Ein Gast aus Ehingen war vor einiger Zeit zur Kurzerholung im Hotzenwald. Angetan von der vielfältigen Kulturlandschaft des südlichen Schwarzwaldes fragte der als Schlaule bekannte Besucher seinen Gastgeber, wo denn hier eigentlich der Räuber Hotzenplotz, von dem er als Kind gehört hat, gehaust habe. Schmunzelnd erklärte ihm der Gastgeber, dass der Räuber Hotzenplotz mit dem Hotzenwald nichts am Hut hat.

Der Gast reiste wieder ab, doch der Vorgang beschäftigte den Gastgeber weiterhin in gewisser Weise. Bis sich vor kurzem dem Gastgeber die Möglichkeit bot, dem Sachverhalt auf den Grund zu gehen. Als Eisenbahnfreund wurde er nämlich auf einen Fernsehbeitrag mit dem Untertitel „Mit der Bahn nach Hotzenplotz“ hingewiesen. Schon bevor die Sendung ausgestrahlt wurde, machte er sich über das Internet in der Reiseauskunft der Deutschen Bahn AG mit „Abfahrtsort: Bad Säckingen, Zielort: Hotzenplotz“ kundig.

Tatsächlich hat die Deutsche Bahn diese Haltestation auf ihrem Server, allerdings mit dem Klammerzusatz CZ. Jetzt war klar, dass diese Ortschaft in Tschechien liegt, genauer gesagt, im südlichen Schlesien. Nach Hotzenplotz (heute Osoblaha genannt) wurde 1898 von Röwersdorf (heute Tremesna ve Slezsku) aus eine etwa 20 Kilometer lange Schmalspurbahn mit 760 Millimeter breiten Gleisen gebaut, auf der noch täglich vier- bis fünfmal Züge verkehren.

Wer von Bad Säckingen aus dorthin fahren will, schafft es allerdings nicht am gleichen Tag. Die schnellste Verbindung nach Hotzenplotz (CZ) bei achtmaligem Umsteigen dauert 18 Stunden und 18 Minuten (21.58 Uhr bis 16.16 Uhr). Die Reise geht über Basel, Karlsruhe, München, Wien, Breclav, Ostrava-Svinov, Krnov und Tremesna ve Slezsku nach Osoblaha. Es könnte aber auch eine Strecke in Anspruch genommen werden, auf der man nur fünfmal umsteigen muss. Auf der wäre man jedoch 22 Stunden und 20 Minuten unterwegs (9.56 Uhr bis 8.16 Uhr). Diese Fahrt verläuft über Basel, Berlin nach Ostrava-Svinov (und weiter wie oben).

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Man muss schon ein ausgesprochener Räuber-Hotzenplotz-Fan und darüber hinaus ein Eisenbahn-Liebhaber sein, um diese Tour auf sich zu nehmen. Der ökonomisch denkend und handelnde Oberschwabe sieht davon ab, obwohl er von Ehingen aus nur 13 Stunden und drei Minuten unterwegs und sogar am gleichen Tag (7.13 Uhr bis 20.16 Uhr) am Ziel wäre. Bei fünfmaligem Umsteigen könnte er über Ulm, München und Wien mehr als fünf Stunden schneller und etliche Euro billiger als ein Hotzenwälder nach Hotzenplotz gelangen.

Im kleinen Städtchen Hotzenplotz gibt es vom gleichnamigen Räuber allerdings nichts zu entdecken. Der Erfinder der Kinderbuchfigur Otfried Preußler (1923 bis 2013), stammte aus dem heute tschechischen Reichenberg (Liberec). Er hatte im Heimatunterricht von der Ortschaft mit dem sonderbaren Namen gehört und taufte kurzerhand den Räuber in seinen Kasperle-Büchern danach.