Grenzach-Wyhlen – Auf den ersten Blick stuft man die katholische Kirche St. Georg von Wyhlen kunsthistorisch nicht als besonders bedeutend ein. Wer sich jedoch intensiver mit diesem Bauwerk beschäftigt, kann Erstaunliches entdecken – besonders jetzt in der Passionszeit.

Die eindrucksvollen modernen Glasfenster von Emil Wachter, dem Schöpfer der einmaligen Autobahnkirche bei Baden-Baden, wurden bereits des öfteren besprochen und interpretiert. Wenig Beachtung jedoch finden das gotische Sakramentshaus von 1436, ein interessantes Epitaph (1677) aus der Vorgängerkirche, die barocke Madonna und das ebenfalls aus der Barockzeit stammende Kreuz. Auch die beiden wiederentdeckten 350 Jahre alten Statuen von Crispinus und Crispinanus sind von guter Qualität.

Flügelaltar wurde 1901 in Offenburg geschaffen

In erster Linie sieht man in dieser stattlichen Dorfkirche natürlich einen typischen Bau aus der Zeit um 1900, der Periode des Historismus, als unzählige Kirchenbauten entstanden sind. Man denke an die Kirchen von Schönau, Hausen oder Öflingen, um nur einige zu nennen. Erfreulicherweise gewinnen diese Bauwerke in jüngster Zeit immer mehr an Beachtung. Vor allem die Ausstattungen verdienen Wertschätzung, besonders die meist in spätmittelalterlicher Tradition gearbeiteten Altäre. Zu den qualitätsvollsten gehört ganz sicher der Flügelaltar von St. Georg, der 1901 im Atelier von Franz Josef Simmler in Offenburg für die alte Kirche gefertigt, 1906 schließlich im Chorraum der jetzigen Kirche aufgestellt wurde und 1913 einen Aufsatz, ein sogenanntes Gesprenge, bekam, das man leider bei der Kirchenrenovation 1972 entfernt hat.

In der Passionszeit sind nun zwei Altarbilder zu sehen, die man nur zwischen Aschermittwoch und Ostern bewundern kann, da sie sich auf den Rückseiten der beiden seitlichen Flügel befinden. Das linke Gemälde zeigt Jesus, auf dem Weg nach Golgatha, wie er Veronika das Schweißtuch mit seinem Abbild zurückgibt, auf der rechten Seite wohnt der Betrachter der Grablegung bei. Beide Flügelbilder sind von herausragender Qualität – ihren Urheber kennt man jedoch nicht.

Es drängt sich allerdings die Frage auf: Hatte der Maler Vorlagen, so wie auch im späten Mittelalter die Bildschnitzer Kupferstiche und Holzschnitte von Kollegen für ihre Altäre verwendet haben? Riemenschneider ist dafür ein gutes Beispiel, er hat häufig auf Kupferstiche von Martin Schongauer zurückgegriffen. Und tatsächlich, auch die Recherchen zu den Wyhlener Tafeln führten zu Vorlagen von Martin Schongauer. Vergleicht man Vorlage und Kopie, so erscheinen sie auf den ersten Augenblick identisch zu sein. Man könnte fast meinen, der Kopist habe mit einem Projektor die Schongauervorlage auf seine Holztafel projiziert und dann mit grauen, weißen und schwarzen Farben in sogenannte Grisaillemalerei umgesetzt.

So einfach ging das jedoch vor über 100 Jahren sicherlich nicht. Es war größte Sorgfalt nötig, wollte man den im Original nur 16 mal elf Zentimeter großen Kupferstich bis ins letzte Detail auf die neue Größe übernehmen, was dem Künstler in Wyhlen hervorragend gelungen ist.

Schaut man sich die Wyhlener Tafeln jedoch genauer an, so stellt man fest, dass der Künstler bei aller Präzision bemüht war, auch seine Handschrift mit einzubringen. Besonders sichtbar wird es in den Gesichtern, die deutlich „geglättet“ wurden und damit ganz dem Zeitgeschmack um 1900 entsprachen. Am Bildaufbau und den Faltenwürfen hat man jedoch praktisch nichts geändert.

Übrigens wurden auch für den Flügelaltar im Rheinfelder Ortsteil Eichsel Schongauervorlagen verwendet, aber bei weitem nicht so genial umgesetzt. Ein Weg nach St. Georg in Wyhlen lohnt sich also, denn an Ostern verschwinden die beiden Kunstwerke wieder bis zum nächsten Aschermittwoch.