Das Heimatmuseum Hotzenwald in Görwihl hat an diesem Wochenende zum letzten Mal vor der Winterpause geöffnet – am Samstag während des Martinimarkts von 11 bis 17 Uhr, am Sonntag von 14 bis 16 Uhr. Vorerst letzte Gelegenheit also, eine Neuerwerbung zu betrachten.

Denn seit kurzem befindet sich im Trachtensaal eine Schönhengster oder auch Schönhengstgauer Tracht. Getragen hat sie bis vor fünf Jahren Maria Maier, Ehefrau des früheren Hausmeisters vom Heimatmuseum Fritz Maier. „Sie ist mir zu groß geworden“, sagt sie.

Maria Maier ist eine Heimatvertriebene aus Schönbrunn im Sudetenland. Die Tracht hat sie zum 50. Geburtstag im Januar 1984 von ihrem Mann geschenkt bekommen. Das Ehepaar Maier hat die Tracht kürzlich dem Heimatmuseum übergeben.

Angefertigt hat sie die Damenschneiderin Martha Kukla aus Schwarzenbruck bei Nürnberg – auch sie eine Heimatvertriebene aus Schönbrunn. Die Tracht wurde im Schönhengstgau, eine Region in Böhmen und Mähren, dem heutigen Tschechien, an Sonn- und Feiertagen getragen. Man geht davon aus, dass sie schon vor dem 16. Jahrhundert getragen wurde. Der Stil der Schönhengstgauer Tracht ist unverkennbar, nur die Bänder und Bestickungen variieren lokal.

Maria Maier, geborene Michl, kam als 15-Jährige im Juli 1949 als Heimatvertriebene aus Schönbrunn nach Görwihl. Ihre Mutter Antonie Michl hatte über eine Bekannte um Arbeit für ihre Tochter in der Weberei „Setalin“ in Görwihl angefragt – mit Erfolg. Der Direktor der Weberei, Anton Kalchhofer, konnte billige und gut ausgebildete Arbeitskräfte gebrauchen. Die Arbeits- und Lebensbedingungen waren schwierig. 1959 heiratete Maria Michl den Görwihler Fritz Maier. „Als die Schönbrunner nach Görwihl gekommen sind, gab es viel Skepsis“, erinnert er sich. Zu Unrecht, wie heute bekannt ist. „Sie haben sich gut eingelebt und Familien gegründet“, so Maier.

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Den Bezug zu ihrer Heimat Schönbrunn hat Maria Maier nie verloren. So erging es vielen Menschen aus Schönbrunn, denn schon Ende der 1950er-Jahre gab es erste privat organisierte Treffen. Ein solches Treffen fand 1992 in Görwihl statt. Dabei verstärkte sich der Wunsch, sich in der Schönhengstgauer Tracht zu zeigen. „Parktisch verschwand die Tracht während der Zeit der Vertreibung“, berichten Maria und Fritz Maier, „erst die Erinnerungskultur ließ sie wieder aufleben“.

Blick auf ein traditionelles Kleidungsstück: Die Tracht

Die Schönhengster Tracht ist eine alte Tragmiedertracht. Sie ist schon auf einem Grabstein in Mährisch Trübau von 1612 zu sehen. Um 1900 wurde sie nur noch auf dem Lande von älteren Frauen oder an Fasching zum Theaterspiel getragen. Das Mieder zeigt aufgenähte, moosgrüne Samtbänder, deren Zwischenräume mit Goldborten unterlegt sind.

Der Rock ist aus grünem Wollstoff mit dunklerem Besatz aus Serge oder Seidenstoff und unten orangerot paspeliert. Die Schürze ist mit Bauernrosen auf weißem Grund gemustert. Die Bluse ist aus weißem Leinen mit einer dichtgereihten Halskrause und Puffärmeln mit Ärmelrüschen. Die Strümpfe sind orangerot, die Schuhe schwarz mit messingfarbener Schnalle.

Heimatvertriebene

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Mai 1945 wurden die Deutschstämmigen aus den ehemaligen Ostgebieten sowie aus den annektierten deutschen Siedlungsgebieten in der Tschechoslowakei, Rumänien, Polen und der Sowjetunion enteignet und vertrieben.

Insgesamt kamen 14 Millionen Heimatvertriebene nach Deutschland, darunter auch die deutschstämmige Bevölkerung aus Schönbrunn. Schönbrunn war bis zum Kriegsende 1945 eine selbstständige Gemeinde im deutschsprachigen Gebiet Tschechiens im damaligen Sudetenland. Die Gemeinde hatte rund 2000 Einwohner, davon 180 Tschechen.

Mit dem ersten Transport von Vertriebenen im Dezember 1946 kamen acht Personen (fünf Erwachsene, drei Kinder), 1947 weitere neun Personen aus Schönbrunn nach Görwihl. Anfang der 1950er-Jahre waren es 50 Menschen aus Schönbrunn, die in Görwihl ein neues Zuhause gefunden hatten. (psc)