Frau Fennel-Stüber, was waren denn so die markantesten Ereignisse, an die sie sich in der Periode der 50er bis 70er Jahre erinnern?

Heidelberg war als eine von wenigen großen deutschen Städten während des Zweiten Weltkrieges nicht bombardiert worden. Die funktionierende Stadtstruktur zog natürlich in den Nachkriegsjahren viele Menschen an. Da kamen Vertriebene, da kamen auch Menschen, die eine funktionierende Lebensgrundlage oder nach Kriegsverletzungen Ruhe und Versorgung suchten. Außerdem war Heidelberg ein Zentrum der amerikanischen Besatzungsmacht. Das ergab eine Mischung von Interessen, Fähigkeiten und Möglichkeiten. Für uns war dies durchaus ein anspruchsvolles Zusammenleben.

Aber war das nur in Heidelberg so?

Nein, das war in viele Orten so. Oftmals kamen noch schwere Zerstörungen dazu. Eines der markanten Probleme jene Jahre war die Überzahl der Frauen, bedingt durch die enorme Zahl der Gefallenen. Das stellte doch auch ganz besondere Aufgaben für Industrie, Handwerk und Gewerbe. Dazu kamen die vielen traumatisierten Menschen. Außerdem bestanden überkommene, aber überlebte gesellschaftliche Lebensformen weiterhin, zum Beispiel die Geschlechtertrennung in den Schulen.

Sie beschreiben die Zeit bis in die 70er Jahre aber auch als einen Zeitraum der Festigung unserer Gesellschaft. Woran erinnern Sie sich dabei?

Da erweckt wohl Manches heute ein Schmunzeln. Denken wir doch an die geburtenstarken Jahrgänge – aber die heute üblichen Fertigwindeln gab es noch nicht. Auch Babynahrung bereitete jede Familie selbst zu. Fernsehprogramme gab es nur zwei, Tonbandgräte hatten große Spulen, fotografieren konnte man nur, bis der Film voll war. Radios hatten Knöpfe, an all diese Lebensumstände möchte ich erinnern.

Sicherlich haben Sie auch die Erfahrung gesammelt, wie viele andere aus Ihrem Umfeld mit Misstrauen und Unehrlichkeit umgingen.

Ja, da war die nur schleppende Bewältigung der aus den Jahren vor 1945 überkommenen gesellschaftlichen Probleme. Da wurden doch oftmals Fehlverhalten in früherer Zeit totgeschwiegen, in vielen Familien wurde nicht darüber gesprochen. So blieben eben vielfach Schuld und Fehlverhalten unaufgearbeitet. Vielleicht regte meine Lesung auch dazu noch einmal an, ich bin mir sicher, das war ein Problem in Heidelberg und auch in Grenzach und in Wyhlen.

Haben Sie auch noch andere Themen beschrieben?

Ja, ich habe noch drei weitere Bücher geschrieben. Eines davon über weitere Erinnerungen und den Umgang damit und zwei über meine Reisen durch Südamerika. Dabei hatte ich eben auch eine für europäische Verhältnisse völlig andere Situation vorgefunden. Wir sollten wissen, welche vielfältigen gesellschaftlichen Lebensformen auf der Erde bestehen, wir sollten uns hüten, gegenüber anderen überheblich zu sein.