Ein 60-jähriger Mann befuhr kurz nach halb sieben die Solvaystraße in Wyhlen, wo der 35-Jährige stand und kurz vor dem Auto auf die Fahrbahn trat. Der Fahrer hielt an, der Mann fuchtelte mit einem Messer herum. Dann ging er auf die Verkehrsinsel.

„Ich hatte den Eindruck, er ist hochgefährlich“, sagte der Autofahrer beim Prozessauftakt vor dem Landgericht Freiburg. Hinter sich sah er ein junges Paar, von dem er den Mann ablenken wollte. Deshalb ließ er die Scheibe herunter und fragte ihn, ob er verrückt sei, mit dem Messer herumzulaufen.

Angeklagter mit psychischen Problemen

Daraufhin sei der Mann auf ihn zugestürmt und habe durch das geöffnete Fenster in seinen Hals gestochen. „Das Blut ist herausgeschossen, ich dachte, ich verblute“, sagte der Fahrer, der von dem Vorfall noch immer spürbar mitgenommen und seitdem arbeitsunfähig und in psychiatrischer Behandlung ist. Weil er kein Handy dabei hatte, stieg er nach kurzer Zeit in der Hoffnung aus, Passanten würden den Notarzt rufen.

Der Beschuldigte blieb da stehen. Er habe zu ihm gesagt: „Du bist schuld, warum hast du mich angesprochen, das war Selbstverteidigung“, berichtete der Fahrer. Von der Polizei ließ sich der 35-Jährige widerstandslos festnehmen. Die Verletzung des Autofahrers war nicht lebensgefährlich, hätte es aber leicht sein können, so das Gutachten der Rechtsmedizin. Während der Autofahrer meinte, der Mann habe kein Wort gesagt, bevor er zugestochen hat, berichteten drei Zeugen, er habe herumgeschrien und gesagt: „Ich stech‘ dich ab!“ Nach dem Stich habe er gesagt: „Oh, musst du jetzt weinen?“, berichteten zwei Zeuginnen.

Alkohol bei Tat im Spiel

„Was ich angestellt habe, tut mir Leid, ich bin eigentlich kein böser Mensch, eigentlich bin ich ein netter Mensch“, sagte der Beschuldigte vor Gericht mit brüchiger Stimme. „Mir war an diesem Tag langweilig, deshalb habe ich Alkohol getrunken“, erklärte er. Das sei der Grund für seine Tat gewesen. Allerdings hatte er kaum mehr als ein Promille.

Traumatisches Erlebnis verstärkt Psychose

Der Beschuldigte hat die Förderschule besucht, lebte danach zwei Jahre in einem Jugenddorf, hat eine handwerkliche Ausbildung gemacht und in verschiedenen Jobs gearbeitet. Zuletzt war er seit einem guten Jahr arbeitslos. 2013 hat der Beschuldigte in einer Spielothek gearbeitet. Kurz vor Mitternacht kam ein maskierter Mann mit einer Pistole bewaffnet herein, schoss in den Fußboden, verlangte Geld und schlug den jetzt Beschuldigten mit der Waffe ins Genick. Der Täter wurde nie ermittelt.

Messer „zur Selbstverteidigung“

Dieser Überfall hat das Leben des 35-Jährigen verändert. Wie ein psychiatrischer Gutachter sagte, habe er schon zuvor eine latente Psychose gehabt, durch den Überfall sei die aber verstärkt zum Ausbruch gekommen. Er habe in Angst gelebt, sich auf der Straße unsicher und verfolgt gefühlt und zur Selbstverteidigung ein Messer bei sich gehabt.

„Patient hat erhebliche Auffälligkeiten“

„In letzter Zeit gehe es ihm besser, wenn er ein graues T-Shirt trage, gebe ihm das Schutz“, berichtete der Psychiater. Der 35-Jährige habe öfters nicht nachvollziehbare Gedanken, es gebe erhebliche Auffälligkeiten und psychotische Symptome.

Probleme mit früherem Arbeitgeber

Es gab mehrere Vorfälle, wo er davon sprach, sich das Leben zu nehmen. Bereits 2016 hat der Beschuldigte einen Radfahrer mit einem Messer bedroht. Im August 2017 wollte er von seinem Arbeitgeber entlassen werden. Nach mehrfacher Aufforderung habe ihm der Chef gekündigt, allerdings unter Einhaltung der gesetzlichen Kündigungsfrist. Der Beschuldigte wollte aber fristlos entlassen werden, war deswegen wütend und wollte dem Chef einen Brandpfeil in die Wohnung schießen.

Das habe er dann nicht getan, doch Nachbarn wurden aufmerksam, weil er mit Pfeil und Bogen auf dem Grundstück seines Chefs herumschlich, und alarmierten die Polizei. Ein Zeuge des Vorfalls im Februar sagte, er habe den Beschuldigten vom Sehen schon gekannt. Einmal sei er auf der Straße vermummt auf ihn zugelaufen ohne zur Seite zu gehen.

Auch seine Vermieterin habe sich vor ihm gefürchtet, berichtet der Psychiater. Er war der Auffassung, durch sein psychotisches Erleben sei er eine ständige Bedrohung. Die Tat habe er im Zustand der Schuldunfähigkeit begangen. In diesem Fall kann ein Täter nicht bestraft werden. Der Psychiater empfahl jedoch die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. Der Prozess wird fortgesetzt.