75 Jahre alt ist die Karte des Reichsluftschutzbundes Ortsgruppe Wyhlen, auf der die Luftschutzkeller für die Bevölkerung eingezeichnet sind. Benno Westermann hat den historischen Ortsplan beim Archivieren der alten Kirchenunterlagen entdeckt.

Auf dem Ortsplan vom 10. Juli 1943 hat Wyhlen eine deutlich kleinere Dimension als auf heutigen Karten. Der Ort hatte damals rund ein Viertel der heutigen Bewohnerzahlen und die Bebauung konzentrierte sich vor allem rund um das Dorfzentrum beim Gasthaus Löwen entlang der Rheinfelder Straße, Klosterstraße und Bergstraße, die damals Jakob-Schaffner-Straße hieß, benannt nach einem NS-Ideologen mit Wyhlener Wurzeln.

Die Besonderheit der 75 Jahre alten Karte des Reichsluftschutzbundes Untergruppe Wyhlen ist aber nicht, dass sie ein genaues Bild der Gemeinde oder historische Straßennamen wiedergibt, sondern dass alle Luftschutzkeller, Wasserleitungen, Hydranten und Hauptabsperrschieber eingezeichnet sind. Die Häuser mit Luftschutzkellern sind schraffiert dargestellt und Eingänge sowie Notausgänge mit Pfeilen markiert.

„Nicht jedes Haus hatte einen speziellen gemauert Luftschutzkeller, dass waren auch einfach betonierte, brandsichere Decken im Gegensatz zu Holzdecken“, erklärt Benno Westermann, der die Karte in den alten Beständen der katholischen Kirchengemeinde entdeckt hat. Seit zehn Jahren räumt er ehrenamtlich das Archiv für die Kirchengemeinde ein. Im Jahr 2006 war Westermann gefragt worden, ob er anlässlich des 100-jährigen Kirchenbestehens einen Beitrag zur Geschichte der Kirche schreibe. Westermann sagte zu und griff auf die Originaldokumente zurück. Viele Unterlagen fand er in schlechtem Zustand vor, untergebracht im Speicher des Pfarrhauses. Sein Vorschlag, ein Archiv einzurichten, stieß beim Pfarrgemeinderat und bei Pfarrer Uwe Schrempp auf ein offenes Ohr. „Dann habe ich diesen Raum bekommen, ein wunderschönes zweites Wohnzimmer für mich“, meint Westermann.

Der 77-jährige Benno Westermann hat selbst noch Fliegeralarm erlebt. Das hieß: Alles stehen und liegen lassen, und Schutz in einem Bunker suchen.
Der 77-jährige Benno Westermann hat selbst noch Fliegeralarm erlebt. Das hieß: Alles stehen und liegen lassen, und Schutz in einem Bunker suchen. | Bild: Horatio Gollin

Westermann hat noch eine zweite Karte mit dem südlichen Gemeindegebiet gefunden, wo rund um das Wasserkraftwerk wenige Häuser eingezeichnet sind, und eine Karte mit dem Ortsteil Rührberg. Lediglich drei Luftschutzkeller finden sich in der damals sehr überschaubaren Ansiedlung, während Westermann auf der Wyhlener Ortskarte rund 120 Luftschutzkeller, nahezu jedes zweite Haus zählen konnte. „Ich erinnere mich noch an die Kriegszeit“, erzählt Westermann. „Fliegeralarm hieß, alles stehen und liegen lassen. Bei uns versammelten sich bis zu 15 Leute vom Kleinkind bis zur Oma, die kaum noch die Treppe runterkam.“ Er erklärt, dass die Leute, die Dienst beim Reichsluftschutzbund versahen, meist Frauen waren, die als eine Art geschultes Hilfspersonal die Leute auf Luftangriffe vorbereiteten und im Ernstfall anleiteten.

„Ich nehme an, dass ein Luftschutzwart so einen Plan hatte, um die Leute zu informieren. In einem kleinen Dorf wussten die Nachbarn ja, wo sie unterkamen. Aber mit so einem Plan konnte die Bevölkerung vorbereitet werden“, sagt Westermann und verweist auf eingezeichneten Wasserleitungen und Hydranten, deren Lage im Brandfall wichtig ist. „Man kann aber sagen, dass Wyhlen Gott sei Dank keinem solchen Luftangriff unterlag“, meint Westermann, den vor allem zwei Aspekte an der historischen Karte faszinieren. „Das eine ist der Luftschutz, und zweitens spiegelt die Karte die Situation des Dorfes wieder. Es ist der lokale Aspekt. Das ist ja keine Kirchengeschichte.“

Der 77-Jährige lebt seit 41 Jahren in Wyhlen. Vor seinem Ruhestand war Westermann von 1977 bis 1991 als Leiter der Karl-Rolfus-Schule tätig und zuletzt als Schulrat mit dem Bereich Behindertenpädagogik beim staatlichen Schulamt in Lörrach. Geschichte hat ihn schon sein Leben lang gefesselt und begeistert.

„Jetzt habe ich dieses schöne Hobby“, sagt Westermann über sein Ehrenamt. Er hat Unterlagen gesichtet, archiviert, Neues gesammelt und auch vieles selbst zur Kirchengeschichte in Wyhlen verfasst und etwa in den Jahresheften des Vereins für Heimatgeschichte veröffentlicht. „Beim Studieren habe ich immer neues Interessantes gefunden, was ich dann veröffentlicht habe. Stück für Stück habe ich neue Themen aufgegriffen“, sagt Westermann. Mit den Karten des Reichsluftschutzbundes hat er allerdings keine weiteren Pläne. „Die Karten habe ich schon vor einigen Jahren entdeckt und auch der Gemeindeverwaltung gezeigt, damit sie sich Kopien machen kann. Jetzt habe ich sie hier im Archiv und hüte sie, um sie als zeitgeschichtliche Dokumente der Nachwelt zu erhalten“.