Während der Verfolgung der jüdischen Mitbürger in der Nazizeit war der Grenzbereich zwischen Kleinhüningen und Grenzacher Horn eine Möglichkeit, möglichst ungefährdet über die Grenze in die Schweiz zu gelangen. Ulrich Tromm aus Lörrach, der sich seit einigen Jahren sehr intensiv mit dieser Geschichte befasst, konnte nach Auswertung zahlreicher Dokumente und Fotos neue Erkenntnisse dazu in einem Vortrag präsentieren.

Etwa 7000 Berliner Juden entgingen durch rechtzeitige Flucht der Deportation. Der Grenzbereich bei Basel wurde fast ausschließlich von Berliner Juden genutzt. Nachdem deren Zahl immer weiter anstieg, entschloss sich das Reichssicherheitshauptamt, einen unüberwindlichen Zaun zu bauen. Anfang August 1942 wurde dies der Schweiz mitgeteilt. Beauftragt wurden auswärtige Einheiten des Reichsarbeitsdienstes aus Siegen und Ferndorf. Gestützt auf senkrechte Pfosten entstand ein Verhau mit drei Metern Höhe und acht Metern Tiefe.

Dennoch, der etwas komplizierte Grenzverlauf im Wald an der Eisernen Hand veranlasste die Erbauer, den „kleinen Finger“ möglichst auszuschließen. Man forderte die Schweiz auf, selbst einen Zaun nahe des Maienbühlhofes zu errichten. Der lange Weg um den sehr schmalen „kleinen Finger“ herum, der teils nur 20 Meter breit ist, war sehr aufwändig. Die Schweiz aber ließ sich Zeit mit der Beantwortung, endlich kam aus Bern der Bescheid, dass dies keinesfalls erfolge, weil es eine Abtretung von Hoheitsgebiet gewesen wäre. Inzwischen war aber der Zaunbau abgeschlossen und die Einheiten abgerückt. So blieb der „kleine Finger“ unverschlossen und wurde später auch mehrfach zur Flucht genutzt.

Zwischen Weil und Grenzach entwickelte sich ein Fluchthelfernetzwerk, vor allem Luzia Schaub aus Weil war dabei führend. Zu ihren Unterstützern gehörte auch Xaver Beck, ein Grenzwächter aus Grenzach, der gleichzeitig Propagandaleiter der NSDAP-Ortsgruppe war. Er informierte über Zeiten mit sehr schwacher Grenzbewachung, etwa beim Wechsel der Mannschaften. Nachgewiesen ist, dass mindestens 15 Fluchten dank seiner Mitarbeit gelangen. Dass heute doch eine beachtliche Anzahl Fotos aus der Bauzeit des Zaunes vorliegen, geht auf den Kommandanten einer Einheit des Arbeitsdienstes zurück. Rudolf Vetter hatte seine Kamera mitgebracht und fotografierte seine Truppe.

Ulricht Tromm aus Lörrach befasst sich seit Jahren mit Archivmaterial zu Fluchten aus Deutschland in die Schweiz. Bild: Rolf Reissmann
Ulricht Tromm aus Lörrach befasst sich seit Jahren mit Archivmaterial zu Fluchten aus Deutschland in die Schweiz. Bild: Rolf Reissmann | Bild: Rolf Reißmann

Tromm verwies drauf, dass die Helfer auch beträchtliche Geldsummen für die Fluchten kassierten. „Diese Hilfe wurde zu einem lukrative Geschäft,“ sagte er. „Aber anderseits haben sie eben auch ganz eineindeutig Leben gerettet.“ Tromms Ausführungen stießen auf großes Interesse. Knapp 50 Zuhörer waren auf Einladung des Vereins für Heimatgeschichte gekommen. Aus eigenem Erleben berichteten einige Zuhörer, dass sie den Abbau des Zaunes bis zu Beginn der 70 Jahre noch beobachteten.

Ein Zaunabschnitt kurz nach der Fertigstellung. Schon hier wird deutlich, dass dies wirklich ein nicht zu überwindender Stacheldrahtverhau war.Ein Zaunabschnitt kurz nach der Fertigstellung. Schon hier wird deutlich, dass dies wirklich ein nicht zu überwindender Stacheldrahtverhau war.

Fluchtpunkt Grenzach: Ein Zaunabschnitt kurz nach der Fertigstellung im Jahr 1942. Schon hier wird deutlich, dass dies wirklich ein nicht zu überwindender Stacheldrahtverhau war. Bild: Privatarchiv Rudolf Vetter/Kreisarchiv Lörrach