Grenzach-Wyhlen – Die Power-to-Gas-Anlage von Energiedienst (ED) in Wyhlen wird aktuell auf Herz und Nieren geprüft, einige Kinderkrankheiten müssen noch auskuriert werden, wie die beiden Anlagenbetreuer Dagmar Kaiser und Stefan Ficht beim Besuch dieser Zeitung erklären. Sie kennen jedes Schräubchen in der Anlage neben dem Wasserkraftwerk, die sich noch in der Testphase befindet. Bald aber soll der 30-tägige Probebetrieb beginnen.

Wobei Ficht nicht von Testphase sondern lieber von Inbetriebsetzung spricht. „Wir überprüfen die Anlage kontinuierlich und merzen letzte Schwachstellen aus“, so Ficht. So wurden etwa Lüfter ausgetauscht. Entscheidend wird dann der 30-tägige Probebetrieb sein. „Wir müssen nachweisen, dass die Anlage in dieser Zeit störungsfrei läuft“, so Ficht, der von Haus aus Elektrotechniker ist und sich während seiner beruflichen Laufbahn mit vielen Energieformen auseinandergesetzt und auch schon in Kernkraftwerken gearbeitet hat. Hinzu komme eine ausführliche Dokumentation, die den Behörden vorgelegt wird. Erst nach deren positiver Prüfung kann die Produktion von Wasserstoff starten.

Fichts Kollegin Dagmar Kaiser hat im Oktober ihr Masterstudium beendet. In ihrer Abschlussarbeit hat sie sich mit zukünftigen Energiemärkten auseinandergesetzt – die Mitarbeiter an der Power-to-Gas-Anlage sei deshalb sehr spannend, so die 25-Jährige.

In der Anlage wird der im Wasserkraftwerk produzierte Ökostrom genutzt und erzeugt durch Elektrolyse Wasserstoff. „Für uns ist die räumliche Nähe zum Kraftwerk entscheidend“, so ED-Sprecher Alexander Lennemann. Denn würde die Anlage mit Strom aus dem allgemeinen Netz betrieben werden, müsste ED Entgelte zahlen, was die Wirtschaftlichkeit beeinträchtigen würde. So aber hat die Anlage einen Trafo für den eigenen Bedarf. „Der Vorteil an dieser Technologie ist, dass wir überschüssigen Strom zuführen können“, so Lennmann.

Das hochreine Wasser wird im Elektrolyseur mit Hilfe von Strom in Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten. Der Wasserstoff wird – laienhaft ausgedrückt – getrocknet. „Das funktioniert ähnlich wie bei Koffern oder Taschen, in denen kleine Säckchen mit Silikagel sind, die die Feuchtigkeit binden“, so Ficht. Danach wird der Wasserstoff über eine kleine Leitung in den Verdichterraum geführt. In dem Verdichter wird der Wasserstoff in einem zweistufigen System von knapp 30 Bar auf 300 verdichtet. Danach wird er eingespeichert und per Lkw abgeholt. Dieser Anlagenteil, der einer Tankstelle ähnelt, befindet sich im Freien, in einer sogenannten Explosionszone. Feuer oder auch Handys sind strikt verboten. „Die Sicherheitsbestimmungen sind sehr hoch“, sagt Kaiser. Deshalb haben auch nur wenige Mitarbeiter Zutritt zur Anlage. „Das dürften um die zehn sein“, so Ficht. Pro Tag rechnet ED mit einem Lkw, der die Ein-Megawatt-Anlage ansteuert. Künftig werden am Standort 200 Kubikmeter Wasserstoff pro Stunde erzeugt – damit können 1000 Brennstoffzellenfahrzeuge klimaneutral betrieben werden.

Das Interesse an der Anlage ist groß, viele Gemeinderäte, Abgeordnete und Fraktionen waren bereits da. „Wir wollen die Anlage auch in unser regelmäßiges Besucherprogramm aufnehmen“, so Lennemann. Da die Gäste aber während des Betriebs nicht reindürfen, soll eine große Plexiglasscheibe die Sicht von außen auf die kompliziert anmutenden Anlagenteile ermöglichen. „Um den Wasserstoff zu produzieren, brauchen wir ziemlich viel Drumrum“, sagt Ficht: Belüftungsrohre, Schalttechnik, eine Demineralisierungsanlage, in der das Wasser durch verschiedene Membranen läuft. Jedes Anlagenteil hat wiederum seine eigene Leittechnik. Ficht kennt solche Anlagen aus dem Effeff. „Im Wasserkraftwerk nebenan ist der Aufbau ganz ähnlich“, sagt er und öffnet einen großen Schrank mit mehreren Türen. Dahinter verbirgt sich ein für den Laien unüberschaubares Gewirr an Kabeln und Schaltern.

Obwohl die Power-to-Gas-Technologie ultramodern ist, basteln Forscher schon an der Zukunft der Zukunft. Neben der Anlage hat das ZSW (Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung) einen Forschungselektrolyseur in den Testbetrieb genommen und kann erste Erfolge melden: Aufgrund neuer Elektrodenbeschichtung erreichten die Wissenschaftler 20 Prozent mehr Leistungsdichte als der industrielle Anlagenteil von ED. Das bedeutet: Die Anlage erzeugt bei gleichem Bauvolumen und Energieverbrauch ein Fünftel mehr Wasserstoff als die Industrieanlage. Der ZSW-Elektrolyseur besteht außerdem aus weniger Einzelteilen und ist damit besser für die Serienfertigung geeignet. Damit könnten künftig die Kosten des Verfahrens gesenkt werden. „Ohne die Forschungsgelder hätten wir die Power-to-Gas-Anlage nicht darstellen können“, sagt Lennemann. Das Land fördert das Vorhaben mit 4,5 Millionen Euro. Für Ficht ist die Zukunft und der Bedarf des Wasserstoffantriebs unbestritten. Neulich war er in Berlin und stand vor einem Hochhaus, in dem zigtausend Menschen leben. „Ich dachte: Angenommen, jeder von denen würde bald ein E-Auto fahren – so viel Energie kann man gar nicht anbieten“, so Ficht. Das grüne Gas sei da eine wirklich gute Alternative.

Grün wird auch das Gebäude werden, das die Power-to-Gas-Anlage beherbergt. „Wir haben hohe Auflagen bekommen, etwa was Schallschutz oder Naturschutz angeht“, erklärt Ficht. Eine davon ist die Begrünung des Gebäudes – insgesamt 175 Quadratmeter – mit Efeu.