Durch den Hotzenwald ist ein Raunen gegangen, als der Brief an den Erzbischof vom Pfarrgemeinderat veröffentlicht wurde. Es heißt, Sie hätten darin einen ungewohnt scharfen Ton angeschlagen. Ist Ihnen beim Verfassen nicht mulmig gewesen?

Matthias Faißt: Nein. Dieser Brief war nötig, er war wichtig. Ich denke, dass wir damit in Augenhöhe miteinander kommunizieren. Wir brechen ja mit niemandem. Wir haben den Brief im Gremium erarbeitet und beschlossen. Somit haben wir einen breiten Rücken. Das Wir steht im Vordergrund.

Haben Sie schon eine Reaktion aus Freiburg erhalten? Den Brief haben Sie am 25. April an Erzbischof Burger verschickt.

Matthias Faißt: Nein, weder per E-Mail noch per Brief. Aber es gab Rückmeldungen von Privatpersonen und von Personen, die sich in der Kirche engagieren. Auch aus der Schweiz gab es Reaktionen, die uns bestärkten.

Franz Maise: Der Brief ist eine Initiative des Pfarrgemeinderates. Alle elf Pfarrgemeinderäte haben den Brief unterschrieben. Der Brief hat große Wellen geschlagen. Die Rückmeldungen waren alle positiv. Dann ist es schon etwas frustrierend, wenn ein Brief wie dieser so hohe Wellen schlägt, aber man vom Adressaten nicht einmal eine Empfangsbestätigung erhält.

Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger.
Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger. | Bild: Roger Köppe

Wieso eigentlich dieser Brief? Wer hat sie dazu aufgefordert?

Matthias Faißt: Erzbischof Burger hat in seiner Einführung in das Projekt Pastoral 2030 darum gebeten, sich in den Diskussionsprozess einzubringen. Dem sind wir nachgekommen.

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Was stört Sie besonders an dem Arbeitspapier aus Freiburg?

Dagmar Keck: Unsere Schwerpunkte sind die Menschen vor Ort, das Evangelium und der Glaube. In dem Papier aber fehlt all das. Es geht nur um die Organisation, aber wie der Glaube gelebt werden soll und was mit den Menschen vor Ort ist – das ist kein Thema.

Matthias Faißt: Wir vom Pfarrgemeinderat stehen draußen, wir werden gefragt. Wir müssen Rede und Antwort stehen. Da fühlt man sich schon alleine gelassen, das belastet jeden Pfarrgemeinderat.

Austritt aus der Kirche ist keine Option?

Matthias Faißt: Auf keinen Fall. Ich denke man würde sprichwörtlich, das Kind mit dem Bade ausschütten. Die katholische Kirche besteht nicht nur aus dem Pastoral 2030. Sie nimmt auch viele Caritative Aufgaben war, ohne die es schlecht bestellt wäre in Deutschland. Aber sicher macht man sich Gedanken, ob man sich wieder zur nächsten Pfarrgemeinderatswahl im März 2020 aufstellen lässt.

Ihre Kritik richtet sich auch an die Pläne, die Kirchengemeinden zu vergrößern. Warum?

Matthias Faißt: Wir haben diesen Prozess schon zweimal innerhalb von zehn Jahren durchgemacht. Mittlerweile ist die Kirchengemeinde aus früher fünf eigenständigen Pfarreien zusammengewachsen. Es ist uns dabei immer gelungen, ein gutes Miteinander zu schaffen.

Franz Maise: Das wird auch dadurch ersichtlich, dass alle wichtigen Entscheidungen einstimmig gefallen sind, obwohl Unterschiede vorhanden sind. Jede Gemeinde tickt anders, und das ist gut, das ist Vielfalt. Das haben wir im Hotzenwald gut hingekriegt. Deshalb empfinden wir es als Knüppel, die Kirchengemeinden nun um das Fünffache vergrößern zu wollen. Die Leute sind doch jetzt schon voll engagiert, da geht nichts mehr. Das Pastoral 2030 will noch mehr ins Ehrenamtliche abschieben. Aber die Ehrenamtlichen sind bereits jetzt an den Grenzen ihrer Kräfte.

Das Pastoral 2030 will die katholische Kirche wieder attraktiver machen. Aber Sie schreiben, dass das Gegenteil passiert. Warum?

Dagmar Keck: Woran wir uns stören, ist, dass es hier einen Wandel geben soll. Aber die Kirche hat sich keinen Schritt weiter bewegt.

Franz Maise: Uns wird gesagt, wir sollten alte Zöpfe abschneiden. Aber die Kirchenleitung versteckt sich hinter altem Kirchenrecht. Wir erwarten von Herrn Burger, dass er Druck auf Rom macht. Die Bischöfe sollen aufstehen.

Katholische Frauen sind, anders als evangelische Frauen, nicht zu kirchlichen Ämtern zugelassen. Ist das in der heutigen Zeit der Gleichberechtigung nicht kontraproduktiv?

Dagmar Keck: Auf jeden Fall, da wäre ein anderer Weg nicht verkehrt. Frauen übernehmen viele Aufgaben, ohne sie würde das alles gar nicht funktionieren. Ich zum Beispiel darf zwar Religion unterrichten, aber ich darf keine Sakramente spenden und keine Eucharistie feiern. Und weil ich eine Frau bin, darf ich kein Diakonat führen. Es ist ja nicht so, dass jede Frau am Altar stehen will. Aber es soll diese Möglichkeit geben.

Die katholische Kirche vermittelt aber ein ganz anderes Bild: Keine Frauen am Altar, Festhalten am Zölibat, dazu kommen die Missbrauchsfälle – ist der Priestermangel hausgemacht?

Franz Maise: Ein Stück weit schon. Darauf weisen wir ja in unserem Brief hin. Niemand will den Zölibat abschaffen, aber er soll freiwillig sein. Dieser Schritt kann vielleicht nicht die Lösung sein, aber er kann ein Teil der Lösung sein. Nur: Keiner in der Kirchenleitung ist bereit, diesen alten Zopf abzuschneiden. Und im Pastoral 2030 steht nichts darüber, wie der Priestermangel beseitigt werden kann.

Matthias Faißt: Man muss ja nicht alles umkrempeln, aber es gibt Erzdiözesen anderswo mit Veränderungen. In Deutschland könnte man kleine Fortschritte machen, kleine Zeichen setzen. Den Zölibat auf eine freiwillige Stufe zu heben, wäre ein Zeichen, dass sich in der katholischen Kirche etwas bewegt. Wir leben im 21. Jahrhundert, die Leute sind aufgeklärt. Da lässt sich der Zölibat nicht vermitteln.

Sie schreiben, „die Außenwirkung der katholischen Kirche ist eine einzige Katastrophe“. Im Ernst?

Franz Maise: Ein Beispiel: Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle wird schon wieder verwässert. In der Kirche ist es wie in den großen Volksparteien, aber sie haben es nicht erkannt. Ihnen geht es doch nur um reinen Machterhalt. Jeder will seine Pfründe behalten, das ist in der Kirche so, wie in der Politik. Alles andere ist schuld, nur sie selber nicht.

Wie viele Personen sind in der Kirchengemeinde St. Wendelin ehrenamtlich tätig?

Matthias Faißt: Genaue Zahlen haben wir nicht. Aber zu unserem ersten Ehrenamtsessen 2016 haben sich 120 Personen angemeldet. Mittlerweile sind es weit über 200. Es ist ihnen wichtig, was in ihrer Kirchengemeinde passiert.

Wird Ihr Brief etwas bewirken?

Franz Maise: Im Hintergrund läuft der Zug. Was jetzt kommt, können wir nicht verhindern. Es gibt bereits Vorschläge, wie die Großpfarreien aussehen werden. Dadurch wird aber, was zusammen gewachsen ist, wieder zerschnitten. Das wird nur neuer Aufruhr geben und neue Austritte.

Dagmar Keck: Es wird schwierig, aber ich sehe eine Chance darin, im Kleinen etwas zu bewirken, so dass unsere Pfarrgemeinde auf tragbaren Füßen stehen kann. Wir bleiben dran.