Er habe am Anfang gedacht, die Musiker würden sich erst einmal einspielen, verriet ein Konzertbesucher in der Gesprächsrunde, die Kontrabassist Alexander Frangenheim, Initiator des Abends, im Anschluss an das Konzert mit neuer Improvisationsmusik anregte, das der Neu-Herrischrieder gemeinsam mit Trompeter Franz Hautzinger aus Wien, Gitarrist Florian Stoffner aus Zürich und Perkussionist Roger Turner aus London im gut besetzten Wagenschopf am Klausenhof gegeben hatte. Dann habe er sich aber eingehört und Gefallen an dem gefunden, was er da hörte.

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Auf die Frage aus dem Publikum nach einer Vorstrukturierung meinte Hautzinger, Musik funktioniere immer nach gewissen Parametern, ohne deren Berücksichtigung eben nicht Musik, sondern nur Lärm entstünde, und jeder von ihnen habe schließlich ein paar hundert Jahre Musikgeschichte hinter sich. Bereits zu Beginn hatte Frangenheim erklärt, jeder der vier Musiker habe seinen eigenen Ausdruck auf einem langen Weg entwickelt, in der aktuellen Besetzung hätten sie indes noch nie zusammen gespielt. So stellte das Konzert einerseits eine Projektion des eigenen Denkens und Fühlens jedes Einzelnen von ihnen nach außen dar, andererseits hatten sie sozusagen bei Konzertbeginn ihr Ich, wie Stoffner sinngemäß formulierte, an der Garderobe abgegeben, um sich für die Dauer des Konzertes ganz und gar auf die Kollegen einzulassen, mit viel Vertrauen und ebenso viel Konzentration auf die Sache.

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Diese Konzentration, das Aufeinander-Horchen, die Reflexion des eigenen Tuns und zugleich die spontane maßgeschneiderte Reaktion auf das Augenblicksgeschehen, spürte man in jedem Moment. Parameter wie Durchsichtigkeit, Verdichtung, Tempo und Dynamik, Ausbruch und Verlöschen spielten dabei eine wichtige Rolle, etwa, wenn die Trompete Windgeräusche von sich gab, Frangenheim dazu mit dem Frosch seines Bogens über die Saiten oder mit den Bogenhaaren über den Korpus seines Instrumentes fuhr, Turner mit langen Holzstöcken wie versehentlich über sein Instrumentarium hinwegfegte und Stoffner beim Anreißen der Saite an den Stimmwirbeln seiner Gitarre drehte.

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Einer solchen eher kontemplativen Passage folgte unweigerlich im weiteren Verlauf ein kontrastives Element, in dem Hautzinger etwa wilde, wenngleich nahezu tonlose Kapriolen auf seiner Trompete vollführte, Turner ein kleines Schlagzeugsolo einlegte, Frangenheim mit langem Bogenstrich Glissandi auf den Saiten des Kontrabasses auf- und abwehen ließ und Stoffner mit intensiv angerissenen Tremoli förmlich in seine Gitarre hineinzukriechen schien.

Instrumente und ihre Ausdrucksformen

Dabei beherrschen und nutzen die vier Musiker alle erdenklichen Ausdrucksformen ihres Instruments, Hautzinger wie Stoffner beispielsweise erzeugen mühelos die Vorstellung, dass Regentropfen auf diverse Untergründe fallen, Frangenheim raschelt col legno mit dem Bogenholz auf den Saiten oder zirpt extrem hohe Flageolett-Töne, zu denen Turner das Pendant eines langgezogenen Tones liefert, indem er mit einem Bogen ein kleines Becken anstreicht. Wie stark die vier Musiker aufeinander eingehen, wird vielleicht bei Turner am deutlichsten. Bei ihm nämlich kann der Hörer gleichzeitig mit den Augen mitverfolgen, welchen Klangtypus er ad hoc aus seinem schier unerschöpflichen Arsenal an Möglichkeiten jeweils auswählt. Gezielt greift er nach einer verbeulten Blechdose, einem mit kleinen Schellen behängten Draht-Kleiderbügel, nimmt diverse Besen oder Stöcke zur Hand.