War die Landwirtschaft in den Nachkriegsjahren noch überlebenswichtig als Nahrungslieferant, so verlor sie mit der zunehmenden Industrialisierung des Hochrhein- und Wehratales als Erwerbszweig deutlich an Bedeutung.

Als Fabrikarbeiter gab es wenigstens garantierten Lohn und geregelte Arbeitszeiten. Das Einkommen aus Landwirtschaft auf dem Hotzenwald war bereits damals halb so hoch, wie das im Bundesdurchschnitt, wie regelmäßige Strukturanalysen belegen. Und wer ohnehin ins Tal arbeiten geht, der wohnt auch irgendwann im Tal. Die Landflucht tat also ihr übriges.

Reglements erschweren das wirtschaftliche Überleben

Reglements, die sich aus der 1953 gegründeten Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) für die landwirtschaftliche Produktion und vor allem den Handel mit ihren Produkten ergaben, erschwerten das wirtschaftliche Überleben. Vor allem kleine und mittlere Betriebe mit einer Flächengröße bis zehn Hektar gaben auf oder wechselten in den Nebenerwerb. Allein die Gemeinde Herrischried verlor in der Dekade zwischen 1960 und 1970 auf diese Weise knapp 50 Landwirtschaftsbetriebe. Dieser Trend hat sich bis heute fortgesetzt.

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Damit einher geht eine Veränderung der Landschaft. Konnte man vormals noch weit übers Tal in die nächste Ortschaft schauen, so empfindet mancher die vielen Verbuschungen und Bauminseln in der heutigen Landschaft als „zu viel“. Die typische Hotzenwälder Landschaft ist eine Offenlandschaft, die durch eine extensive land- und forstwirtschaftliche Nutzung entsteht.