Drei Mal hat ein junger Mann in Grenzach-Wyhlen älteren Frauen ihre Taschen entrissen, um an Geld zu kommen. Rückblickend tun ihm die Taten sehr leid, wie er sagt. Erklären kann er sie nur damit, dass ihm seine damalige Lebenssituation ausweglos erschien. Jetzt verurteile ihn das Lörracher Jugendschöffengericht zu zehn Monaten Jugendstrafe auf Bewährung.

Die erste Tat ereignete sich im Juni 2016. In einem Park näherte sich der damals 20 Jahre alte Angeklagte von hinten einer 86-jährigen Frau und entriss ihr die Handtasche. „Plötzlich kam ein Mann von hinten, legte mir beide Hände auf die Schultern und sagte: Ganz ruhig, keine Angst“, hatte die Seniorin der Polizei berichtet. Die Aussagen der Geschädigten wurden in der Verhandlung verlesen, da das Gericht den älteren Damen die Aussage vor Gericht ersparen wollte.

Nach dieser Aussage begann der junge Mann, an ihrer Handtasche zu reißen. Die 86-Jährige wehrte sich jedoch und schlug mit ihrem Schirm auf ihn ein. Schließlich stieß der Täter die Frau um und rannte mit ihrer Handtasche weg, in der sich 100 Euro Bargeld, ihre Bankkarte und Hausschlüssel befanden. Bei der Auseinandersetzung zog sie sich eine Rippenprellung und Schürfungen zu.

Im Dezember 2016 ging der Angeklagte ähnlich vor: In der Hutmattenstraße näherte er sich ebenfalls von hinten einer 79-jährigen Frau, die mit ihrem Mann vom Einkaufen kam, und entriss ihr den Einkaufsbeutel. In der Tasche befanden sich nur ein paar Lebensmittel und vier Euro. Durch das Wegreißen erlitt die Frau jedoch eine leichte Verletzung am Ringfinger.

Im Januar 2017 schlug der Angeklagte erneut zu, Opfer war eine 78-jährige Frau. In ihrer Tasche waren 100 Euro. In diesem Fall nahm ein Zeuge die Verfolgung auf und stellte den Täter. Dieser gab die Tasche bereitwillig zurück und auch eine Plastiktüte, mit der er selbst eingekauft hatte. Doch als der Zeuge die Polizei rief, floh der Angeklagte.

Zuvor war er jedoch gleichzeitig mit der Frau bei der Bank gewesen. Auf der Videoaufzeichnung konnte man ihn sehen. Weil er an mehreren Automaten versucht hatte, vom eigenen Konto Geld abzuheben, was aber nicht gelang, weil nichts mehr drauf war, bekam die Polizei den Namen heraus, berichtete ein Beamter. Auch im Lebensmittelgeschäft, aus dem die Tüte stammte, sah man den Angeklagten auf den Video-Aufzeichnungen. Die Polizei durchsuchte seine Wohnung, wo sie den Geldbeutel aus dem ersten Raub fand, und nahm den Angeklagten fest. Zwei Wochen saß er daraufhin in Untersuchungshaft.

Der Angeklagte ist Deutscher und stammt aus geordneten Verhältnissen. 2015, als er 19 war, zogen seine Eltern aus Grenzach-Wyhlen weg, er blieb alleine zurück, weil er dort eine Ausbildung machte. Doch auf sich alleine gestellt war er mit seinem Leben überfordert. Zudem lernte er, wie er sagte, die falschen Leute kennen. So kam er mit seinem Geld bald nicht mehr zurecht, und weil er bei der Arbeit fehlte, verlor er seine Lehrstelle, die Schulden häuften sich. Er ließ seine Wohnung verkommen, zahlte keine Miete mehr. Darum sei er jeweils „spontan“ auf die Idee gekommen, bei wehrlosen Opfern an Geld zu gelangen.

„Das ist eigentlich ganz erbärmlich, was Sie da gemacht haben“, stellte Richter Martin Graf fest. „Das können Sie laut sagen“, pflichtete ihm der Angeklagte bei und meinte, erst im Gefängnis sei ihm bewusst geworden, was er getan hatte. Inzwischen hat der junge Mann seine Ausbildung abgeschlossen und eine feste Anstellung gefunden. Er ist von Grenzach-Wyhlen weggezogen.

Das Jugendschöffengericht verurteilte ihn wegen zwei Fällen des Raubes in Tateinheit mit Körperverletzung und im dritten Fall wegen besonders schweren Diebstahls. Aufgrund der Schwere der Schuld verhängte das Gericht eine Jugendstrafe von zehn Monaten. Der Staatsanwalt hatte 14 Monate gefordert. Da der Angeklagte inzwischen wieder in stabilen Verhältnissen lebt, setzte das Gericht die Strafe zur Bewährung aus. Der heute 22-Jährige bekommt aber einen Bewährungshelfer und muss als Geldauflage 600 Euro an den Bezirksverein für soziale Rechtspflege zahlen.