In Oberwihl, einem Ortsteil der Gemeinde Görwihl im Hotzenwald, befindet sich einer der größten Arbeitgeber im Landkreis Waldshut: Freudenberg Sealing Technologies (FST). Seit fast 60 Jahren stellt er O-Ringe (Dichtungsringe) für Automobilkunden, Bau- und Landmaschinen, die Lebensmittelindustrie, Gebäude- sowie Medizintechnik her. Die Dichtungen kommen in Motor, Getriebe, Fahrwerk, Lenkung, Klimaanlage, Bremse, Turbolader oder Elektronik zum Einsatz.

Ein Mitarbeiter beim Auswalzen von Elastomeren für die O-Ring-Fertigung im Werk Oberwihl, 1985.
Ein Mitarbeiter beim Auswalzen von Elastomeren für die O-Ring-Fertigung im Werk Oberwihl, 1985. | Bild: Horchler Dr., Michael (F&Co.)
Heute: So sieht die Arbeit zum Auswalzen von Elastomeren für die O-Ring-Fertigung im Werk Oberwihl jetzt aus.
Heute: So sieht die Arbeit zum Auswalzen von Elastomeren für die O-Ring-Fertigung im Werk Oberwihl jetzt aus. | Bild: Peter Schütz

Die Elastomere (Kunststoffe) für die O-Ringe werden seit fast 30 Jahren im Rohmischwerk in Oberwihl hergestellt. „Wir produzieren am Standort Oberwihl jährlich etwa 1,6 Milliarden O-Ringe“, berichtet Markus Lehnen, Leadcenter-Leiter für O-Ringe Automotive in Oberwihl, Freudenberg Sealing Technologies (FST). Am Standort in Oberwihl sind 368 Mitarbeiter tätig, davon sind 17 Auszubildende. Seit 1974 bildet das Unternehmen dort aus.

Das Werk der Firma Freudenberg Sealing Technologies im Jahr 1961.
Das Werk der Firma Freudenberg Sealing Technologies im Jahr 1961. | Bild: Freudenberg & Co. KG, Unternehmensarchiv

Der Startschuss in Oberwihl fiel im Jahr 1960, als Freudenberg die Fabrikanlagen einer ehemaligen Weberei übernahm. Die Unernehmenschronik von Freudenberg gibt Aufschluss über Vorgeschichte und Entwicklung. Dort ist zu lesen: Professor Egon Elöd, einer der technischen Berater von Freudenberg, hatte in den 1950er Jahren die Technik zur Herstellung eines maschinellen Textilgeflechtes (Bandgewebe) erfunden, aus dem Tischdecken und Handtaschen gefertigt werden konnten.

Geschäft für einen geflohenen ungarischen Schwiegersohn

Um seinem 1956 nach dem ungarischen Volksaufstand geflohenen Schwiegersohn, dem Grafen Ladislaus von Szentpaly, eine Existenz zu schaffen und die Erfindung zu vermarkten, erwarb er eine Halle eines ehemaligen Textilbetriebs in Oberwihl, wo eine Produktion eingerichtet wurde. 1956 kam es zur Gründung der Faberg-Produkte v. Szentpaly & Co. KG in den Gebäuden einer alten Textilfabrik. Kommanditisten waren Freudenberg & Co. (57 Prozent der Kapitaleinlage), Egon Elöd und Schweizer Investoren (Gruppe Billeter, je 17 Prozent) sowie Investoren aus Köln (Gruppe Hecker, zehn Prozent). Persönlich haftender Gesellschafter ohne Einlage und Geschäftsführer wurde Ladislaus von Szentpaly.

Große Schwierigkeiten bei der Geschäftsführung

Die Firma stellte Bandgewebe her. 1957 übernahm Freudenberg & Co. die Einlagen der Kommanditistengruppen Hecker und Billeter. Damit wurde Freudenberg & Co. neben Egon Elöd einzige Kommanditistin und hielt den größten Teil der Kapitaleinlagen. Ladislaus von Szentpaly hatte als Geschäftsführer große Schwierigkeiten, das Unternehmen, das zunehmend größere Verluste erwirtschaftete, zu führen. Bereits Ende 1956 war eine Kapitalerhöhung von 100 000 DM erforderlich.

Unternehmen wird 1960 liquidiert

Die schlechte Entwicklung des Unternehmens veranlasste Freudenberg Ende 1957, einen Mitarbeiter zur Unterstützung nach Oberwihl zu entsenden. Darüber hinaus unterstützte Freudenberg die Faberg-Produkte von Szentpaly & Co. über Jahre mit umfangreichen Krediten, um die immer wieder auftretenden Zahlungsengpässe auszugleichen. Als Ladislaus von Szentpaly 1959 von der Geschäftsführung ausgeschlossen wurde, war das Unternehmen nicht mehr mit vertretbarem Aufwand zu retten. Das Unternehmen wurde 1960 liquidiert.

Freudenberg übernimmt die Anlagen

Am 31. Oktober 1960 übernahm Freudenberg die Fabrikanlagen der Firma Faberg-Produkte v. Szentpaly &Co. in Oberwihl zusammen mit der Belegschaft von 60 Mitarbeitern, um dort eine Schleiferei von Formteilen für das nahegelegene Werk Schopfheim einzurichten. 1961 wurde Oberwihl ein selbstständiger Betrieb, in dem die O-Ring-Fertigung des Simrit-Werkes von Freudenberg zusammengeführt wurde. Dafür wurden erste Erweiterungsbauten erstellt. Die Belegschaft betrug zu dem Zeitpunkt rund 150 Personen.

Erweiterung und Aufschwung

1962 erwarb das Unternehmen die Lizenz zur Werkzeugherstellung und O-Ring-Fertigung von der Firma Parco/Los Angeles. Von 1964 bis 1970 erfolgte in fünf Bauabschnitten eine Erweiterung des Werks. Unter anderem wurde ein zweigeschossiges Sozialgebäude mit Waschräumen, Umkleiden und Speisesaal errichtet. 1970 wurden im Werk Oberwihl 288,6 Millionen O-Ringe gefertigt. 1976: Mithilfe des internen Qualitätssicherungsprogramms Q76 wurden die Produktionsverfahren verbessert und der Ausschuss reduziert.

Konzentration am Standort Oberwihl

Von 1985 bis 1987 entstand das erste Rohmischwerk für Elastomermischungen in Oberwihl. 1986 wurde das Werk Schopfheim geschlossen. Oberwihl übernahm die Fertigungen von Bremsmanschetten und einen Teil der Belegschaft. 1989 begann die Umstrukturierung zur Fertigung in Industriezellen. 1993 folgte die Beteiligung an der Precision Rubber Sealing S.r.l. (Italien) und Übernahme der Injection Molding (IM) Technologie (Spritzgussverfahren).

Millionen-Investition in Umbau

Diese Technologie wurde in den folgenden Jahren auch in Oberwihl eingeführt. 2005 wurde der Produktionsabschnitt „OR2010“ eingeweiht. Dort werden Dichtungen nach japanischem Vorbild gefertigt. 2011 wurde Oberwihl Leadcenter für das O-Ring-Geschäft für Automotive von FST weltweit, 2013 erfolgte ein umfangreicher Umbau des Betriebsgeländes. Kosten: zehn Millionen Euro. Der Standort Oberwihl sucht immer Fachkräfte und Auszubildende.

O-Ring-Qualitätskontrolle 1962.
O-Ring-Qualitätskontrolle 1962. | Bild: Freudenberg, Unternehmensarchiv
Heutige O-Ring-Qualitätskontrolle im Werk Oberwihl.
Heutige O-Ring-Qualitätskontrolle im Werk Oberwihl. | Bild: Peter Schütz

Im Lauf der Zeit verändern sich die Produktionsmethoden, so auch im Werk Oberwihl. Dazu äußert sich Astrid Kasper, Stellvertretende Leitung Unternehmenskommunikation der Freudenberg Gruppe: „In Bezug auf Produktion und Produkte hat sich natürlich ganz viel verändert – hinsichtlich mehr Automatisierung und Produktionsverfahren (Injektion Molding & Compression Molding) an sich.“

Angebotspalette vergrößert sich

Auch die verwendeten Materialien seien heute andere als damals. Denn sie seien abhängig von den Anwendungen, in denen sie eingesetzt werden – ein O-Ring für die elektronische Stabilitätskontrolle (EPS) im Auto habe völlig andere Anforderungen als einer, der in einer Klimaanlage im Motor verbaut sei. „Auch das Portfolio unserer O-Ringe hat sich stark erweitert. Zwar sind die Handgriffe der Kolleginnen in der manuellen Sichtkontrolle heute nicht viel anders als damals. Doch heute läuft ein großer Teil der Sichtkontrolle automatisch. Die Mengen der Produkte heute können nicht mehr nur manuell überprüft werden.“

Organisation und Angebot

  • Das Unternehmen: Freudenberg ist eine weltweit tätige Unternehmensgruppe, die sich seit ihrer Gründung im Jahr 1849 in Familienbesitz befindet. Das Unternehmen gehört heute rund 320 Nachkommen des einstigen Firmengründers Carl Johann Freudenberg. Stammsitz ist Weinheim in der Region Rhein-Neckar im Südwesten Deutschlands. Für FST sind weltweit rund 15 000 Mitarbeiter tätig, die Freudenberg-Gruppe beschäftigt fast 48 000 Mitarbeiter.
  • Die Produkte: Die elf Freudenberg-Geschäftsgruppen – die größte davon ist Freudenberg Sealing Technologies – bieten ihren Kunden Produkte und Dienstleistungen in einer Vielzahl von Branchen: von A wie Anlagen- und Automobilbau bis Z wie zivile Luftfahrt. Diese Vielfalt an Märkten und Produkten hat bei Freudenberg genauso Tradition wie das technologische Know-how.

Informationen zum Unternehmen finden Sie hier, weitere zur Sparte FST hier.