Karl Vollmer hatte sich für seine Ausstellung einer Bilderserie zu Paul Celans die Judenvernichtung thematisierendem Gedicht „Todesfuge“ Musik von den „Jonas Sisters“ gewünscht. Am Sonntagabend gab es so in der Pfarrkirche Herz-Jesu in Strittmatt im Rahmen des Görwihler Kultursommers zunächst die unter die Haut gehende Aufarbeitung eines Stückes Deutscher Geschichte und im Anschluss Jazz mit Eigenkompositionen des Bassisten Jonas Hoenig.

Vollmers Bilder zu Paul Celans Gedicht „Todesfuge“ haben den nach einem der Dreh- und Angelpunkte dieses Gedichtes benannten Titel „in den Lüften liegt man nicht eng“. Die vier großen hochformatigen Fahnen sind sowohl von der Vorder- als auch von der Rückseite bemalt.

Karl Vollmer stellte seine Bilderserie zu Paul Celans "Todesfuge" vor.
Karl Vollmer stellte seine Bilderserie zu Paul Celans "Todesfuge" vor. | Bild: Karin Stöckl-Steinebrunner

In Schwarz und Grün ist da ein menschlicher Rumpf abgebildet – „Hommage à l’homme“ – der sich auf der Rückseite aufzulösen scheint. Die zweite Fahne ist inspiriert durch die unfreiwilligen Antagonisten Celans, die goldblonde Margarete und die aschgraue Sulamith. In der dritten hat sich das Menschenähnliche in Pflanzliches verwandelt, die vierte spielt mit dem Gegensatz von Licht und Dunkel in Form unterschiedlicher Blautöne. Die Rückseite schließlich öffnet den Raum „Zwischen Himmel und Erde“. Vollmer las als Ergänzung zu seinen Arbeiten Celans Gedicht vor.

Zwei der vier Bilder der Serie zu Paul Celans "Todesfuge".
Zwei der vier Bilder der Serie zu Paul Celans "Todesfuge". | Bild: Karin Stöckl-Steinebrunner

Die „Jonas Sisters“, die schon im vergangenen Jahr ihr Publikum begeistert hatten, rissen die Zuhörer auch diesmal zu stehenden Ovationen hin. Die „Jonas Sisters“, das ist zum einen die Trompeterin Sonja Ott, die alle Nuancen von weicher, ganz intim in sich gekehrter Linie bis zu kurzen, harten, wie spitze Pfeile abgeschossenen Tönen beherrscht.

Das ist Gitarrist Dave Hassler, der mal eine Begleitung aus sanft wiegenden Wechselnoten, mal ein großartiges Schauspiel an Fingerfertigkeit bietet. Das ist Schlagzeuger Dani Schluchter, der es fertig bringt, Schlageinheit für Schlageinheit eines Stückes zu variieren, dem Schlagzeug ein ungeahntes Spektrum an Farbigkeit zu verleihen. Und nicht zuletzt Kontrabassist und Komponist Jonas Hoenig, der seinem Instrument nicht nur Flageolettmelodien zu entlocken vermag, sondern in seinen Stücken auch eine höchst lebendige, abwechslungsreiche musikalische Sprache beherrscht.

Als sprechende Beispiele seien hier nur zwei beim Kultursommer uraufgeführte Titel genannt, der eine – „Fünf-Uhr-Tee“ – vom letzten, und der andere – „Kaputtrepariert“ – von diesem Jahr. „Kaputtrepariert“ bezieht sich auf einen Bassverstärker und beginnt auch mit einem Bass-Ostinato. Synkopisch angelegte Gitarrenakkorde und voneinander abgesetzte Trompetentöne erzeugen einen magischen Drive. Der Rhythmus wird zum Dauerbrenner dieses Titels, sowohl Gitarre als auch Trompete legen absolut virtuose Soli hin.

Im extremen Kontrast dazu wirkt der langsame „Fünf-Uhr-Tee“ wie eine in Zeitlupe ablaufende Filmszene. Alle Töne werden einzeln angespielt, in möglichst noch leicht gedehnten Abständen zelebriert. Namentlich der Schlagzeuger scheint vor jedem Schlag noch mal kurz die Handbremse anzuziehen, wobei er hier besonders genial jeden Schlag mit einem anderen Touch, einer anderen Farbe versieht. Mit schlafwandlerischer Ruhe spielen Bass und Gitarre ihr fünftöniges Ostinato zum Solo der Trompete. Ganz unmerklich zuerst, dann immer deutlicher, baut das Schlagzeug Floskel für Floskel seine Präsenz aus, verdichtet sein Spiel. Der verträumte Wiedereinsatz der Trompete schließt den Bogen zum Beginn.