Vor wenigen Tagen wurde in Grafenhausen ein Ärztehaus eingeweiht, in dem mehrere Hausärzte sowie ein Zahnarzt praktizieren. Die ärztliche Betreuung im Ort hat aber nicht erst mit dem Neubau in der Ortsmitte begonnen, eine ärztliche Versorgung gibt es bereits seit 56 Jahren. Im Rahmen der Einweihungsfeier ließ Christian Bohl in einer humorvollen Zusammenfassung die Geschichte der Hausarztpraxis in Grafenhausen Revue passieren.

Nahezu sechs Jahrzehnte ärztliche Betreuung in der Region Grafenhausen: Allgemeinarzt Christian Bohl, der übrigens heute seinen 70. Geburtstag feiert, erinnert sich: „Mein Vater Rainer Bohl begann die Praxis 1962 in sehr ländlicher Dorfstruktur. Von Waldshut kommend fuhr man auf dem Weg zur Praxis innerorts an sechs Misthaufen vorbei, nur die Schaffhauser Straße war damals geteert.“

Die ersten Jahre

„Mein Vater war ausgebildeter Chirurg, arbeitete dann als angestellter Arzt in einer Schweizer psychiatrischen Klinik, zuletzt tätig in der Pharmafirma La Roche in der Entwicklungsabteilung Sedativa+Psychopharmaka mit Aussicht auf einen leitenden Posten in der Zentrale in Basel“, erinnert sich Christian Bohl. Doch halt! „Weg von der Medizin am Reagenzglas, mein Vater wollte wieder ganz nah bei den Menschen sein und die Versorgung der ländlichen Bewohner des Schwarzwalds übernehmen“, so Christian Bohl. Das bedeutete ab sofort: Arzt sein für alles bei Allen. Die Kinder wurden daheim geboren, sie bekamen epidemisch Scharlach, Masern und Keuchhusten. Und gestorben wurde sowieso nur daheim im Kreis der Angehörigen.

Behandlung durch Gemeindefee

„Vormittags wehte durch die Praxisräume der dominante Hauch nach Wundbehandlung, gemischt mit dem Geruch nach Waschäther und Jod. Im täglichen medizinischen Angebot: offene Beine in sämtlichen Stadien der Heilung, sekundärheilende Wunden nach Wundmanagement in Eigenregie oder Behandlung durch die Gemeindefee Schwester Luzida. Ins Krankenhaus wollten die Patienten nur mit dem Kopf unterm Arm. Nachmittags folgten bis zu 20 Hausbesuche. Auf dem Hinweg waren die Plastiktüten voll mit Fiebersäften sowie sämtlichen medizinischen Bedarfsprodukten. Auf dem Rückweg in die Praxis waren die Taschen zum Bersten gefüllt mit Speck, Eiern und Selbstgebackenem der Marke dankbarer Patient.“ Erinnerungen, die Christian Bohl durch den Kopf gehen.

Sprechzeiten seien montags bis freitags von 8 bis 19 Uhr oder länger gewesen. Kurzum: bis der letzte Wartezimmerstuhl geleert war. Alle drei bis vier Wochen sei ein Wochenenddienst von Freitag bis Montagfrüh hinzugekommen. Eine Sicherheitsgurtpflicht gab es nicht, eine Notarztrettung auch nicht, aber jedes Wochenende schreckliche Verkehrsunfälle – für Jungkraftfahrer eine kurzlebige Zeit.

Einstieg in die Praxis

„1980 bin dann ich nach Lehrjahren in innerer Medizin, Chirurgie, Gynäkologie und Pädiatrie dazugekommen: mit Sonographie und EKG im Gepäck. 1985, nachdem mein Vater schwer erkrankte, kamen Andreas und Ingrid hinzu. Er wurde mit großem Hallo als der eigentliche Grafhuser-Bohl begrüßt, da er schon mit der Dorfjugend und später, in den Ferien, als Briefträger unterwegs war. Er kannte jeden und blieb mit vielen auch später beim Du. Er konnte sein Hobby, die Chirurgie, als H-Arzt mit großem Erfolg einsetzen. Es begann die Zeit des Großklinikums Grafenhausen.“ Zwischenzeitlich verfügte die Arztpraxis über ein analoges Röntgen-, Sonographie-, EKG und Ergometrie sowie Lungenfunktionsuntersuchungsgerät, Gastroskopie und Koloskopie, trockenchemisches Notfalllabor und die Teilnahme am Rettungsdienst. „Für Andreas und mich die berufliche Erfüllungszeit“, erinnert sich Christian Bohl weiter. „Doch dann am 19. Oktober 2003 verunglückte Andreas im Alter von 50 Jahren tödlich, Barbara und Markus verwarfen all ihre bisherigen Planungen und halfen, die Lücke zu schließen.“ Doch damit noch nicht genug, die Politik und die KV intonierten nun das große Streichorchester. Gestrichen: Schwangerschaftsbetreuung, Notfalllabor, Darm- und Magenspiegel, Kündigung der Rettungsdienstbereitschaft und zuletzt die Streichung der Röntgenleistung. Zusammengeschrumpft zur 08/15-Schmalspurpraxis mit viel zu großem Einzugsgebiet.

„Doch Ende gut, und vieles besser, Barbara und Markus bewirkten maßgeblich Errichtung und Umzug in die neue Praxis im Ärztehaus“, freute sich Christian Bohl. And last but not least gilt unser Dank den guten Feen, die den Ablauf des Betriebes ganz wesentlich mitbestimmen.“