Bin ich hier auf dem Rummelplatz? So viele Leute wie sonst nie gehen vor mir auf und ab, mit Kindern, Hunden oder ohne, und alle, die noch Haare haben, sehen ziemlich zerzaust aus. Maier erst recht, er ist der Zerzausteste von allen, der Oberzausling sozusagen. Wie er vor mir steht, die Frisur unordentlich wie ein Stall voller Igel, ist er eine seltsame Erscheinung. Den Eindruck verstärkt der blaue Lappen im Gesicht, als ob er seine wahre Identität nicht preisgeben will.

„Maier“, rufe ich erstaunt, „bist du schon im Fasnachtsmodus? Oder was soll dieses blaue Ding auf deiner Nase?“ „Dummkopf“, entgegnet er, „das ist eine Maske, die mich und andere vor dem Virus schützen soll. Aber du hast ja wieder alles verpennt, du ahnungsloser Schneemann du.“ Dann erzählt er mir von Pandemie und Lockdown, von Infektion, Quarantäne, Isolation, Impfung, Herdenimmunität und einem lausigen 2020, „nur du hast von alledem in deiner schneemännischen Einfalt nichts mitgekriegt.“

Aber wieso denn alle Leute zerzaust sind, will ich wissen, „so viel Durcheinander habe ich in meiner ganzen Laufbahn nicht gesehen.“ „Weil die Frisöre nicht arbeiten dürfen“, antwortet Maier, „damit das Virus keine Chance hat. Und überhaupt ist nichts wie sonst, nicht einmal Silvester hat richtig geknallt.“ Ja, stimmt, Silvester war auffällig ruhig, fast schon wie die Stille Nacht.

„Und es werden noch viele stille Nächte kommen“, murrt Maier, „sogar an Fasnacht.“ Was ihn jedoch am meisten wurmt: „Die Wirtshäuser sind zu. Kein Feierabendbier mehr, seit Monaten, und meine Kumpel fehlen mir auch, ich bin schon ganz kumpelentwöhnt. Es ist nicht lustig.“ Seine Leber werde es ihm aber sicher danken, versuche ich ihn zu beschwichtigen. „Meine Leber? Was nützt mir eine gute Leber, wenn der ganze Spaß fehlt? Wir sind doch soziale Wesen! Ich für meinen Teil brauche Gesellschaft, Austausch, Kommunikation. Aber klar, du weißer Haufen hast keine Ahnung davon, dir tut‘s das Niederwild, das an dir schnüffelt und vielleicht mal ein Bein hebt. Deine soziale Kompetenz ist so mager wie ein Toastbrot ohne Butter.“

Immerhin, erwidere ich, werde ich nicht so leicht infisziert, weil wir Schneemänner Wert auf große Abstände zueinander legen. Worauf Maier lacht: „Das heißt infiziert, Schlaule. Aber was soll‘s, ich muss weiter.“ Rückt seinen blauen Lappen zurecht und spricht mit feierlichem Ernst: „Pütz, ich wünsche Dir ein erfrischend neues Jahr und einen guten Verlauf.“ Guten Verlauf? So ein Banause. Wo ich doch gar nicht die Absicht habe, zu verlaufen. Weder heute noch morgen.

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