Einen Abstecher nach Herrischried machte der Görwihler Kultursommer am Dienstag, zunächst mit der Präsentation der beiden Knochenkerzen der chinesischen Künstlerin Ping Qui in der Kapelle in Niedergebisbach, begleitet von Celloklängen Dilshod Nazarovs. Nach dem Spaziergang zur Herrischrieder Pfarrkirche St. Zeno erläuterte Ping Qui dort ihre Installation „Fliegen“, und Altistin Gabriele Grund sang, begleitet and der Orgel von Thomas Urban, „Lieder im sakralen Raum“.

Anlässlich des Ausflugs des Görwihler Kultursommers nach Herrischried stellte die chinesische Künstlerin Ping Qui ihre Knochenkerzen sowie die Installation "Fliegen" vor.
Anlässlich des Ausflugs des Görwihler Kultursommers nach Herrischried stellte die chinesische Künstlerin Ping Qui ihre Knochenkerzen sowie die Installation "Fliegen" vor. | Bild: Karin Stöckl-Steinebrunner

Sie habe sich zusammen mit Pfarrer Bernhard Stahlberger alle Kirchen und Kapellen der Seelsorgeeinheit angeschaut und war begeistert von den vielen Räumen, erklärte die in China geborene und inzwischen in Berlin lebende Künstlerin. Ganz besonders angesprochen fühlte sie sich von einer Statue in der Herrischrieder Kirche, die ihre Hand mit gespreizten Fingern in Richtung der Gläubigen ausstreckt, so als wolle sie diese mit den Fingern zu sich heranziehen und in die Geborgenheit der zur Schale geöffneten Hand aufnehmen. Ping Qui nahm das Motiv der Hand auf, indem sie Paare von jeweils wie Flügel sich einerseits berührende und zugleich sich öffnende Hände formte. Die Anziehungskraft der Statuenhand verdeutlichte sie durch von den Handpaaren zu deren Hand gespannte Fäden. Damit, so die Künstlerin, verbinde sich zugleich die alte Kunst mit der aktuellen und darüber hinaus in Gestalt der Fäden die religiöse Ebene mit der des Alltäglichen.

Altistin Gabriele Grund, begleitet von Thomas Urban an der Orgel, beeindruckte mit "Lieder im sakralen Raum".
Altistin Gabriele Grund, begleitet von Thomas Urban an der Orgel, beeindruckte mit "Lieder im sakralen Raum". | Bild: Karin Stöckl-Steinebrunner

Altistin Gabriele Grund, die am Vortag bereits als Querflötistin aufgetreten war und am Vormittag in einem Matinéekonzert für die Gäste des Oase-Mittagstischs in Görwihl Lieder zum „Gerne Wiederhören“ gesungen hatte, bot ein zweiteiliges Konzertprogramm. Im ersten Teil interpretierte sie vornehmlich „Ave Maria“-Vertonungen, in denen ihre ausdrucksstarke, tiefgründige Altstimme in sanften Legatobögen über der Orgelbegleitung schwebte und wohlige Wärme verbreitete. So erklang etwa das dem „Vater der Oper“ Giulio Caccini zugeschriebene „Ave Maria“, die mit ihren sanften Akkordtupfern in der Begleitung und der weich fließenden Melodie unverwechselbare Version aus der Feder Schuberts sowie eine Variante des Italieners Francesco Paolo Tosti, der Ende des 19. Jahrhunderts in England als Musiklehrer der königlichen Familie tätig war und dort zum populärsten Liedkomponisten wurde.

Anlässlich des Ausflugs des Görwihler Kultursommers nach Herrischried stellte die chinesische Künstlerin Ping Qui ihre Knochenkerzen sowie die Installation "Fliegen" vor, und Altistin Gabriele Grund inerpretierte, begleitet von Thomas Urban an der Orgel, "Lieder im sakralen Raum"
Anlässlich des Ausflugs des Görwihler Kultursommers nach Herrischried stellte die chinesische Künstlerin Ping Qui ihre Knochenkerzen sowie die Installation "Fliegen" vor, und Altistin Gabriele Grund inerpretierte, begleitet von Thomas Urban an der Orgel, "Lieder im sakralen Raum" | Bild: Karin Stöckl-Steinebrunner

In der zweiten Programmhälfte konnte Gabriele Grund die überaus charakteristische Färbung ihrer Altstimme noch deutlicher einsetzen, um Dramatik und Gefühlsausdruck der Kompositionen zur Geltung zu bringen. Zunächst erklangen sieben des zehn Lieder umfassenden Zyklus’ der „Biblischen Lieder“ von Antonín Dvorák, die eine große Ausdrucksvielfalt von innerer Dramatik über das sanft bittende Gebet bis zu zuversichtlicher Gläubigkeit und zum ausgelassenen Jubelgesang über das Wirken Gottes bieten. Diesen Liedern schlossen sich noch Hugo Wolfs „Auf ein altes Bild“ sowie Gustav Mahlers „Um Mitternacht“ an.

Leid und Schmerz

Wolfs Komposition, eigentlich ein Klavierlied nach einem Text von Eduard Mörike, thematisiert die Abbildung des spielenden Jesuskindes auf dem Schoß seiner Mutter, aber im Wald grünt schon der Stamm des Kreuzes. Diese ambivalente Stimmung bringt das Lied meisterlich zum Ausdruck durch die fahlen Harmonien, die sich in die zarte, den sinnbildlichen „locus amoenus“, den lieblichen Ort, charakterisierende Melodie mischen. Womöglich noch bildhafter gestaltet Mahler seine Vertonung einer Szene, die von tiefer, mit chromatisch abwärts gerichteter Bewegung in der Begleitstimme zum Ausdruck gebrachter Verzweiflung über die eigene Ohnmacht im Angesicht von Leid und Schmerz plötzlich umschlägt in helle, beinahe jubilierende Akkorde in dem Moment, in dem sich der Protagonist in die Obhut der wachenden Hand Gottes begibt.