Herr Forter, wie bewerten Sie in der historischen Rückschau den Satz des damaligen Ministerpräsidenten Lothar Späth: „Das Zeug muss raus“

„Egal, was es kostet“. Späth hatte recht – aber er hat nicht aufgeräumt. Stattdessen wurde eine Billigsanierung umgesetzt, deren Folgen uns heute noch beschäftigen. Hätte man damals schon alles rausgeholt, wäre das Problem längst gelöst.

Im Oktober 1978 wurden Hunderte Fässer im Hirschacker ausgegraben und im schweizerischen Kölliken wieder vergraben.

Das Problem wurde verlagert und über mehrere Jahrzehnte lagen die Fässer dort. Dann haben die Kantone Zürich und Aargau sowie die Stadt Zürich die Totalsanierung der Deponie beschlossen. Knapp eine Milliarde Franken hat das gekostet – bezahlt hat die öffentliche Hand. Aber jetzt ist diese ausgehoben und beseitigt und das ist gut so.

In der Hirschackergrube aber weiß keiner so genau, was und wie viel da noch liegt. Für die Experten ist das zweistufige Sanierungskonzept – Teilaushub und hydraulische Grundwassersicherung – aufgegangen, die untersuchten Schadstoffe liegen unterhalb der zulässigen Grenzwerte.

Für die untersuchten Stoffe mag das zum jetzigen Zeitpunkt stimmen, aber es wurden nicht alle analysiert oder gar bestimmt. Außerdem ist ja nicht klar, was da noch nachkommt, da definitiv noch große Mengen hochgiftigen Chemiemülls im Boden sind.

Diese Kritik wurde auch an der Infoveranstaltung im Mai geäußert. Stimmt die Aussage denn trotzdem, das Trinkwasser von Grenzach-Wyhlen ist nicht in Gefahr?

Da das Trinkwasser nicht untersucht wurde, ist so eine Aussage meiner Meinung nach nicht haltbar. Zwar haben sie das Grundwasser mit Screening-Analysen untersucht. Dabei wurden zahlreiche Substanzen und auch unbekannte Schadstoffe gefunden. Das Trinkwasser aber wurde offensichtlich nicht so untersucht. Das ist aus meiner Sicht ein großer Fehler, weil das entscheidende Risiko nicht beachtet wurde. Das halte ich für gefährlich.

Ein Argument, das laut des beauftragten Ingenieursbüros HPC gegen einen Totalaushub spricht, ist die besondere Geologie.

Ja, der Muschelkalk. Dieses durchlässige Gestein wurde von Anfang an ins Feld geführt, um einen Totalaushub als ineffektiv darzustellen. Solange die Chemiemülldeponie, also die Schadstoffquelle, noch da ist, werden auch über die nächsten Jahrzehnte Schadstoffe austreten. Es ist ja nicht mal klar, was für Giftstoffe die Deponie tatsächlich enthält. Die zukünftige Überwachung wird Jahrzehnte dauern, ist teuer, und bringt trotzdem keine Sicherheit. Mit einem Totalaushub hätte man sich das alles sparen können. Und es wäre erledigt gewesen. So bleiben die Risiken noch mindestens 100 Jahre bestehen und drohen vergessen zu gehen.

In den 80er Jahren begannen Sie gemeinsam mit dem ehemaligen Journalisten Horand Knaub eine Inventur der Chemiemülldeponien in der Region aufzustellen. Wurden einige davon beseitigt?

Natürlich. Im Elsass sind zwei weg, in der Schweiz wurden alle ausgegraben. Nur im Kanton Baselland und in Deutschland nicht. Die deutschen Behörden machen da keine gute Figur, es bräuchte ein Standardvorgehen auf nationaler Ebene.

Immerhin die Kesslergrube wird nun auf dem Roche-Areal total geräumt. BASF will einen anderen Weg gehen – jenes Unternehmen, dass als Ciba Geigy hauptsächlich Chemiemüll in der Hirschackergrube abgelagert hatte. Warum verhalten sich die Konzerne so unterschiedlich?

Das ist weniger eine Frage des Geldes, als des Images. Roche ist führend in der Krebsforschung, da ist die Verbindung mit potentiell krebserregenden Substanzen, die vergraben wurden, schlecht. Das Unternehmen hat wohl bei der Hirschackergrube erkannt, dass nur der Totalaushub das Problem löst.

BASF demzufolge nicht?

Nein. BASF will ihren Teil der Kesslergrube ja nur so gut wie möglich einkapseln. Diese Billiglösung hält wohl maximal 50 Jahre. Spätestens dann geht alles wieder los.

Die Gemeinde kämpft weiter mit Muttenz und Riehen dafür, dass die BASF doch noch eine Totalsanierung der Kesslergrube umsetzt. Was raten Sie im Hinblick auf die Trinkwasserproblematik?

Grenzach-Wyhlen sollte darauf beharren, dass das Trinkwasser regelmäßig und ausgiebig untersucht wird. Oder selbst Analysen in Auftrag geben und der Industrie in Rechnung stellen.

Damit müsste die Gemeinde dann wohl in Vorkasse gehen – angesichts der angespannten Haushaltslage eher schwierig.

Es sind ihre Bürger, die dieses Wasser trinken. Was die Kosten angeht: Ich befürchte, in zehn, oder 20 Jahren steht die nächste Teilsanierung an, das wird erheblich teurer. Ich vergleiche das mit einem Hausputz: Wenn Sie in Ihrer Wohnung drei von vier Zimmern putzen, können Sie auch nicht sagen, alles sei sauber.

Eindrückliches Beispiel

Nein, eigentlich ist es banal. Die Idee ist, aufzuräumen.

Fragen: Verena Pichler