Der Rüßwihler Narrenratsabend am Donnerstag kam einem historischen, ja epochalen Ereignis gleich. Während die Republik von GroKo oder Jamaika-Koalition redet, macht das kleine Dorf am Südhang des Hotzenwaldes einen radikalen Schritt nach vorn. Narrenrat Thomas Eschbach gab zu Beginn des Abends bekannt, dass 99,9 Prozent der Eingeborenen dem Rexit – dem Austritt Rüßwihls aus der Großgemeinde Görwihl – zugestimmt hätten. Bei nur 0,1 Prozent Gegenstimme, die auch noch einen Namen hatte, nämlich Andreas Kilian.

Der proppenvolle Saal im Gasthaus „Lamm“ geriet aus dem Häuschen, als die Narrenräte sangen: „Jetzt ist Rüßwihl in Freiheit, jetzt ist Rüßwihl autonom und schwimmt gegen den Strom.“ Lukas Denz entfernte kurzerhand das Görwihler Wappen und ersetzte es durch dasjenige von Rüßwihl. Als die Insignien gehisst waren, bemerkte im Publikum derselbe Herr, der schon am Dorffest vor einem halben Jahr den Bau einer Mauer zwischen Rüßwihl und Görwihl ausgerufen hatte: „Egal, wie lange das Programm läuft: Wir sind jetzt eigenständig und keiner hat uns etwas zu sagen.“ Ein anderer brüllte: „Rüßwihl first!“ Es ging also wieder einmal hoch her. Was gut zu der ersten wirklichen Nummer passte, denn diese spielte in einem Görwihler Autohaus, wo hinter dem starken Mann nicht nur eine starke Frau, sondern auch eine starke Schwester steht.

Der Pizzabäcker hatte seinen Auftritt, während das Telefon der Schwester vom starken Mann ständig klingelte, und dann tauchte noch ein Mensch mit Gurkenmaske auf, was schließlich in der Liederzeile „Ein Körper wie ein Baum, eine Hüfte wie ein Traum“ endete. Nonsens vom Feinsten, was die zwölf Narrenräte in auf die Bühne zauberten. Respektlosigkeiten reihten sich an Zweifelhaftigkeiten, grundsätzlich war es aber zweifellos ein Vergnügen, den Herren zuzuschauen und zuzuhören. Die nicht einfach zu hantierende Technik spielte mit, die Texte saßen fast alle, ebenso die Kostüme, mal abgesehen von den Bikiniszenen. Die Lokalitäten bewegten sich zwischen Heimatmuseum, Whirlpool, „Lamm“, Rathaus und gegenüberliegender Metzgerei. In Ersterem fand ein Sonderausstellung-Casting statt. „Voodoo auf dem Hotzenwald“ kam in Frage, außerdem eine Schau mit Werbegeschenken, die die Welt nicht braucht. Danach waren die Sternsinger schon am 28. Dezember unterwegs („Eigentlich kommt sicher noch Text, aber heute ist alles verhext“) und suchte ein Herr eine Unterkunft in Görwihl – für Bruno und Richard Eschbach die Gelegenheit, ihren Witz beispielhaft für andere Narren auf die Bühne zu bringen. Nur die Schlussnummer war wieder mal unter aller Kanone. Scherz.

 

Die Akteure

Für den Rüßwihler Narrenrat der Chrutschlämpe-Zunft standen auf der Bühne: Thomas Eschbach, Matthias Eschbach, Markus Schrieder, Richard Eschbach, Bruno Eschbach, Xaver Lüttin, Max Oldorf, Oskar Oldorf, Lukas Denz, Luis Pfeiffer, Carsten Eschbach, Peter Walenciak. Ton: Karl und Joachim Süffert. Musik: U.K.W. solo (Bernd Geiss).